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21. November 2008, 11:00 Uhr

Insekten-Gehirne

Schaben haben ein Bewusstsein

Nicht nur Menschen sind sich ihrer selbst bewusst, glaubt der Wissenschaftsjournalist Alun Anderson. Sondern auch Schaben und Bienen. Anderson mahnt daher: Bevor man die Fliegenklatsche schwingt, sollte man sich überlegen - will man wirklich eine kleine Welt auslöschen?

Die Internet-Zeitschrift " Edge" versammelt in einer legendären Serie Beiträge der renommiertesten Wissenschaftler der Welt - und stellt ihnen unter anderem die Frage: Was halten Sie für wahr, ohne es beweisen zu können? SPIEGEL ONLINE präsentiert ausgewählte Antworten.

Schabe: Einander überlappende fremdartige Bewusstseinsformen
REUTERS

Schabe: Einander überlappende fremdartige Bewusstseinsformen

Ich glaube, dass Schaben bewusst sind. Das mag ein wenig reizvoller Gedanke sein für irgendjemanden, der mitten in der Nacht das Küchenlicht einschaltet und gerade noch sieht, wie eine Schabenfamilie Deckung sucht. Doch in Wirklichkeit steht es als Kurzformel dafür, dass viele sehr einfache Tiere bewusst sind, darunter auch attraktivere wie Bienen und Schmetterlinge.

Zwar kann ich das nicht beweisen, meine aber, dass es im Grunde eines Tages beweisbar sein müsste, wobei es mir intellektuell wie auch poetisch sehr vielversprechend erscheint, über die Welten dieser relativ einfachen Geschöpfe nachzudenken. Ich meine gewiss nicht, dass sie im gleichen Sinne bewusst wären wie Menschen – dann wäre die Welt langweilig –, sondern nur, dass es in der Welt von einander überlappenden fremdartigen Bewusstseinsformen wimmelt.

Wie kam ich auf den Gedanken einer solchen Bewusstseinsvielfalt? Vor meiner Laufbahn als Journalist habe ich zehn Jahre lang die Sensorien einer Reihe von Insekten erforscht, darunter Bienen und Schaben. Dabei inspirierte mich eine kleine Schrift von Jakob von Uexküll (1864–1944): Streifzüge durch die Umwelten von Tieren und Menschen. Ein Bilderbuch unsichtbarer Welten.

Dieses Büchlein regte die Nobelpreisträger Niko Tinbergen und Konrad Lorenz zur Gründung der Ethologie an als der Lehre vom tierischen Verhalten. Von Uexküll hatte sich ausdrücklich auf die "Umwelt" bezogen, also die Welt, wie Tiere sie wahrnehmen. Alles, was Tiere spüren, hat für sie eine Bedeutung, denn ihre Evolution besteht darin, sich ihrer Welt anzupassen und sie neu zu erschaffen. Aus der Erforschung der Tiere und ihrer Sensorien ging jetzt das Gebiet der sensorischen Ökologie hervor, das Wahrnehmungssysteme auf Lebensformen bezieht, und neuerdings erwuchs daraus die noch wildere Biosemiotik.

Ich habe eine Zeit lang erforscht, wie Honigbienen den Weg durch mein Labor finden konnten (sie hatten es gelernt, durch eine kleine Fensteröffnung hineinzufliegen), um eine verborgene Zuckerquelle anzusteuern. Bienen konnten alles über die Grundausstattung des Raumes lernen und zeigten sich verwirrt, wenn man Mobiliar in ihrer Abwesenheit verrückt hatte. Außerdem ließen sie sich leicht durch bestimmte Muster – besonders solche mit Punkten und Linien, die in abstrakter Form an Blumen erinnerten –, durch Blütendüfte und durch Gefahrensignale wie plötzliche Bewegungen ablenken. Wenn sie jedoch am Zucker schmausten, konnte sie fast nichts aus der Ruhe bringen, was es mir sogar ermöglichte, ihnen zur Kennzeichnung kleine Nummern auf den Rücken zu zeichnen.

Um mir dieses wandelbare Verhalten mit ständig wechselnden Zentren zu erklären, versuchte ich immer, mir die Sensorik der Bienen vorzustellen, deren Augen ausgesprochen empfindlich auf Flimmern und für uns unsichtbare Farben reagieren. Ich projizierte es gleichsam auf einen Bildschirm, wie ich mich zurücklehnen und alles, was um mich herum geschieht, vor meinem geistigen Auge "sehen", ja sogar einzelne Bilder und Klänge vergrößern kann. Die Objekte in der Bienenwelt haben eine ganz andere Gewichtung und "Bedeutung" als in unserer, weshalb eine Biene sich auf Dinge konzentriert, die wir kaum wahrnehmen würden.

Das genau meine ich mit "Bewusstsein" – das Empfinden, die Welt und ihre Assoziationen zu "sehen". Für die Biene ist es das Empfinden, eine Biene zu sein. Nicht, dass sie selbstbewusst wäre oder über sich selbst nachdächte. Aber das Problem, wie die Biene sich "empfindet", ist die gleiche unfassbar "harte Nuss" wie die Frage, auf welche Weise unser "Selbstempfinden" aus dem Nervensystem erwächst.

Zumindest ist die Bienenwelt hochgradig visuell und damit bildhaft vorstellbar. Die Sensorik anderer Geschöpfe kann man sich viel schwerer ausmalen. Nachtaktive Spinnen leben in einer Welt leisester Schwingungen und feinster Luftströme, mittels deren sie bei totaler Dunkelheit vorbeisurrende Fliegen aufspüren können. Die ihren Körper bedeckenden Fühlerhärchen sind um ein Vielfaches tastempfindlicher als unsere Haut.

Derart über einfache Geschöpfe zu denken heißt nicht, dem anthropomorphen Trugschluss zu erliegen. Bienen und Spinnen leben in ihren eigenen Welten, in denen ich keine menschlichen Motive am Werk sehe. Vielmehr bekenne ich mich zu einer Art Panpsychismus – zumindest so lange, bis wir erheblich mehr über die Herkunft des Bewusstseins wissen. Das mag mich zwar auf Distanz zu manchen Wissenschaftlern bringen, die meinen, ein Bienengehirn mit nur einer Million Neuronen könne höchstens eine Ansammlung von instinktiven Reaktionen mit irgendeinem einfachen Schaltmechanismus sein und kein Wesen mit einer zentralen Vorstellung von seiner Umwelt, das man als Bewusstsein auffassen könnte. Doch bleibe ich damit in der Nähe von Dichtern, die auch über die Welt niederer Geschöpfe staunen:

Wohin willst du Schnecke Bei diesem Regen kriechen?, fragte der Haiku-Dichter Issa.

Was die Schaben angeht, so sind sie ein wenig menschlicher als die Spinnen. Ähnlich wie die New Yorker, die sie hassen, leiden sie unter Stress und können ohne äußere Verletzung daran sterben. Sie leben ebenfalls in Hierarchien und kennen ihre kleinen Reviere sehr genau. Wenn sie fliehen, sollte man es sich zweimal überlegen, ob man eine andere Welt auslöscht.

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