Intelligenzbestien: Schmarotzen machte Raben schlau

Von Manfred Dworschak

Raben rodeln, reiten, spionieren - und verblüffen Forscher mit ihrem Grips. An Wölfen, Adlern und Bären haben die klugen Tiere ihren Verstand geschärft. Jetzt fragen Biologen in Österreich: Weiß der Rabe auch, was er tut?

Diese Raben! Ihr neuester Freizeitspaß: Wildschweinrodeo. Die Biologin Mareike Stöwe beschwört, sie sehe öfter Raben, wie sie auf dem Rücken leicht genervter Wildschweine durchs Gehege traben.

"Raben machen gern Eindruck", sagt Stöwe. Stets sind die Vögel auf verwegene Kunststücke aus, die ihresgleichen verblüffen könnten. Auch sehr beliebt: kopfüber an einem Ast schaukeln.

Rabenforscher haben immer was zu lachen. An der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle im österreichischen Grünau, wo Stöwe arbeitet, halten sie einige Kolkraben seit Jahren in geräumigen Volieren. Der Spieltrieb dieser Vögel ist enorm. Im Winter kugeln sie verschneite Hänge hinab. Besonders Mutige packen ein Schwein am Schwanz und lassen sich wie von einem Schlepplift rücklings durch den Schnee ziehen.

In Grünau geht es dennoch um ernste Fragen. Die wichtigste: Wie intelligent sind die Tiere wirklich?

Ihre Fertigkeiten im Täuschen und Tricksen etwa sind erst in den Grundzügen erforscht. Raben sind durchtrieben genug, Scheinverstecke anzulegen, um diebische Artgenossen von ihren wahren Futterhorten abzulenken. Gegen Mitesser lassen sie sich überhaupt eine Menge einfallen. Aber was ist von Berichten zu halten, wonach Raben sich neben einem verlockenden Kadaver wie tot auf den Boden legen, um eine Lebensmittelvergiftung zu simulieren?

Stöwes Kollege Thomas Bugnyar mag das nicht glauben: "Viele Tiere stellen sich tot, wenn sie unter Stress geraten", sagt er. "Aber bei Raben denkt man immer gleich an Absicht." Umso gründlicher hat Bugnyar in den vergangenen Jahren, teils zusammen mit dem US-Kolkrabenforscher Bernd Heinrich, zahlreiche Schlaumeier examiniert. Und siehe da, die Spezies Corvus corax versteht auch im strengen Laborversuch zu erstaunen.

Eine der kniffligsten Prüfungen geht so: Der Rabe sitzt auf einer Stange. Senkrecht unter ihm, unerreichbar, hängt an einer langen Schnur ein Stück Fleisch. Wie wäre das vielleicht doch zu ergattern? Es gibt nur eine Lösung. Der Rabe muss mit dem Schnabel die Schnur ein wenig hochziehen, sorgsam zu einer Schlaufe legen und ein Bein darauf setzen; sodann muss er nachfassen, ein weiteres Stück Schnur emporziehen, und so fort. Macht er alles richtig, kommt die Beute allmählich nach oben geruckelt.

Zu viel der Knobelei für ein Federvieh? Die besten Prüflinge sahen sich die Rätselaufgabe in Ruhe an, dann zurrten sie das Fleisch hoch. Sie machten es auf Anhieb richtig. Es scheint, als hätten sie das Problem im Geiste durchgespielt, ehe sie sich ans Werk machten.

Das innere Vorausbedenken und Erwägen von Handlungen jedoch ist eine ziemlich hohe Stufe der Intelligenz. Nicht einmal Primaten fällt das immer leicht.

Um Irrtümer auszuschließen, machten die Forscher einen zweiten Versuch: Kaum hatten die Raben ihre Beute gekrallt, wurden sie von der Stange gescheucht. Dumme Vögel hätten das Fleisch jetzt nicht mehr losgelassen, obwohl es noch festgebunden war. Die meisten Raben aber ließen es getrost fallen - offenkundig im Wissen, es werde ja nicht verloren sein. Gewissheit erbrachte den Forschern die Gegenprobe: Sobald sie das andere Schnurende von der Stange lösten, flogen die Probanden mit Fleisch samt Schnur davon.

Inzwischen haben die Raben so viele Proben bestanden, dass die Forscher sich fragen, wofür all die Pfiffigkeit überhaupt gut ist. Andere Vögel kommen prima durchs Leben mit weit weniger Verstand. Ein angeborenes Programm gibt ihnen ein, wie man kunstreiche Nester baut und fröhliche Lieder singt. Intelligenz dagegen ist, biologisch gesehen, aufwendig und zudem teuer erkauft. Wer überlegen kann, macht Fehler. Die Frage ist: Warum hat die Evolution die Raben so schlau gemacht? Warum ist es ihnen nicht einfach vergönnt, automatisch das Richtige zu tun?

