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Intelligenztest für Schimpansen: Warum Frauen cleverer sind

Von Ngamba berichtet Dominik Baur

Auf der Insel Ngamba im Viktoriasee versuchen Forscher des Max-Planck-Instituts herauszufinden, was Schimpansen von Menschen unterscheidet - indem sie die Affen ausführlichen Tests unterziehen. Die Biologin Esther Herrmann etwa entwickelt einen einheitlichen IQ-Test für Menschen und Schimpansen.

Schimpansenmännchen Kalema: Anderes im Kopf als Intelligenztests
Dominik Baur

Schimpansenmännchen Kalema: Anderes im Kopf als Intelligenztests


Hütchenspiele mitten in Afrika: Indi sitzt vor einem Tablett mit drei Bechern und folgt aufmerksam den Handbewegungen von Esther. Die legt ein Stück Banane unter den mittleren der Behälter und vertauscht ihn dann mit dem rechten. Indi muss sich entscheiden: Er greift zur Mitte, wo gerade noch die Banane verschwand. Esther wiederholt das Spielchen noch zwei Mal, jedes Mal macht Indi denselben Fehler - und geht leer aus. Er ist außer sich, kann nicht begreifen, dass ihm der Leckerbissen verwehrt wird. Er schreit, kratzt sich nervös unter den Achseln und geht schließlich die Wände hoch. Im wörtlichen Sinne.

Zum Glück trennt ein Gitter Esther Herrmann von dem fünf Jahre alten Schimpansen. Ansonsten hätte Indi der Forscherin vom Max-Planck-Institut (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig in seiner Wut durchaus gefährlich werden können. Nach einer Weile beruhigt sich Indi etwas. Als er schließlich auf den richtigen Becher tippt und dann sogar beim nächsten Test brilliert, bei dem die Hütchen zweimal vertauscht werden, hebt sich die Affenlaune merklich.

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Die Schimpansen von Ngamba: Waisenhaus im See

Der Schimpanse, der mit 38 Artgenossen in einer Auffangstation auf der Insel Ngamba im Viktoriasee lebt, lässt heute noch weitere Tests über sich ergehen. Einmal versteckt Herrmann zwei Bananenscheibchen, eins links und eins rechts. Dieser sogenannte Inhibierungstest ist besonders schwierig. "Die kommen um die Mitte einfach nicht rum", erklärt die Wissenschaftlerin. Auch Indi schafft es nicht auf Anhieb. Schwer wird es auch, wenn das ganze Tablett umgedreht wird und der linke Becher plötzlich rechts steht. Bei einem weiteren Test zählt Herrmann verschiedene Mengen von Nüssen in drei Schälchen. Zielsicher deutet Indi auf das mit den meisten Nüssen. Rechnen scheint kein Problem für den Schimpansen zu sein.

Doch insgesamt vermag der Proband nur mäßig zu überzeugen. "Er hat gut mitgemacht", lautet Herrmanns Fazit, "aber er ist jetzt nicht der Star." Die kleine Naku beispielsweise, die nach Indi an der Reihe ist, macht kaum Fehler.

Probanden im Überfluss

Jeder Schimpanse auf der zu Uganda gehörenden Insel wird von der Doktorandin insgesamt acht Tage lang den verschiedensten Tests unterzogen. Auf freiwilliger Basis zwar, aber nur wenige Tiere stellen sich stur angesichts der Belohnungen, die dabei für sie rausspringen. Es gibt 79 Versuchsbedingungen, die teilweise mehrfach wiederholt werden. Zunächst überprüft die Forscherin das, was sie die non-kognitiven Fähigkeiten ihrer Affen nennt, das heißt sie testet, wie interessiert und aufmerksam die Tiere überhaupt mitmachen. Danach werden physische Probleme gestellt, Versuche, die etwa das Verständnis für Raum, Menge, Kausalitäten testen. Dazu gehören auch die Hütchenspiele. In einem dritten Teil geht es um soziales Lernen, Kommunikation und die sogenannte "Theory of Mind": die Fähigkeit, sich in einen anderen hineinzuversetzen.

Die Testreihe ist Teil eines ambitionierten Projekts: Herrmann will einen Intelligenztest ausarbeiten, der für Menschen und Menschenaffen gleichermaßen anwendbar ist. "Ich will herausfinden, ob manche Schimpansen intelligenter sind als andere und wie man die Unterschiede feststellen kann." Auch mit Menschenkindern sollen die Tests durchgeführt werden. In einem späteren Schritt sollen sogar Hunde getestet werden. Denn: "Wenn der Schimpanse etwas anders als der Mensch macht", so Herrmann, "heißt das nicht, dass sich der Mensch darin vom Tierreich unterscheidet." Besonders wichtig ist es für Herrmann deshalb, ihre Tests mit möglichst vielen Tieren ausführen zu können. "Oft sagt man, Schimpansen sind in dieser oder jener Sache besser als Gorillas", erklärt sie, "aber wenn man etwas nur mit einer Handvoll Tieren getestet hat, wie will man sich da sicher sein?"

Deshalb ist Herrmann auch ausgerechnet in Ngamba gelandet. Hier finden sich deutlich mehr Probanden als beispielsweise im Zoo von Leipzig, mit dem das Max-Planck-Institut eng zusammenarbeitet. Aus ethischen Gründen lehnt es das MPI ab, für die Verhaltensexperimente die Versuchstiere biomedizinischer Einrichtungen heranzuziehen. Wenn Herrmann mit den Tests auf der Insel fertig ist, muss sie allerdings noch weitere Auffangstationen in Afrika besuchen. Insgesamt will sie mindestens hundert Schimpansen testen.

Die Wissenschaftlerin steht mit ihrem Projekt noch ziemlich am Anfang, doch ein erstes Ergebnis zeichnet sich schon ab: Insgesamt schneiden Weibchen bei den Tests besser ab. Sind sie deshalb intelligenter? Nicht unbedingt. Die Schimpansenmänner haben vielleicht nur oft anderes im Kopf, vermutet Herrmann. Alpha-Männchen Mawa beispielsweise ist nicht der Hellste - wenn es nach den Tests geht. Aber wie soll sich der mächtige Schimpanse auch auf Hütchenspiele konzentrieren können, wenn Lieblingsfrau Nkuumwa dieser Tage gerade empfängnisbereit ist und seine Gruppe sich im Außengehege vergnügt, ohne dass er nach dem Rechten sehen kann?

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