Bildband über indigene Gemeinschaften In einer anderen Welt

Auf vier Kontinenten hat der Fotograf Markus Mauthe die Vielfalt indigener Gemeinschaften dokumentiert. Seine einfühlsamen Aufnahmen zeigen Lebensräume, die immer stärker bedroht sind.

Markus Mauthe / Greenpeace

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Trotz eindringlicher Warnungen näherte sich John Allen Chau den Bewohnern einer abgelegenen Insel im Indischen Ozean. Der US-Amerikaner wollte die Ureinwohner missionieren - und wurde mit Pfeil und Bogen getötet. Der Vorfall erschütterte die westliche Welt. Und rückte ins Bewusstsein, dass es noch isolierte Flecken auf unserer Erde gibt.

Seit 30 Jahren ist der Naturfotograf Markus Mauthe in der Welt unterwegs, fernab der sogenannten bekannten Reiserouten. Solch dramatische Szenen hat er dabei nicht erleben müssen. Auch weil er bei seiner Arbeit äußerst behutsam vorgeht. Für seinen Bildband "LOST: Menschen an den Rändern der Welt" und seine Foto-Liveshow "An den Rändern des Horizonts" hat er indigene Volksgruppen auch in den entlegensten Winkeln der Erde besucht, um ihre Riten und Traditionen festzuhalten, ihren einzigartigen kulturellen Wert zu zeigen - und darauf aufmerksam zu machen, dass es sie vielleicht nicht mehr lange geben wird.

Mauthe unternahm Reisen zu 22 verschiedenen indigenen Gemeinschaften, wählte dafür verschiedene Lebensräume aus, Wald, Grasland, Wasser und Eis, besuchte Orte in Afrika, in Asien, am Nordpolarkreis und in Südamerika: vom abgeschiedenen Omo-Tal im äußersten Süden Äthiopiens bis zum nordöstlichsten Zipfel von Russland.

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Markus Mauthe:
LOST:Menschen an den Rändern der Welt

Knesebeck Verlag; 320 Seiten, 50 Euro

Nicht immer war es einfach, in die jeweiligen Länder zu reisen oder die nötigen Genehmigungen zu erhalten. Auch gesundheitliche Probleme ließen Mauthe manchmal an seine Grenzen geraten.

Fast immer begleitete ihn ein Einheimischer, der mit den Verhaltensweisen der Gemeinschaften vertraut war und die Sprache sprach. Wenn möglich blieb der Fotograf mehrere Tage in den einzelnen Dörfern und Gemeinschaften, er versuchte den Menschen näherzukommen, aber auch eine respektvolle Distanz zu wahren.

Die indigenen Gemeinschaften beeindruckten ihn alle sehr. "Der Großteil dieser Menschen lebt unter Bedingungen, die für uns, mit unserem westlichen Lebensstil, kaum erträglich waren", sagt Mauthe. "Sei es wegen des Mangels an sauberem Wasser oder einer ausgewogenen Ernährung, wegen extremer Umweltbedingungen wie Hitze oder Kälte oder dem Fehlen von praktisch jeglicher Bequemlichkeit."

Beim Fotografieren war ihm am wichtigsten, die Schönheit und Würde jedes Einzelnen hervorzuheben. "Ich habe versucht herauszuarbeiten, was sie einzigartig macht." Er zeigt Männer der Intha beim traditionellen Fischfang im Inle-See in Myanmar, Kinder der Mundari aus dem Südsudan beim Fangen von Rindern und Mitglieder der Munduruku, einem Amazonas-Volk, in traditioneller Kleidung.

Fotostrecke

23  Bilder
Mehinaku, Bajau und Tschuktschen: Indigene Gemeinschaften aus aller Welt

"In fast allen Dörfern, die ich auf meinen Reisen besucht habe, hat sich die traditionelle Lebensweise bereits mit Einflüssen der Außenwelt vermischt", sagt Mauthe. Die letzten indigenen Gruppen würden bald in die moderne Gesellschaft eingegliedert sein, die Vielfalt der Kulturen verschwinden.

So auch bei den Awá aus dem Amazonasgebiet. Keinen Kilometer von ihrem Dorf entfernt donnern jeden Tag Hunderte mit Eisenerz beladene Züge vorbei und bringen immer mehr Siedler mit, die tief in die Wälder vordringen.

Die Mehrzahl der Porträtierten habe lange im Einklang mit der Natur gelebt, doch ihre Lebensräume seien massiv gefährdet - durch Abholzung, Überfischung, Staudämme, der Suche nach Öl, Gas und anderen Rohstoffen, Plantagenwirtschaft und durch die Folgen der Klimaveränderung. "Mit meiner Arbeit versuche ich, den bedrohten Gemeinschaften eine Stimme zu geben, weil sie viel zu oft ungehört bleiben", sagt Mauthe.

