Indischer Ozean Tsunami-Warnung im Nirvana

Deutsche und indonesische Experten haben im Indischen Ozean gemeinsam ein Tsunami-Warnsystem aufgebaut. Doch eine ausgefeilte Hightech-Installation kann nur Leben retten, wenn ihre Signale die Anwohner tatsächlich erreichen. In dieser Hinsicht sind noch viele Probleme ungelöst.

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Man kann die kurze Geschichte des Tsunami-Warnsystems im Indischen Ozean auf zwei verschiedene Arten erzählen. Auf der einen Seite sind da die Schlagzeilen von gestohlenen und defekten Messbojen, von Verzögerungen beim Projektaufbau und von Warn-SMS, die irgendwo im digitalen Nirvana versackten. Auf der anderen Seite gibt es zehn erfolgreiche Warnungen vor potentiell gefährlichen Wellen seit dem Test-Start des Systems im Jahr 2008. Zahlreiche Leben dürften so gerettet worden sein.

Im Berliner Forschungsministerium bemüht man sich nach Kräften, die zweite Deutung zu propagieren. "Das System ist hoch leistungsfähig", wirbt Staatssekretär Thomas Rachel (CDU) im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Politik tut gut daran, die Werbetrommel zu rühren. Immerhin hat Deutschland den Aufbau des Warnnetzes nach dem verheerenden Tsunami vom Dezember 2004 mit rund 55 Millionen Euro unterstützt. Am Donnerstag sollen nun die Indonesier das alleinige Kommando übernehmen. Rachel reist für die Zeremonie nach Jakarta, begleitet von Jörn Lauterjung vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam (GFZ).

"Die Auswertungssoftware des Systems ist hier am GFZ speziell entwickelt worden", sagt Lauterjung. Auch er sieht das Warnnetz mittlerweile auf einem guten Weg. Die Berichte über gestohlene und zerstörte Bojen, sagt der Forscher, änderten daran nichts. Die schwimmenden Messplattformen seien für das Netz nicht allzu wichtig: "Das ist eines von vielen Systemen." Man sammle auch mit anderen Sensoren - Seismometern, GPS-Empfängern und Küstenpegeln - so viele Informationen, dass die Software "SeisComp3" innerhalb von fünf Minuten die Tsunamigefahr berechnen könne. "Darauf sind wir stolz", sagt Lauterjung.

Staatssekretär Rachel bezeichnet die Bojen als "Medienthema". "Für das eigentliche System spielen sie keine wichtige Rolle mehr." Viel bedeutender seien die Daten der Seismometer an Land und am Ozeanboden. Mit ihrer Hilfe ließe sich das Erdbeben im Fall des Falles genau lokalisieren. Die Potsdamer Software berechnet dann zunächst das konkrete Tsunamirisiko. Anschließend macht der Rechner den indonesischen Behörden Vorschläge, welche Küstenabschnitte evakuiert werden sollten. Diese Software hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) entwickelt.

"In der Regel haben wir 20 bis 40 Minuten"

Viel Zeit bleibt für Evakuierungen nicht. "In der Regel haben wir 20 bis 40 Minuten", sagt Lauterjung. Die Erschütterungen kommen normalerweise aus dem Gebiet des Sundagrabens. In diesem mehr als 2000 Kilometer langen Bogen taucht die Australische unter die Eurasische Platte. Indonesien - von der Nordwestspitze Sumatras bis zur Insel Flores im Osten - liegt ausgesprochen nah an der Subduktionszone. Nach Erdstößen aufgetürmte Wasserberge erreichen schnell die Küsten.

Im vergangenen Herbst stellten die Wellen ihre tödliche Wucht erneut unter Beweis. Als am 25. Oktober vor der Südküste Sumatras die Erde bebte, wurden die Mentawai-Inseln fünf Minuten später von den Fluten getroffen - rund 500 Menschen starben, weil für Evakuierungen nicht genügend Zeit blieb.

Auch sonst entscheidet jede Sekunde. Und hier könnte das neue System nach wie vor Schwächen haben - aller Sensor- und Rechentechnik zum Trotz. Denn die Warnungen aus der Zentrale in Jakarta erreichen ihr Ziele an den Küsten oft nur schwer. "Die schönste technische Installation nutzt nichts, wenn die Leute nicht reagieren oder nicht wissen, was sie mit der Warnung anfangen sollen", sagt Lauterjung. Rachel sieht dagegen Verbesserungen: "Die Indonesier haben in der Zwischenzeit eine Vielzahl nationaler Warnübungen durchgeführt."

Doch was sollen Menschen, die nicht lesen und schreiben können, mit Warnmeldungen auf dem Handy? Was passiert, wenn Lautsprecher geklaut und Satellitentelefone auf dem Markt verhökert werden? Und wie steht es um kleine Inseln vor der Küste, auf denen es vielleicht noch nicht einmal Strom gibt? "Das wird Indonesien in den kommenden Jahren angehen müssen", sagt Rachel. Die Regierung in Jakarta habe sich aber stets als "interessierter und kompetenter Partner" erwiesen.

Auch nach der offiziellen Übergabe des Warnsystems sollen noch etwa zehn deutsche Experten den Indonesiern unter die Arme greifen. Sie werden den Menschen auch erklären müssen, dass trotz aller Technik ein gehöriges Risiko für lange Küstenabschnitte bleibt. "Auch mit einem Frühwarnsystem", sagt Rachel, "kann man die Zahl der Opfer nur minimieren."

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