Rabenforscher Heinrich hat darauf eine einfache Antwort: "Das Richtige für Raben gibt es kaum." Die Vögel führen ein überaus wechselhaftes Leben. In der Wildnis ernähren sie sich bevorzugt von Aas, das größere Raubtiere erlegt haben. Ihr Fortkommen hängt davon ab, ob sie rechtzeitig am Ort des Schreckens eintreffen; dann gilt es abzuräumen, solange was da ist. Das heißt: meist noch im Beisein des Räubers.

Das ist der Inbegriff einer prekären Lage. Wölfe, Bären oder Füchse geraten leicht in Zorn, wenn ein lästiger Mitesser um sie herumhüpft. Ein beiläufiges Zuschnappen, und der Rabe hat ausgekrächzt. In jeder Sekunde muss der Vogel einschätzen können, was er sich gerade noch erlauben darf. Stets ist zu bedenken: Was geht wohl vor in den Köpfen der großen Unholde?

In solchen Gefahren, wo nichts voraussagbar ist, wäre ein fixes Verhaltensprogramm der sichere Tod. Deshalb lernen Raben schon in den ersten Lebenswochen die Kunst der Wendigkeit. Kaum sind sie flügge, zeigen sie eine fast krankhafte Neugier auf alles, was sich picken und zwicken lässt. Vor allem treibt sie ein unwiderstehliches Verlangen, gefährliche Raubtiere zu ärgern. Immer wieder landen die Jungvögel in der Nähe von Bären oder Wölfen und pirschen sich von hinten an sie heran.

Bernd Heinrich sah mehrmals, wie Jungraben einem Wolf in den Schwanz kniffen, um sogleich flügelschlagend davonzuhüpfen. So ermitteln sie nach und nach den Schwellenwert, wo Frechheit lebensgefährlich wird - und, nicht zuletzt, wie weit so ein Tier mit einem Satz springen kann. Die Jungen tun das, obwohl es sie sichtlich vor den Räubern schaudert. "Das ist kein zweckfreies Spiel", folgert Heinrich, "sondern ein angeborener Drang."

Ausgewachsene Raben sind bereits so gewieft im Ausdeuten anderer Tiere, dass sie unterm Strich meist den Großteil der Beute kassieren. Bis zu 90 Prozent eines ausgelegten Kadavers gehen an die schwarzgefiederten Nervensägen. "Die Raben wurden bislang als Aasvertilger völlig unterschätzt", sagt Thomas Bugnyar. "Die holen sich beileibe nicht nur, was übrigbleibt; die kriegen fast alles."

Aus Sicht der Pfiffikusse sind die großen Raubtiere, wie es scheint, eher tumbe Vollstrecker. Wo immer diese ein Beutetier geschlagen haben, erscheinen bald die Raben auf der Walstatt, effizient wie Räumkommandos. Mit Fressen halten sie sich erst gar nicht auf. Was immer sie abzwacken können, wird eilig weggeschafft und sorgsam in der Umgebung versteckt für später. So kommt es, dass auch große Kadaver oft schon nach einem halben Tag geplündert sind.

Mit Wölfen arbeiten Raben besonders gern; gelegentlich locken sie ein Rudel auch mit viel Geschrei zu einem schwachen Wild, dem sie selbst nichts anhaben könnten. Forscher, die diese Kooperation untersucht haben, vermuten sogar, dass die Wölfe vor allem wegen der Raben genötigt sind, in Rudeln zu jagen. An sich könnten die spurtstarken Räuber ein Beutetier im Rehformat auch allein oder zu zweit überwältigen. Aber beim anschließenden Fressgelage kämen sie, angesichts der Überzahl der Raben, kaum zum Zuge.

Als Rabenforscher Heinrich einmal zur Probe zwei Kuhkadaver auslegte, zählte er insgesamt an die 500 Raben, die sich daran gütlich taten. "Die müssen zum Teil über Hunderte Meilen herbeigeflogen sein", sagt Heinrich. "Das Restaurant wurde offenbar sehr gut annonciert."

Für den Nachrichtendienst sind die mobilen Jungraben zuständig, die in losen Scharen herumschweifen. Entdecken sie ein Aas, schreien sie sogleich ihre Kumpane herbei. Anders hätten sie wenig auszurichten gegen die erwachsenen Artgenossen, die als Paare auf Lebenszeit jeweils weiträumige Reviere beherrschen. Die Jugendbanden setzen auf die Macht der Überzahl, und die Regionalfürsten haben dann oft das Nachsehen.

Sobald aber die Beute gesichert ist, endet die Kumpanei. Geteilt wird nicht. Jedes Tier schafft so viel Fleisch wie möglich für den Privatkonsum beiseite. Die Klügeren lassen zudem lieber andere für sich arbeiten und spähen deren Verstecke aus, um sie bei erster Gelegenheit zu plündern.

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