Insekten Norddeutschland erlebt Marienkäfer-Invasion

Falls sie wirklich Glück bringen, müsste Norddeutschland derzeit darin schwelgen: Millionen von Marienkäfern sammeln sich in diesen Tagen auf Häusern, Bäumen und Wegen an der deutschen Ostseeküste und in Hamburg. Biologen erstaunt die Invasion kaum.

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Greifswald/Rostock/Hamburg - An den Küsten Mecklenburg-Vorpommerns sehen Urlauber und Einheimische derzeit rot: Marienkäfer sammeln sich zu Millionen auf Gehwegen, Häuserfassaden oder auch an den Ostsee-Stränden. In Rostock-Warnemünde verschonen die als Glücksbringer beliebten Tiere selbst Strandkörbe nicht. Auch Hamburg erlebt eine Invasion der kleinen Insekten, deren Bisse vollkommen harmlos sind.

Mancher fühlt sich an die Käferplage von 1988 erinnert. "Ich habe meinen nackten Arm einfach nur hochgehalten", erinnert sich eine Zeitzeugin, "nach einer Minute war er komplett mit Käfern bedeckt". Damals führten rote Baumalleen zur Ostsee - auf den Bäumen saßen so viele Käfer, dass Rinde und Blätter nicht mehr zu sehen waren.

Der Greifswalder Zoologie-Professor Jan-Peter Hildebrandt findet das massenweise Auftreten der Insekten kaum verwunderlich. Die Larven hätten in diesem Jahr ein hervorragendes Nahrungsangebot gehabt, sagt er. Eine derartige regionale Massenvermehrung sei alle paar Jahre regelmäßig zu beobachten. "Das hat nichts mit dem Klimawandel zu tun", betont er.

Von der Marienkäfer-Invasion und den Schwebfliegen, die in diesem Jahr ebenfalls in Heerscharen auftreten, sind vor allem die Küsten betroffen. Inzwischen hat das Rostocker Landesamt für Gesundheit und Soziales auf die Insektenmassen reagiert und Verhaltenstipps herausgegeben: Bei der Kleidung sollte auf knallige Farben verzichtet werden, in den Wohnungen helfen Fliegengaze vor den Fenstern. Schwebfliegen und Marienkäfer seien zwar lästig, aus gesundheitlicher Sicht jedoch völlig ungefährlich.

400 bis 600 Blattläuse vertilgt

Die milden Temperaturen, gepaart mit der feuchten Luft, hätten dafür gesorgt, dass sich zunächst die Vegetation und damit auch die Blattlaus-Population gut entwickelt hätten, erklärt Hildebrandt. "Die räuberischen Larven der Marienkäfer ernähren sich von diesen Blattläusen."

Zwischen 50 und 250 dieser Pflanzensauger frisst ein Käfer täglich, teilte der Naturschutzbund (Nabu) Hamburg mit. Ähnlich gefräßig seien auch die Larven des so harmlos wirkenden Glücksboten, die deshalb auch Blattlauslöwen genannt würden. Jede einzelne Larve verspeise in den drei Wochen bis zu ihrer Verpuppung zwischen 400 und 600 Blattläuse. Die Nachkommen eines einzigen Weibchens könnten so während des Sommers an die hunderttausend Läuse vertilgen.

In normalen Jahren gebe es bei der Entwicklung der Larven zu ausgewachsenen Tieren hohe Verlustraten, erklärt Hildebrandt. Das sei in diesem Jahr aufgrund des ausgezeichneten Nahrungsangebots anders. Zudem hätten Marienkäfer wegen ihrer für viele Vogelarten unverdaulichen chemischen Inhaltsstoffe auch wenige Fressfeinde. "Solche Phänomene wie derzeit bei den Marienkäfern und Schwebfliegen sind typisch für Arten, die durch ein Räuber-Beute-Verhältnis gekennzeichnet sind."

Bei derartigen Konstellationen kann es sogar zu regelmäßigen Zyklen kommen. Sind wenig Räuber da, vermehren sich die Beutetiere ungestört. Dann finden die wenigen Räuber reichlich Futter und vermehren sich ihrerseits rasant, was wiederum die Beutetierpopulation dezimiert. Ohne ausreichend Futter schrumpft die Zahl der Räubertiere wieder - und das Spiel beginnt von vorn. Die Dynamik solcher Räuber-Beute-Beziehungen kann sehr gut mit den sogenannten Lotka-Volterra-Gleichungen beschrieben werden.

Dass sich die Tiere ausgerechnet an den Küsten tummeln, hat nach Einschätzung Hildebrandts mit den Windverhältnissen zu tun. Aufgrund des typischerweise ablandigen Windes sammelten sich die Marienkäfer an den Uferbereichen. Dies werde jedoch nicht von Dauer sein. Die Lebensdauer der Marienkäfer sei in der Regel auf ein Jahr begrenzt.

Eindringling aus Asien

Die Bisse, von denen Urlauber berichteten, sind nach Angaben des Zoologen harmlos und oberflächlich. "Der Mensch passt nicht in das Beuteschema des Marienkäfers", so Hildebrandt. Auch in Schleswig-Holstein gibt es eine massenhafte Vermehrung von Marienkäfern.

Mit gewisser Sorge beobachtet der Nabu allerdings das Vordringen des Asiatischen Marienkäfers, da er möglicherweise heimische Arten verdrängt. Der Asiatische Marienkäfer (Harmonia axyridis) wurde nach Nabu-Angaben in den achtziger Jahren in den USA in der biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Der enorme Appetit der Insekten wurde für einheimische Marienkäfer aber zur Bedrohung, zudem vermehren sich die Eindringlinge besser.

Seit einigen Jahren hat sich der fremde Käfer auch in einzelnen Regionen Europas explosionsartig ausgebreitet. 2002 wurde er das erste Mal in Hamburg beobachtet. In Deutschland zeigt sich in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein mittlerweile eine fast flächendeckende Verbreitung, sagt Nabu-Experte Bernd Quellmalz. "Aufzuhalten ist der Asiatische Marienkäfer nicht mehr. Ob er seinen europäischen Verwandten ernsthaft Schaden zufügen wird, müssen wir abwarten."

Die Eindringlinge aus Asien sind in der Regel gut zu erkennen. Während einheimische Marienkäfer in der Regel zwischen zwei und sieben Punkte haben, bringen es die asiatischen auf bis zu 21 Punkte. "Die asiatischen Käfer sind in ihrem Aussehen variabler als die einheimischen", erklärt Nabu-Expertin Katharina Menge im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das zuverlässigste Erkennungsmerkmal sei das weiße Muster am Hals, das wie ein W aussehe. Bei einheimischen Käfern ist der Hals fast komplett schwarz. In Hamburg hat Menge in diesem Jahr bislang nur wenige asiatische Käfer beobachtet, im Vorjahr war dies allerdings anders.

mit Material von dpa



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