Intelligenz: Was Tiere denken

Hunde, die bis zu 300 Wörter verstehen, Papageien, die ihre Wünsche auf Englisch artikulieren, Krähen, die Werkzeuge basteln - Forscher plädieren für mehr Bescheidenheit, denn neueste Erkenntnisse zeigen: Intelligenz ist nicht für Primaten oder Säugetiere reserviert.

Jetzt ist "Alex" tot, doch 30 Jahre lang sorgte der Graupapagei für Furore in der Wissenschaft. 1977 war es, als die junge Harvard-Absolventin Irene Pepperberg ein kühnes Projekt startete. Tiere galten zu jener Zeit mehr oder weniger als lebende Automaten, die aufgrund ihrer genetischen Programmierung auf Reize reagieren, aber weder denken noch fühlen.

Pepperberg wollte mit ihnen sprechen und herausfinden, was in ihrem Kopf vorgeht. "Alex" war ein Jahr alt, als die Forscherin begann, ihm die Laute der englischen Sprache beizubringen: "Ich dachte, wenn er lernt zu reden, kann ich ihn fragen, wie er die Welt sieht." Als er im September 2007 starb, hatten seine Leistungen unsere Vorstellung von dem, was Tiere können, revolutioniert.

Wir sehen die Liebe in den Augen unseres Hundes und sind uns sicher, dass natürlich auch "Bello" denkt und fühlt. Doch Bauchgefühle sind keine Wissenschaft, und nur allzu leicht projiziert man menschliche Gedanken und Empfindungen auf ein anderes Lebewesen. Wie aber soll ein Wissenschaftler beweisen können, dass ein Tier zu echtem Denken fähig ist?

"Deswegen wollte ich mit 'Alex' arbeiten", sagt Pepperberg. Die beiden – Mensch und Papagei – hatten ein gemeinsames Zimmer an der Universität Brandeis in Massachusetts. Der fensterlose Raum war ungefähr so groß wie ein Güterwaggon. Sie saß am Schreibtisch, er oben auf seinem Käfig. Auf dem Fußboden lagen Zeitungen, auf den Regalen türmten sich Körbe mit buntem Spielzeug. Die beiden waren ein Team, und aufgrund ihrer Arbeit ist die Vorstellung, dass Tiere denken können, keine Phantasie mehr. Spezielle Fähigkeiten gelten als Zeichen für höhere geistige Prozesse: ein gutes Gedächtnis, ein Begriffsvermögen für Grammatik und Symbole, ein Bewusstsein für das eigene Ich, das Verständnis für die Motive anderer, Nachahmung und Kreativität. Oft wird all das unter dem Begriff "Kognition" zusammengefasst, womit Denken in einem umfassenden Sinn gemeint ist.

Mit geschickten Experimenten belegten Wissenschaftler nach und nach, dass nicht nur Menschen, sondern auch andere biologische Arten solche Begabungen haben. Gleichzeitig wurde sichtbar, wie sich unsere eigenen Fähigkeiten einst entwickelten. Buschhäher wissen, dass ihre Artgenossen Diebe sind und dass eingelagertes Futter faulen kann; Schafe erkennen Gesichter; Schimpansen stochern mit angepassten Werkzeugen in Termitenbauten und benutzen sogar Waffen für die Jagd; Delfine ahmen die Körperhaltung von Menschen nach; Schützenfische lernen durch Beobachten erfahrener Artgenossen, wie man mit einem Wasserstrahl aus dem Maul gezielt Insekten aus den Büschen schießt. Und der Papagei "Alex" verblüffte als guter Redner.

30 Jahre lang erteilten Pepperberg und ihre Assistenten ihm Sprachunterricht. Die Menschen und zwei jüngere Papageien dienten "Alex" auch als Ersatz für einen natürlichen Schwarm und sorgten für das notwendige soziale Leben. Seinen Artgenossen gegenüber verhielt "Alex" sich dominant, zu Pepperberg war er manchmal mürrisch; er tolerierte andere Frauen und verlor einmal völlig die Fassung, als ein männlicher Assistent vorbeikam. "Wären Sie ein Mann", sagte Pepperberg, als sie bei meinem Besuch im vorigen Jahr sah, wie reserviert sich "Alex" mir gegenüber verhielt, "säße er längst auf Ihrer Schulter und würde Ihnen freundschaftlich Cashewkerne ins Ohr stecken."

"Alex" konnte 100 englische Wörter nachahmen

Pepperberg hatte den Papagei in einer Tierhandlung in Chicago gekauft. Sie ließ den Verkäufer einen Vogel aussuchen, damit andere Wissenschaftler später nicht behaupten konnten, sie habe sich für ihre Arbeit gezielt ein besonders schlaues Tier herausgepickt. Das Gehirn von "Alex" ist gerade mal so groß wie eine Walnuss in der Schale, und die meisten ihrer Kollegen waren überzeugt, dass Pepperberg sich vergeblich um artübergreifende Verständigung bemühen würde. "Man hielt Schimpansen für bessere Versuchsobjekte", sagt sie, "aber Schimpansen können nicht sprechen."

Andere hatten Schimpansen, Bonobos und Gorillas schon beigebracht, sich durch Gebärden und Symbole mit uns zu verständigen, oft mit beeindruckenden Erfolgen. Der Bonobo "Kanzi" zum Beispiel trägt seine Symboltafel immer mit sich herum, so dass er durch Zeigen mit seinen Betreuern "reden" kann. Er hat auch eigene Symbolkombinationen erfunden, um seine Gedanken auszudrücken. Aber das ist etwas anderes, als wenn ein Tier uns ansieht und spricht. Pepperberg ging im Zimmer nach hinten, wo "Alex" auf seinem Käfig saß und sich das perlgraue Gefieder putzte. Als sie näher kam, hielt er inne und riss den Schnabel auf.

"Will Traube", sagte "Alex" auf Englisch.

"Er hat noch nicht gefrühstückt", erklärte Pepperberg.

"Alex" fuhr fort, sich zu putzen, während eine Assistentin ihm eine Schüssel mit Weintrauben, grünen Bohnen, Apfel- und Bananenscheiben und einem Maiskolben fertigmachte. Unter Pepperbergs geduldiger Anleitung hatte "Alex" gelernt, mit seinen Stimmorganen fast 100 englische Wörter nachzuahmen, darunter auch die für alle diese Obst- und Gemüsesorten. Äpfel nannte er allerdings ban-erry.

"Äpfel schmecken für ihn ein wenig wie Bananen (banana) und sehen aus wie Kirschen (cherry), deshalb hat er daraus ein einziges Wort gemacht", sagte Pepperberg.

"Alex" konnte auch bis sechs zählen und hatte die Wörter für "sieben" und "acht" schon gelernt. "Ich bin mir sicher, dass er beide Zahlen schon kennt", sagte Pepperberg, "aber bis er bestimmte Laute aussprechen kann, braucht er viel länger, als ich früher dachte."

Nach dem Frühstück putzte sich "Alex" wieder und behielt seinen Schwarm im Auge. Ab und zu beugte er sich vor und öffnete den Schnabel: "Ssse...won."

"Gut, 'Alex'", erwiderte Irene Pepperberg. "Seven. Die Zahl heißt Seven, Sieben."

"Ssse...won! Ssse...won!"

"Er übt", erklärte sie. "Das ist seine Art zu lernen. Er denkt darüber nach, wie er dieses Wort sagen soll, wie er mit seinen Stimmorganen den korrekten Laut erzeugt."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite