Fotoprojekt in Indonesien Tanz auf dem Vulkan

Tsunami-Warnschilder am Strand und Vulkanmitbringsel für zu Hause: Die Fotografen Miguel Hahn und Jan-Christoph Hartung zeigen, wie Naturkatastrophen den Tourismus in Indonesien prägen.

Hahn+Hartung

SPIEGEL ONLINE: Herr Hartung, Herr Hahn, bei Indonesien denkt man normalerweise an Traumstrände. Sie kombinieren für Ihr Fotoprojekt "The Beauty and the Beast" Tourismus mit Naturkatastrophen. Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Hartung: Das war ein totaler Zufall! Eigentlich wollten wir in Indonesien etwas ganz anderes fotografieren, nämlich wie für die Palmölindustrie der Regenwald vernichtet wird. Aber als wir dann dort waren, haben wir spontan entschieden, uns mit Naturkatastrophen zu beschäftigen. Mit Vulkanausbrüchen, Erdbeben und Tsunamis. Weil uns bewusst wurde, wie häufig so etwas dort passiert.

Zur Person
    Miguel Hahn und Jan-Christoph Hartung, Jahrgang 1982 und 1983, fotografieren seit ihrem Studium an der Hochschule Darmstadt zusammen. Von Berlin und ihrer zweiten Heimat Madrid aus arbeiten sie als Hahn+Hartung für verschiedene Magazine. Bei freien Projekten ist das Duo gerne im Ausland unterwegs, unter anderem ging es schon nach Vietnam und Kenia.

    Mehr Fotos gibt es unter: http://hahn-hartung.com/

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Orte und Menschen für Ihre Fotos ausgewählt?

Miguel Hahn: Für den Anfang haben wir einfach einige Anlaufstellen im Internet rausgesucht, zum Beispiel das Vulkanologie-Zentrum in Yogyakarta. Wir sind da hingefahren, reingelaufen und haben gefragt, ob wir fotografieren dürfen. Mit dem Vulkanologen von dort sind wir dann später auf einen Vulkan gefahren. Das hat sich immer so ergeben. Einmal haben wir uns mit einem australischen Erdbebenexperten getroffen, der uns einen belgischen Anthropologen empfohlen hat, mit dem wir dann wiederum einen Schamanen aufgesucht haben. Da hat eine Person zur nächsten geführt.

SPIEGEL ONLINE: Was war das spannendste Erlebnis?

Fotostrecke

17  Bilder
Leben am Vulkan: Faszination Gefahr

Hartung: Für mich, ganz klar, die Besteigung des Vulkans Merapi, der alle paar Jahre ausbricht. Da sind wir mit dem Vulkanologen hoch, von dem Miguel gerade sprach. Nachts um zwölf oder eins sind wir losgelaufen, damit wir morgens zum Sonnenaufgang ankommen. Wir brauchten so vier Stunden nach oben, bis kurz vor den Krater. Der Weg war mega anstrengend, nur bergauf. Es ist nachts, man sieht nicht viel, hat nicht geschlafen. Und dann steht man da oben, hat diesen sagenhaften Ausblick - und weiß gleichzeitig, wie gefährlich dieser Ort ist.

Hahn: Ja, das war beeindruckend! Überraschender fand ich allerding den Mount Ijen, unseren ersten Vulkan. Da sind wir auch nachts mit einem Guide hochgelaufen. Als es dann langsam hell wurde, haben wir gesehen, dass da noch Hunderte andere Leute unterwegs waren, teilweise in Badelatschen. Dass das so eine Touristenattraktion ist, damit hatte ich nicht gerechnet. Ich dachte, wir stehen da allein oben, nach dem relativ gefährlichen Aufstieg.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst auch Naturkatastrophen erlebt, als Sie in Indonesien waren?

Hahn: Während wir auf Java waren, ist dort der Vulkan Mount Bromo ausgebrochen. Aber da waren wir gerade an einem anderen Teil der Insel unterwegs, das war zu weit weg. Das haben wir auch nur in den Nachrichten gehört.

Hartung: Es ging uns auch nicht darum, das direkt zu fotografieren. Wir wollen diese idyllischen, paradiesischen Orte zeigen, an denen es gleichzeitig aber diese zerstörerischen Naturgewalten gibt. Auf Bali sieht man zum Beispiel am Strand häufig Schilder mit Fluchtrouten vor Tsunamis. Und wir haben ein Bild gemacht mit dem Merapi im Nebel, davor Urwald und im Vordergrund noch einige verbrannte Baumstämme vom letzten Ausbruch. Das trifft es recht gut.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch Objekte wie ein von Vulkanasche zerstörtes Handy und ein vom Erdbeben zerbeultes Auto fotografiert. Wie sind Sie da drangekommen?

Porträt der Fotografen Hartung (oben) und Hahn (unten)
Hahn+Hartung

Porträt der Fotografen Hartung (oben) und Hahn (unten)

Hartung: Gerade rund um den Merapi gibt es viel Katastrophentourismus. Man kann sich dort die zerstörten, alten Häuser angucken, die noch rumstehen. Und es gibt eben im ganzen Land so kleine Museen. Das sind keine staatlichen, offiziellen Museen, sondern die werden von Leuten betrieben, die damit ein bisschen Geld verdienen und ein paar Mitbringsel verkaufen wollen. Da kann man sich dann so etwas wie das Handy oder das Auto anschauen. Meistens ist das einfach nur ein Raum mit ein paar Dingen und ein paar Bildern drin.

Hahn: Teilweise mit Tesafilm an die Wand geklebt. Trotzdem merkt man auch, dass es den Leuten wichtig ist, dass die Touristen das mitkriegen. Ihnen ist es ein Anliegen, die Naturkatastrophen sichtbar zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Sie arbeiten zu zweit. Wie muss man sich das vorstellen?

Hartung: Wir reichen uns die Kamera hin und her. Es spielt keine Rolle, wer das Foto macht. Meistens weiß ich es am Ende nicht einmal mehr. Der andere kümmert sich ums Licht und um die Leute. Es macht mehr Spaß, zu zweit zu arbeiten. Außerdem teilt man sich die Verantwortung. Gerade bei so einer freien Arbeit kommen schon mal Zweifel auf, ob das wirklich gut wird. Dann kann man darüber reden und sich gegenseitig motivieren.

Hahn: Wir haben schon während des ersten gemeinsamen Projekts im Studium gemerkt, dass das einfach eine gute Sache ist.

SPIEGEL ONLINE: Nach zwei Monaten zwischen Tourismus und Naturkatastrophen, können Sie sich diese Faszination erklären?

Hartung: Ja, schon. Einerseits sind das natürlich gefährliche Orte, andererseits aber auch total beeindruckende Naturspektakel. Das kann ich schon sehr gut nachvollziehen, wenn Leute da hinreisen und sich das anschauen.

Das Interview führte Kathrin Fromm für das Fotoportal Seen.by.

Mehr zum Thema


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.