Insektenplage Washington zittert vor der Tigermücke

Eine besonders aggressive Insektenart, die in den achtziger Jahren in die USA eingeschleppt wurde, macht den Bewohnern der Südstaaten immer mehr zu schaffen. Auch in Südeuropa hat sich die Tigermücke bereits eingenistet - eine Überträgerin gefährlicher Krankheiten.


Die Tigermücke belegt auf schmerzhafte Weise, wie kleine Tiere viel größeren Lebewesen das Leben unheimlich schwer machen können - in diesem Fall dem Menschen. Die Insekten der Art Aedes albipictus leben normalerweise in den Tropen. In Schiffscontainern reisen sie jedoch um die Welt und haben neue Lebensräume erobert, etwa den Süden der USA.

Tigermücke: "Unglaubliche Kraft"
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Tigermücke: "Unglaubliche Kraft"

Mücken empfinden viele Menschen ohnehin schon als unerträglich - im Vergleich zur Tigermücke können herkömmliche Exemplare jedoch als harmlos gelten. Tigermücken sind tagaktiv und durchstechen locker selbst Kleidungsstücke. Ihre Stiche sind besonders schmerzhaft - und die Tiere gehen äußerst aggressiv auf Blutjagd.

Bestimmte Gegenden Washingtons erlebten im vergangenen Sommer eine Mückenplage beinahe schon biblischen Ausmaßes: In der Legitation Street beispielsweise wurde sofort an den Beinen gepiesackt, wer sich nur ein paar Schritte aus dem Haus gewagt hatte. Kinder erwischte es meist am ganzen Körper.

Tigermoskitos können gefährliche Krankheiten übertragen, wie das Westnilvirus oder Erreger von Hirnhautenzündungen. Die Insekten seien jedoch vor allem dafür bekannt, dass sie Bewohner aus den Gärten hinter ihren Häusern vertrieben, schreibt die "Washington Post".

"Die Kraft der Mücken ist unglaublich", sagte Jorge Arias, Moskito-Beauftragter des Fairfax County, zu der Zeitung. Nur eine Bekämpfung an der Quelle, an den Brutstätten also, verspreche Erfolg.

Als blinder Passagier aus Japan eingereist

Genau darin besteht aber das Problem: Den Mücken genügen kleine Wasserlagen in alten Autoreifen, Gießkannen oder Blumentöpfe, um zu brüten - selbst feuchte Ecken von Plastiktüten reichen dafür. "Wenn die Biester einmal da sind, wird man sie schlecht wieder los", sagte Helmut Jäger vom reisemedizinischen Zentrum des Hamburger Tropeninstituts zu SPIEGEL ONLINE.

Um die Tiere wirksam zu bekämpfen, muss im Grunde in jedem Garten und in jedem Hinterhof gesprüht werden - so wie es französische Soldaten zuletzt auf La Réunion getan haben. Welche Gefahr von den kleinen Insekten mit dem gestreiften Rücken ausgeht, zeigte die Chikungunya-Epidemie Anfang des Jahres auf der französischen Insel im Indischen Ozean. Ein Viertel der mehr als 700.000 Bewohner von Réunion erkrankte binnen weniger Wochen - über 150 Menschen sind im Zusammenhang mit der Virusinfektion gestorben. Mittlerweile geht die Zahl der Neuerkrankungen immerhin zurück.

In Washington ist die Mücke jedoch weniger als Krankheitsüberträgerin denn wegen ihrer schmerzhaften Stiche gefürchtet. Früher waren Mücken nur in geringer Zahl in besiedelten Gebieten anzutreffen. Seit der Einschleppung der Tigermücke in die USA, wahrscheinlich 1985 über Schiffscontainer aus Japan, hat sich die Situation gewandelt.

Die zugereisten Insekten dominieren mittlerweile die rund 60 Arten umfassende einheimische Mückenpopulation. "Sie haben die Mückenbekämpfung völlig verändert", sagte Roger Nasci von den Centers for Desease Control and Prenvention der Zeitung "Washington Post". Die Hinterhofvermehrung der Moskitos sei nur schwer zu kontrollieren.

Auch in Südeuropa hat sich die Insektenart mittlerweile eingenistet, etwa in Italien, Spanien oder Albanien - allerdings nur saisonal. "Es gibt sie auch in Liverpool", sagte der Hamburger Reisemediziner Jäger, "denn auch dort gibt es Container." Damit sich die Insekten nicht weiter ausbreiteten, seien Hygienemaßnahmen in den Häfen sehr wichtig.

Die Gefahr, dass Tigermücken in Europa tropische Krankheiten wie Dengue, Gelbfieber oder Chikungunya übertragen, hält Jäger für sehr gering. "Es ist zu kalt", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Mücken bräuchten hohe Temperaturen von mehr als 25 Grad, um sich effizient ausbreiten zu können. Optimal seien 30 Grad. Zudem seien die Mücken keine natürlichen Virenträger - sie müssten sich vielmehr immer wieder neu bei Menschen infizieren.

hda



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