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Internes Strategiepapier: EU fahndet nach neuen Rohstoffquellen

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Europas Industrie droht eine Rohstoffkrise. Ein internes Strategiepapier der EU, das SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt, zeigt, wo versteckte Schätze zu finden sind: in Mülltonnen, in Naturschutzgebieten, bei neuen Verbündeten. Doch Kritiker fürchten, dass das nicht genügt.

Schmelzofen für Vanadium-Legierungen: Alarmstimmung in der deutschen Industrie Zur Großansicht
dapd

Schmelzofen für Vanadium-Legierungen: Alarmstimmung in der deutschen Industrie

Metalle, Holz oder Treibstoffe bilden das Fundament des Wohlstands - doch die Lieferung mancher Rohstoffe stockt. Geologen warnen seit langem, Bodenschätze könnten knapp werden; es würden zu geringe Mengen gefördert. Folglich drohen Firmen gravierende Produktionsausfälle. Bei manchen deutschen Unternehmen ist der Ernstfall bereits eingetreten, ihnen gehen Hightech-Metalle aus. "Eine Versorgungskrise hat begonnen", sagt der Geologe Harald Elsner von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR).

Um Lieferungen von Rohstoffen sicherzustellen, arbeiten Experten der Europäischen Union seit Jahren an einer neuen Strategie. In zwei Wochen will der EU-Kommissar für Verkehr und Industrie, Antonio Tajani, das Papier im europäischen Parlament vorstellen. SPIEGEL ONLINE hat den Entwurf der neuen EU-Rohstoffstrategie vorab erhalten. Darin finden sich die Maßnahmen, die den Bedarf an wichtigen Rohstoffen sichern sollen:

  • Im Abfall von Industrie und Haushalten lagern massenweise Metallschätze. Uno-Experten haben ermittelt, dass zum Beispiel in 41 Mobiltelefonen die gleiche Menge Gold steckt wie in einer Tonne Golderz . "Der Großteil" der 20 Millionen Tonnen Elektroschrott, die jährlich in der EU anfielen, würde nicht recycelt, heißt es im EU-Strategiepapier. Diese "urbanen Minen" sollen nun durch Wiederverwertung der Metalle erschlossen werden. "Deutschland muss mithelfen, dass diese Ressourcen nicht durch illegale Elektroschrottexporte verschwinden", sagt Reinhard Bütikofer, Berichterstatter für Rohstoffe im Europäischen Parlament und industriepolitischer Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion. Laut EU-Papier sollen nun "präzise Kontrollmechanismen" entwickelt werden.
  • Die EU will Firmen mit Krediten und Bürgschaften unterstützen, Rohstoffe aufzutreiben.
  • Geologen aus der EU sollen helfen, das "geologische Wissen in Entwicklungsländern zu verbessern". Auch die Zusammenarbeit der Geologen innerhalb der EU müsse ausgebaut werden, um bessere Kenntnisse über Bodenschätze zu gewinnen.
  • Im Rahmen des 17 Millionen Euro teuren europäischen Forschungsprojekts ProMine, das im letzten Jahr gestartet wurde, soll mit neuer Technologie nach Rohstoffen gefahndet werden. Es gelte auch, den Untergrund Europas besser zu nutzen - neue Kartierungen von Rohstoffen sollen die "Vermögenswerte der EU" erhöhen. Im Falle großer Lagerstätten müssten auch Naturschutzgebiete in die Planungen einbezogen werden, heißt es im Strategiepapier. Obgleich die Eigenverantwortung der EU-Staaten respektiert werde, müssten die Anstrengungen zur Rohstoffgewinnung besser kontrolliert werden.
  • Die meisten Rohstoffe will die EU durch neue Handelsverträge mit Ländern außerhalb der EU erschließen. Um die Abhängigkeit von bisherigen Rohstofflieferanten zu überwinden, will die EU bei "vorrangigen Rohstoffen" verstärkt auf Drittländer zugehen - gegebenenfalls mittels eines "Streitbeilegungsmechanismus'", wie es im Strategiepapier heißt.

