Brutstätte für Insekten: Die unheimliche Verwandlung des Plastikmüll-Strudels
In einem riesigen Plastikstrudel im Pazifik hat sich die Abfallmenge in den vergangenen 40 Jahren verhundertfacht. Vielen Tieren schadet der Müll, doch eine Art profitiert: Wasserläufer legen ihre Eier darauf ab und vermehren sich immens. Das könnte das gesamte Ökosystem beeinflussen.
Mit bloßem Auge ist der große Plastikmüll-Strudel mitten im Nordpazifik nicht zu erkennen. Der Müll, der dort in den oberen Wasserschichten treibt, ist größtenteils zu winzigen Teilchen zerrieben. Fische, Seevögel, Schildkröten und andere Meeresbewohner schlucken den Miniaturmüll - oft mit bösen Folgen.
Doch Forscher haben jetzt eine Art entdeckt, die von den Plastikmassen profitiert: Meerwasserläufer der Art Halobates sericeus legen ihre Eier auf den kleinen, herumschwimmenden Teilchen ab, berichtet ein US-Forscherteam im Fachmagazin "Biology Letters" der britischen Royal Society.
Früher waren die Insekten auf deutlich selteneres Treibgut wie Holzstücke, Vogelfedern, Bimsstein oder Muschelschalen angewiesen, berichten die Wissenschaftler um Miriam Goldstein von der University of California, San Diego. Das Plastik vereinfacht die Eiablage für Wasserläufer deutlich.
Die Forscher haben das Vorkommen der Wasserläufer im Zeitraum 1972/73 sowie 2009/10 verglichen. Rund 1600 Kilometer westlich von Kalifornien sammelten sie dafür Wasserproben. Außerdem werteten sie alle verfügbaren Messungen der Plastikkonzentration im Wasser von 1972 bis 1985 sowie 1999 bis 2010 aus. Sie interessierten sich dabei insbesondere für Teilchen mit weniger als rund fünf Millimetern Durchmesser, die auch als Mikroplastik bezeichnet werden. Stücke in dieser Größe machten bei den kürzlich entnommenen Proben gut 80 Prozent des gefundenen Plastiks aus.
Plastik im Fischmagen
Die Daten von 2009/10 zeigen: Wo viel Plastikmüll trieb, fanden sich auch viele Wasserläufer sowie deren Eier. Darüber freuten sich einige Vogel- und Fischarten, die die Insekten und ihre Eier fressen. Halobates ernährt sich wiederum von Zooplankton - ein starker Anstieg in der Insektenzahl bewirkt daher eine Verschiebung ganz am Anfang der Nahrungskette, was potentiell das gesamte Ökosystem beeinflussen kann.
Die Menge von Mikroplastik sei in den vergangenen 40 Jahren um das Hundertfache gestiegen, teilen die Forscher außerdem mit. Sie sagen jedoch nichts dazu, ob dieser Trend noch anhält. Vor knapp zwei Jahren kamen Wissenschaftler bei einer anderen Analyse zum Schluss, dass die Müllbelastung der Ozeane zwar hoch ist, aber nicht weiter zunimmt.
Als komplett mit Plastikstücken gespickten Teppich kann man sich den Müllstrudel im Pazifik allerdings nicht vorstellen. Den Forschern zufolge fanden sich 1972/73 in einem Liter Wasser rein rechnerisch 0,002 Mikroplastik-Teilchen. 2009/10 waren es 1,2. Da die Wissenschaftler insbesondere Plastik-reiche Gegenden ansteuerten, seien ihre Zahlen zudem sehr hoch, geben sie zu bedenken.
Wie sich das Plastik im Meer verbreitet, zeigte eine vor kurzem im Fachblatt "Marine Ecology Progress Series" veröffentlichte Studie: Demnach fand sich bei neun Prozent aller untersuchten Fische Plastik in ihren Mägen. Umgerechnet bedeute dies, dass die Fische in den mittleren Tiefen des Pazifiks im Jahr 12.000 bis 24.000 Tonnen Plastik verschlucken, berichteten die Forscher.
wbr
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