Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Skurrile Insekten-Tarnung: Ich bin nicht da

Uralte Tarntechnik: Verschwinden im Geäst Fotos
Getty Images

Gute Tarnung ist überlebenswichtig: Viele Insekten passen sich ihrer Umgebung so perfekt an, dass sie unsichtbar werden. Ein Trick, den die Tiere schon zu Zeiten der Saurier anwendeten. Das haben Forscher jetzt anhand eines faszinierenden Fossils nachgewiesen.

Manchmal ist es besser, nicht erkannt zu werden. Zahlreiche Insekten verkleiden sich zur Tarnung als Stab oder Blatt, so dass sie im Geäst regelrecht untergehen. Das funktioniert so gut, dass hungrige Vögel sie einfach übersehen. Offenbar hat sich die Technik bereits früh in der Evolution entwickelt. In China haben Forscher jetzt das Fossil eines Insekts entdeckt, das vor etwa 126 Millionen Jahren gelebt hat. Es ist das älteste bekannte Stab- oder Blattinsekt, das eine solche Tarnung verwendet habe, berichten die Forscher im Fachmagazin "PLoS One".

Das Insekt mit dem wissenschaftlichen Namen Cretophasmomima melanogramma wurde in der Provinz Liaoning in Nordosten Chinas gefunden, in der Yixian-Formation, in der bereits fossile Vögel oder gefederte Dinos ausgegraben worden waren.

Den Forschern fiel auf, dass das Insekt erstaunliche Ähnlichkeit mit den Blättern eines Verwandten des Ginkgo-Baums hatte, der ebenfalls zu Lebzeiten der Insekten in der Region heimisch war. Cretophasmomima melanogramma zeigt Flügel mit parallel laufenden Linien. Wenn das Tier sich nicht bewegte, ergaben die Linien eine zungenähnliche Form, berichten die Forscher. So verschwand der Hinterleib des Tieres im Geäst, denn auch der damals verbreitete Ginkgo-Verwandte hatte zungenähnlich geformte Blätter mit Linien. Die Forscher glauben, dass das Insekt den Blättern der Pflanze sehr genau glich - und gehen davon aus, dass es ebenfalls grün war.

Tarnung evolutionär sinnvoll

"Cretophasmomima melanogramma ist eine der Großcousinen von heutigen Blattinsekten", sagt Paläontologe Olivier Béthoux vom Zentrum für Paläobiodiversitäts- und Paläoumweltforschung und dem Naturhistorischen Museum in Paris. Den Forschern zufolge lebte das Blattinsekt während der Kreidezeit, also im jüngsten der drei Zeitalter im Mesozoikum - auch als das Zeitalter der Dinosaurier bekannt. Am Fundort war es zu dieser Zeit warm und feucht, und es gab eine große Anzahl Pflanzen - Nadelhölzer, Verwandte des Ginkgo-Baums und Farne.

Die evolutionäre Entwicklung von insektenfressenden Vögeln und beweglichen Säugetieren sei ein guter Grund gewesen, eine Tarnstrategie zu entwickeln, erklärt Béthoux. Vollständig war die Verkleidung zur Kreidezeit offenbar aber noch nicht: Den Insekten fehlten einige Eigenschaften von heutigen Blatt- und Stabinsekten - etwa der gekrümmte Teil der Vorderbeine, die den Kopf verstecken, berichten die Forscher.

Insgesamt gibt es 3200 Arten von Stab- und Pflanzeninsekten, die zur Ordnung der Gespensterschrecken gehören. Sie zählen zu den markantesten Kreaturen unter den Insekten. Zu ihnen gehört etwa das längste bekannte Insekt weltweit: Phobaeticus chani, im englischen auch Chan's megastick, wird bis zu 57 Zentimeter lang. Die Weibchen der nun entdeckten Art erreichten lediglich eine Länge von etwa 5,5 Zentimetern - die Männchen waren etwas kleiner.

jme/Reuters

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Karneval der Schmetterlinge: Ein Gen für viele Farben


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: