Indien Gentechnik steigert Baumwoll-Ertrag

Gentechnisch veränderte Baumwolle kann zumindest für die Kleinbauern in Indien ein Segen sein. Zu diesem Schluss kommen Forscher der Universität Göttingen in einer Langzeitstudie. Kritiker warnen jedoch vor ungewissen Risiken der grünen Gentechnik.

Baumwollmarkt in Kalkutta: Höhere Ernteerträge dank Gentechnik
DPA

Baumwollmarkt in Kalkutta: Höhere Ernteerträge dank Gentechnik


Göttingen - Das Ergebnis der Studie ist ganz im Sinne der Gentechnik-Verfechter: Indische Kleinbauern profitieren vom Anbau genetisch veränderter Baumwollpflanzen, berichten Forscher der Universität Göttingen. Der Einsatz von Pflanzen, die gegen bestimmte Schadinsekten resistent sind, habe durchschnittlich 24 Prozent höhere Erträge erbracht als der konventioneller Baumwolle, schreiben Matin Qaim und seine Kollegen im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". In Indien wird Baumwolle überwiegend von Kleinbauern auf Flächen von weniger als zwei Hektar angebaut.

Der Agrarökonom Qaim und seine Kollegen hatten über einen Zeitraum von sieben Jahren Daten zum Baumwollanbau in Indien erhoben. Die Ergebnisse zeigten, dass der Einsatz gentechnisch veränderter Baumwolle, sogenannter Bt-Baumwolle, nicht nur den Ernteertrag und den Gewinn der Bauern erhöhe. Zudem würden weniger chemische Insektizide eingesetzt.

Als Bt-Baumwolle wird gentechnisch veränderte Baumwolle bezeichnet, in die Gene des Bakteriums Bacillus thuringiensis eingesetzt wurden. Die Erbgutabschnitte codieren Proteine, die im Darm von Insekten zu Toxinen umgebaut werden. Auf diese Weise wirken sie gegen den Befall der Pflanzen mit Schadinsekten.

Die Vorteile seien während der Studiendauer tendenziell größer geworden, Resistenzen seien nicht aufgetreten, teilte die Universität Göttingen mit. In Indien seien mittlerweile rund sieben Millionen Baumwollbauern auf die gentechnisch veränderte Baumwolle umgestiegen. Bt-Sorten würden auf rund 90 Prozent der gesamten indischen Baumwollfläche angebaut.

Die in Indien gewonnenen Ergebnisse seien zwar nicht ohne weiteres auf andere gentechnisch veränderte Pflanzen und andere Länder übertragbar, räumte Qaim ein. Die Studie unterstreiche allerdings das Potential der Gentechnik für eine nachhaltige ländliche Entwicklung.

Kritiker bemängeln die ungewissen Auswirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen auf Umwelt und Artenzusammensetzung. Befürchtet wird etwa ein Genfluss zwischen kultivierten und Wildarten. Bei einigen Bt-Baumwollsorten traten regional Resistenzen der Schädlinge auf. Eine weitere Gefahr ist, dass sich Schadinsekten stärker ausbreiten, denen die Bt-Toxine nichts anhaben. Diese wiederum können vermehrt andere Pflanzengruppen befallen und dort den Einsatz von mehr Insektiziden nötig machen. Ein genereller Freibrief für die Gentechnik ist die neue Langzeitstudie daher nicht.

