Warnung der Grünen Gibt es ein Insektensterben in Deutschland?

Um bis zu 80 Prozent in 24 Jahren ist die Zahl der fliegenden Insekten in Teilen Deutschlands gesunken, warnen Forscher. Die Grünen nutzen die Aussage im Wahlkampf. Droht wirklich ein Insektensterben?

Wildbiene
Martin Sorg/ DPA

Wildbiene


Leben in Deutschland immer weniger Insekten? Derzeit sorgt ein Beitrag, der im Mai im Fachmagazin "Science" erschienen ist, für Aufsehen. Darin bezieht sich die Journalistin Gretchen Vogel unter anderem auf eine Untersuchung des Entomologischen Vereins Krefeld aus dem Jahr 2013. Sie besagt, dass die Zahl der fliegenden Insekten in einem analysierten Naturschutzgebiet seit 1989 um bis zu 80 Prozent zurückgegangen sind.

Die Grünen entdeckten das Thema nun im Wahlkampf für sich und verkauften die Zahl als neue Information, um Aufmerksamkeit für das Thema zu gewinnen. Mit Erfolg: Zahlreiche Medien berichteten von einem gravierenden Insektensterben in Deutschland, auch SPIEGEL ONLINE. Wie verlässlich ist die Aussage der Krefelder Insektensammler, und gibt es ein Insektensterben?

Einmalige Sammlung mit begrenzter Aussagekraft

Tatsächlich ist die Sammlung der Krefelder etwas Besonderes. Seit Jahrzehnten sammeln die Vereinsmitglieder Insekten. Über all die Jahre wurde der gleiche Fallentyp verwendet. Ähnliche Langzeitreihen suche man in Deutschland vergeblich, sagt Wolfgang Wägele vom Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig in Bonn. "An keinem Institut oder Forschungszentrum wurde das gemacht. So ein Projekt - das kann sich einfach keine Universität finanziell erlauben."

In den Fallen der Forscher werden fliegende Insekten gefangen und in Alkohol konserviert. Von etwa April bis Oktober werden sie alle ein bis zwei Wochen geleert. An weit über 200 Standorten seien Insekten über lange Zeiträume und über die gesamte Vegetationsphase gesammelt worden, sagt Martin Sorg vom Entomologischen Verein Krefeld. "Überwiegend im Rheinland, aber auch in anderen Regionen Deutschlands und Europas."

Aussagen lassen die Sammelaktionen nur für ebendiese Regionen zu. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Warnungen vor einem Insektenschwund in Deutschland unbegründet sind. Es seien in etlichen Insektensammlungen Arten zu finden, die man in der jeweiligen Gegend heute gar nicht mehr sieht, sagt Sorg. Laut Bundesamt für Naturschutz (BfN) sind fast die Hälfte der wirbellosen Tiere in Deutschland, zu denen auch die Insekten gehören, gefährdet, extrem selten oder bereits ausgestorben.

Ohne Insekten sterben Vögel und Pflanzen

Häufig wirkt es sich auf andere Tiere und auf Pflanzen aus, wenn Insekten rar werden. So schwindet etwa der Bestand vieler insektenfressender Vögel wie Schwalben. Aber auch für den Menschen sind Insekten als Bestäuber wichtig. "70 Prozent aller Nahrungspflanzen sind darauf angewiesen, dass ein Tier sie bestäubt, darunter fast alle Obst- und Gemüsesorten", sagt Axel Ssymank vom BfN. Schon jetzt müssen manche Pflanzen teils von Menschen mit Pinseln befruchtet werden, um Früchte zu entwickeln.

Schwierig ist es, die Ursache für den Insektenrückgang zu finden. "Die Liste der Faktoren ist lang", sagt Ssymank. Den Krefelder Daten zufolge sind offene Landschaften stärker betroffen als Wälder, Täler stärker als Bergregionen. Das weise auf einen Einfluss der Landwirtschaft auf benachbarte Flächen hin und darauf, dass schädliche Stoffe über Luft oder Wasser übertragen werden.

"Außerdem lässt sich erkennen, dass sich das Problem in den letzten rund 20 Jahren offenbar deutlich verschärft hat", sagt Ssymank. "Da müssen neue Faktoren hinzugekommen sein." Der Insektenkundler reiht auf:

  • Ackerflächen reichen heute oft bis an Straßen,
  • es gibt kaum bunt bewachsene Randstreifen,
  • und die Felder sind riesig.

"Gerade bei Insekten, deren Raupen andere Bedürfnisse haben, kann schnell Schluss sein mit dem Überleben, wenn in 500 Meter Umkreis passender Lebensraum fehlt."

Stickstoffdünger mindert das Wachstum von Pflanzen, die nährstoffarme Böden mögen. Gras lässt er rascher wachsen. Das wird in der Folge früher und häufiger gemäht - und viele Blühpflanzen schaffen es nicht zur Samenreife. Damit fehlen Futterpflanzen, wie Ssymank erklärt.

Hinzu kämen Insektizide: Früher seien sie erst bei konkret drohender Gefahr aufgebracht worden, heute werde das Saatgut zum Teil von vornherein mit den Stoffen präpariert. Neonikotinoide verursachten schon in winzigsten Mengen Verhaltensänderungen etwa bei Bienen, so Ssymank. "Das ist nicht unmittelbar tödlich, aber wenn eine Biene ihren Stock weniger gut findet, stirbt sie langfristig auch."

"Das wirklich Erschreckende ist, dass wir so wenig wissen", betont Sorg. Um Risiken zu erkennen, müsste die Menschheit viel mehr wissen, vor allem über die artenreichsten Insektengruppen. "Das sind Unsummen von Individuen solcher Gruppen, die in einem Gebiet unterwegs sind - aber über ihre Funktion wissen wir oft kaum etwas."

jme/dpa



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