"Erfolgversprechende Verhandlungen" mit Rohstoffländern aus Südamerika, mit Indien und Kanada sollen demnach fortgesetzt werden; der Dialog mit anderen Rohstoffstaaten wie China, der Mongolei, Russland, Kasachstan, Weißrussland oder Aserbaidschan soll verstärkt werden. Mit afrikanischen Ländern solle eine "Win-Win-Situation" hergestellt werden, heißt es in dem Papier: Sie hätten ihren Rohstoffreichtum "oft nicht in nachhaltiges Wachstum umsetzen können". Die neue EU-Rohstoffstrategie solle Aufschwung in Afrika und Rohstoffsicherheit in Europa bringen.

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Neue Technologien: Um diese Rohstoffe kämpfen die Firmen
Um den Handel mit afrikanischen Ländern zu verbessern, möchte die EU die 2003 begonnene "Initiative für Transparenz in der Rohstoffwirtschaft" der Welthandelsorganisation WTO gegen Korruption finanziell und politisch unterstützen. Die EU-Kommission und die Europäische Investmentbank EIB sollen in Zusammenarbeit mit afrikanischen Ländern die "am besten geeignete Infrastruktur fördern" - bessere Verkehrswege könnten demnach die Lieferung wichtiger Metalle aus Afrika erhöhen.

"Das wichtigste Vorhaben fehlt in dem Papier"

Die neue EU-Strategie ist noch nicht veröffentlicht, da erntet sie schon Kritik: "Das wichtigste Vorhaben fehlt in dem Papier", sagt Grünen-Europapolitiker Bütikofer: "Eine konzentrierte Anstrengung zu Ressourceneffizienz, also zur sparsameren Nutzung der Bodenschätze." Japan etwa habe diese Absicht in seiner Rohstoffstrategie an erster Stelle verankert.

Auch für den aktuellen Engpass bei Hightech-Metallen, den sogenannten Seltenen Erden, biete die EU-Strategie wenige Instrumente, sagt Bütikofer. China hat 2009 nahezu sämtliche Seltenen Erden gefördert. Die EU möchte sie nun verstärkt aus Afrika kaufen, doch bislang verteuern afrikanische Länder Metalle mit teils hohen Zöllen.

Die EU reagiert darauf zunehmend irritiert. Als Warnung an Rohstoffländer werteten Beobachter zuletzt etwa die Aussagen von EU-Handelskommissar Karel De Gucht: "Einige Regierungen entwickeln eine Industriepolitik, die Lieferengpässe und andere Störungen hervorruft", sagte De Gucht vergangene Woche in Brüssel. Bütikofer kritisiert das: Der "starke Fokus der neuen EU-Strategie auf Rohstoffe aus Afrika samt etlichen Drohgebärden" überzeuge ihn nicht.

Die EU-Kommission erwartet nun, dass der Wirtschaftsaufschwung in China, Indien und Brasilien zu einer erheblich steigenden Nachfrage nach Rohstoffen führen werde. Die Produktion von Hightech-Produkten werde den Bedarf an manchen Metallen in den nächsten 20 Jahren um das 20-Fache ansteigen lassen, heißt es im EU-Strategiepapier. Die Europäische Kommission hat 14 "kritische Metalle" identifiziert, deren Bedarf sich bis 2030 mehr als verdreifachen könnte, die aber nur in wenigen Ländern gefördert würden - weshalb Lieferengpässe drohten: Antimon, Beryllium, Kobalt, Fluorit, Gallium, Germanium, Grafit, Indium, Magnesium, Niob, Metalle der Platingruppe, Seltene Erden, Tantal, Wolfram.

Inzwischen haben europäische Länder wie Spanien, Griechenland, Rumänien und Schweden, aber auch die USA, Kanada und Australien neue große Bergbauprodukte begonnen. Eine verspätete Reaktion: Die Rohstoffkrise Europas hat sich verschärft, weil viele Firmen aufgrund der Wirtschaftskrise den Abbau der Bodenschätze zurückgefahren hatten.