Gentechnik in der Landwirtschaft ist in Deutschland höchst umstritten. Verbraucher lehnen sie mehrheitlich ab. Es gibt immer wieder Proteste gegen den Versuchsanbau veränderter Pflanzen - nicht nur hierzulande, sondern beispielsweise auch in Großbritannien und in Frankreich. Der Chemieriese BASF hat Anfang des Jahres die Konsequenzen aus der Gentechnik-Skepsis europäischer Verbraucher gezogen. Er verlagerte den Bereich grüne Gentechnik komplett in die USA.

hda/dpa



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insgesamt 89 Beiträge
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Seite 1
BadTicket 03.07.2012
1. Bitte nicht vergessen...
...was auch schon mal hier geschrieben wurde: Selbstmord-Serie: Tausend indische Bauern gehen in den Tod - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/selbstmord-serie-tausend-indische-bauern-gehen-in-den-tod-a-446922.html) Aber es geht ja im Bericht nur um Erträge, nicht um die Menschen...
poisen82 03.07.2012
2. ...
Prinzipiell ist eine kritische Haltung gegenüber der Gentechnik nichts schlechtes, doch jedem sollte klar sein das der Bevölkerungsdruck uns auf kurz oder Lang zum Einsatz Gentechnisch veränderter Pflanzen zwingen wird. Es ist also zu begrüßen das die Forschung und Entwicklung zum jetzigen Zeitpunkt erfolgt wo uns die Lage der Dinge nicht zu überhasteten Maßnahmen mit vielleicht fatalen Folgen zwingt. Von daher kann man zu den Wissenschaftlern nur sagen: "Viel Erfolg, seid um Himmelswillen vorsichtig und lasst euch nicht von eurer Hybris zu Dummheiten verleiten"
Dzing 03.07.2012
3. 250.000 Selbstmorde wegen Gen-Saatgut
Wegen des Saatgutmonopols haben sich 250.000 Bauern in Indien umgebracht. Die Suizide häufen sich in den Baumwollregionen, besonders seit der Einführung der Gentech-Baumwolle im Jahr 2002. Damals sind die Kosten für Saatgut drastisch gestiegen. Deshalb machen die Bauern Schulden, die sie oft nicht mehr bedienen können - viele bringen sich dann um - siehe Alternative Nobelpreisträgerin über Gentech: "Die sind auf Lügen spezialisiert" - taz.de (http://www.taz.de/!77350/)
Dzing 03.07.2012
4. Quaim
Der Verfasser der Studie der Uni Göttingen ist übrigens Prof. Martin Quaim - einer der vehementesten Pro-Gentechnik-Streiter in Deutschland
olle_ole 03.07.2012
5. Schöne neue Welt
Zitat von sysopDPAGentechnisch veränderte Baumwolle kann zumindest für die Kleinbauern in Indien ein Segen sein. Zu diesem Schluss kommen Forscher der Universität Göttingen in einer Langzeitstudie. Kritiker warnen jedoch vor ungewissen Risiken der grünen Gentechnik. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,842163,00.html
Patente auf Lebewesen anzumelden ist nicht segensreich. Über das Monsanto und Co. - Saatgut wird eine neue Form des Kolonialismus begründet und etabliert. Wer das Saatgut kontrolliert, führt die einst teilweise freien Bauern wieder zurück in Leibeigenschaft. Diese Leibeigenschaft ist mittelbar. Sie muss nicht dauerhaft mit Gewalt durchgesetzt werden. Es reicht, wenn die speziellen Düngemittel, die das Saatgut braucht nicht geliefert werden und die wirtschaftliche Existenz des Bauers ist ruiniert. Er verhungert. Jede Form von Widerstand gegen die Interessen des Lehnsherren, also dem Saatgutlieferanten, wird unmöglich. Eine Situation, in der man auch kaum noch auf andere Produkte ausweichen kann, da die gesetzte Pflanze, die bestimmten Mittel des Lieferanten braucht. Es ist das Ausschalten jeder Form von Marktwirtschaft und Freiheit. Es ist der Rückschritt in die Feudalwirtschaft. Hab ich den Segen, den das ganze mit sich bringt übersehen? Wie laufen solche Studien ab? Messen die kurzfristige Ertragssteigerungen oder betrachten sie Systeme ganzheitlich. Wer hat diese Studie denn finanziert? Ich seh vor Fragen den Segen nicht. Aber vielleicht bin ich ja nur ein notorischer Miesmacher.
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