Alles, was auf seinen Fotos zu sehen ist, gibt es noch, das Wissen und die Fähigkeiten sind noch vorhanden - aber niemand weiß, wie lange noch. Mit seinen Fotos will Mauthe diese Momente festhalten und hofft, dass wir versuchen, ihr Verschwinden zu verhindern.


Markus Mauthe tourt ab 13. November mit seiner neuen Foto-Live-Show "An den Rändern des Horizonts", die von Greenpeace präsentiert wird, durch Deutschland. Termine finden Sie hier. Der Eintritt ist kostenfrei.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
moev 30.11.2018
1.
---Zitat--- "In fast allen Dörfern, die ich auf meinen Reisen besucht habe, hat sich die traditionelle Lebensweise bereits mit Einflüssen der Außenwelt vermischt", sagt Mauthe. Die letzten indigenen Gruppen würden bald in die moderne Gesellschaft eingegliedert sein, die Vielfalt der Kulturen verschwinden." ---Zitatende--- Genau, am besten denen alles vorenthalten, damit sich übersatte Westler ab und an am Gedanken erfreuen können, dass irgendwo noch Menschen als quasi lebende Museums-Exponate existieren. Alles zeigen, von A bis Z und die selbst entscheiden lassen. Wenn Aliens so mit uns verfahren würden, würden wir alle die Fäuste gen Himmel schütteln und denken "Ihr #### teilt endlich eure Technologie, wir leben hier nicht als euer Museum"
huuhbär 30.11.2018
2. Grausamkeiten,
die wir Menschen im Rahmen von Wirtschaft und Wissenschaft, Beruf, Sport oder Hobby unendlich vielen Pflanzen und Tieren antun, scheinen die Menschen - mit harm'los oder sach'lich klingenden Namen bzw. Worte versehen - nicht mehr sehr zu berühren. Das Bildbuch ist sicher sehr beeindruckend.
jim_beam 30.11.2018
3.
"An den Rändern der Welt" der übliche imperial-kolonialistische Blick Europas über seine Grenzen hinaus. Unvorstellbar scheinbar, dass diese Regionen für die dort lebenden Menschen eher nicht der Rand, sondern das Zentrum der Welt sind. Es darf auch das Leben "im Einklang mit der Natur" nicht fehlen, obwohl sich diese Menschen "die Natur" ebenso zunutze machen wie wir selbst, vielleicht in anderem Umfang. Warum die Nutztierhaltung in Afrika mehr im Einklang mit der Natur sein sollte als bei uns, erschliesst sich nur dem Möchtegern-Kolonialherren. Man will diese Kulturen vor der Moderne bewahren, um sie wie im Zoo ausstellen zu können. Kein Gedanke daran, dass man nunmal grundsätzlich nichtmit dem Bulldozer durch anderer Leute Lebensraum fährt um eine Sojaplantage anzulegen, egal ob das eine "unberührte" Amazonaskultur oder eine europäische Großstadt ist. Über derartige Präsentationen könnte ich mich nur aufregen. Sehr empfehlenswert in diesem Zusammenhang ist der Film "Das Fest des Huhnes" von Walter Wippersberg. Gibt's bei Youtube, in bescheidener Bildqualität leider.
fotoman 30.11.2018
4. Tolles Projekt
Glückwunsch zu dem tollen Projekt, auch wenn hier manche mache kolonialirisch und sonst was schreien. Die Menschen leben so wie sie leben, weil es ihr Leben ist, mit dem sie glücklich sind. Es ist keine Frage, dass man ihnen etwas vorenthalten will, vielmehr ist es schade um jede Kultur die im Einheitsbrei der westlichen Konsumkultur untergeht. Dabei geht jedesmal Wissen verloren und eine Art zu leben, mit der die Menschen glücklich sind - auch wenn wir uns so ein Leben nicht vorstellen können... Es wäre zu wünschen, dass jedes Volk entscheiden kann, wieviel es von aussen aufnehmen will. Doch leider wird ihnen die Entscheidung all zu oft von Großkonzernen abgenommen, die im Wald nur Rohstoff sehen, die die nur die Rohstoffe unter der Erde wahrnehmen und denen es egal ist, was mit den Menschen darüber passiert, und und und...
theanalyzer 10.12.2018
5.
Ich möchte darauf hinweisen, daß es sich nicht um ein "Volk" handelt, sondern um "schon länger dort Lebende".Ich erlaube mir, den Grünen Robert Habeck zu zitieren: "die Idee eines ethnisch-identitären Volkes ist totalitär und ausgrenzend". Inzwischen begeben sich eben auch "noch nicht so lange dort Lebende" in alle Winkel der Erde. Diese sorgen dort für kulturelle Vielfalt, da die "noch nicht so lange dort Lebenden" auch ihre Kultur, Gebräuche, Wertvorstellungen und Werkzeuge mitbringen. Das nennt man dann einen nützlichen Beitrag zu einer bunteren Gesellschaft.
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