Intelligenz "Homer-Simpson-Gen" macht Mäuse dümmer

Ein Gen nagt an der Intelligenz von Mäusen: Wird es ausgeschaltet, sind die Tiere schlauer und weniger vergesslich. Die Forscher sprechen bereits vom "Homer-Simpson-Gen" - räumen aber zugleich ein, dass ein Abschalten ungeahnte Konsequenzen haben könnte.

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dpa

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Die menschliche Intelligenz mit einem einzelnen Gen-Schalter steigern - das ist der Traum vieler Wissenschaftler. Zumindest Mäuse scheinen tatsächlich eine solche Erbinformation zu besitzen: Sie trägt den Namen RGS14 und steigert die Intelligenz der Nager deutlich, wenn sie deaktiviert wird.

RGS14 ist seit etwa zehn Jahren bekannt. Es reguliert verschiedene Signalübertragungen im Gehirn, die im Zusammenhang mit der Lern- und der Gedächtnisleistung stehen. Dabei übt das Gen seine Funktion vor allem in der sogenannten CA2-Region aus, einem Teil des Hippocampus. Der Hippocampus spielt eine wichtige Rolle beim Lernen und bei der Bildung neuer Erinnerungen (siehe Grafik links).

Bisherige Forschungsarbeiten hatten bereits gezeigt, dass die sogenannte Langzeit-Potenzierung in anderen Regionen des Hippocampus zur Verfestigung von Erinnerungen beiträgt. Dabei verstärkt eine langanhaltende elektrische Erregung zwischen Nervenzellen die Verbindung zwischen den einzelnen Zellen. Die CA2-Region unterscheidet sich vom übrigen Hippocampus unter anderem dadurch, dass hier keine Langzeit-Potenzierung stattfindet.

Gen-Abschaltung macht Mäuse geistig wendiger

John Hepler von der Emory University in Atlanta und seine Kollegen haben nun Mäuse untersucht, bei denen RGS14 zuvor gentechnisch ausgeschaltet wurde. Die überraschende Folge: Die Nager hatten in der CA2-Region plötzlich eine stabile Langzeit-Potenzierung. Die dortigen Nervenzellen waren in der Lage, bei entsprechender Stimulation stärkere Verbindungen zu entwickeln. Tatsächlich konnten die Mäuse nun Objekte, die sie zuvor in ihrem Käfig gesehen hatten, besser wiedererkennen. Außerdem lernten sie schneller, sich in einem Wasserlabyrinth zurechtzufinden und zu einer versteckten Plattform zu gelangen, schreiben die Forscher im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

"Das RGS14-Gen wirft die Mäuse offenbar geistig zurück. Deshalb haben wir es scherzhaft 'Homer-Simpson-Gen' getauft", sagt Hepler. Die große Frage sei, warum Mäuse oder auch Menschen ein Gen besäßen, das sie dümmer mache. "Ich glaube, dass wir bisher noch nicht das ganze Bild sehen", mutmaßt der Forscher. RGS14 könne ein wichtiges Kontrollgen für Teile des Gehirns sein. Wenn es fehlt, könnten Gehirnsignale für Lernen und Gedächtnis womöglich aus dem Gleichgewicht geraten.

Die Nervenzellen in der CA2-Region sind zudem besser als Neuronen in anderen Hippocampus-Gebieten in der Lage, bei einem epileptischen Anfall oder einem Schlaganfall zu überleben - eine Schutzfunktion, die möglicherweise auf RGS14 zurückgeht. "Außerdem wissen wir, dass das Abschalten eines anderen Gens, das vor allem in der CA2-Region aktiv ist, zu Veränderungen im sozialen Verhalten führt", sagt Hepler. Die Forscher wollen daher in weiteren Tierstudien überprüfen, ob das Ausschalten des RGS14-Gens eine höhere Anfälligkeit für epileptische Anfälle oder ein verändertes Sozialverhalten nach sich ziehen kann.

mbe/dapd



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