Der Bergbau in westlichen Ländern könne die Knappheit von Metallen in Europa ohnehin nur allmählich lindern, sagt der Geologe Peter Buchholz von der BGR. Es drohten weiterhin "brisante Engpässe". Die neue EU-Strategie soll die Krise nun mildern: Die EU-Kommission will alle fünf Jahre "kritische Rohstoffe" identifizieren, für die eine gesonderte Strategie erstellt wird.

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1. Super Arbeitsplatzbeschaffung für Ungelernte
Kontrastprogramm 19.11.2010
Zitat von sysopEuropas Industrie droht eine Rohstoffkrise.*Ein internes Strategiepapier der EU, das SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt, zeigt, wo versteckte Schätze zu finden sind:*in Mülltonnen, in Naturschutzgebieten, bei neuen Verbündeten. Doch Kritiker fürchten, dass das nicht genügt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,729971,00.html
Das Recycl´s unseres Wohlstandsmüll´s ist ein super Beschäftigungsprogramm, und der Auf- und Ausbau der Anlagen ein schönes Konjunkturprogramm. Andenfalls mildern wir den Fachkräftemangel durch Rohstoffmangel..:-))
2. Ressourcen
endbenutzer 19.11.2010
Zitat von sysopEuropas Industrie droht eine Rohstoffkrise.*Ein internes Strategiepapier der EU, das SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt, zeigt, wo versteckte Schätze zu finden sind:*in Mülltonnen, in Naturschutzgebieten, bei neuen Verbündeten. Doch Kritiker fürchten, dass das nicht genügt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,729971,00.html
Natürlich werden auch diese Ressourcen nicht genügen. Auch wenn es uns nicht gefällt: Wir müssen uns langsam aber sicher an den Gedanken gewöhnen, dass unser aller Wohlstand - so wie wir ihn kennen - schon bald nicht mehr auf diesem Niveau zu halten sein wird. In spätestens zwei Generationen wird es Kriege um Ressourcen geben, die die gesamte Welt betreffen. Wer zur Zeit immer noch von einem stetigen Wirtschaftswachstum faselt, hat nicht mehr alle Latten am Zaun.
3. Oh Gott, wir werden alle sterben! Heimtückische Retorik des Innenministers..
ELIASS 19.11.2010
Unser Innenminister hätte seiner Empfehlung "..sich ganz normal zu verhalten" noch hinzufügen sollen: "..Liebe Bürger, wir bitten sie, von Hamsterkäufen abzusehen. Die Versorgung ist bis auf weiteres gesichert. Reservierungen von Plätzen in Schutzräumen gegen ABC Waffen werden nicht entgegen genommen. Den Sicherheitskräften der Polizei ist unbedingt Folge zu leisten. Vermeiden sie zu ihrer eigenen Sicherheit hastige Bewegungen in der Öffentlichkeit. Wenn sie von Polizeikräften zum Halt und zur Kontrolle aufgefordert werden, heben sie langsam ihre Arme während ihre Handflächen zum Polizeibeamten zeigen. Diese heimtückische Retorik des Angstmachens und Abwiegelns, zur Steigerung der Beunruhigung der Bürger ist dasjenige, was mir wirklich Angst macht. Und nicht die Gefahr, dass irgendwo eine Terrorbombe hochgehen könnte. Ich gerate ja auch nicht in Panik, weil mal wieder ein ICE entgleisen oder ein Flugzeug abstürzen könnte. Oder weil ich täglich in Gefahr bin, durch einen Autounfall ums Leben kommen zu können. Es gibt ein Lebensrisiko dass man hinnehmen muss, ohne deshalb die Gesellschaft zu verbiegen. Ich höre schon jetzt das erleichterte Aufamtmen und sehe die glänzenden Augen unseres Innenministers und seiner Anti-Bürgerrechts-Komplizen wenn es endlich den großen Knall mit einigen Toten gibt. Dann können sie zuschlagen und alles abwürgen was an ihnen informeller Selbstbestimmung und Demonstrationsrechten für ihre Absichten im Wege steht. Jedes Jahr verlieren tausende Menschen im Strassenverkehr, durch Feuer, Verbrechen oder sonstige Katastrophen ihr Leben, ohne dass deshalb die Gesellschaft auf den Kopf gestellt werden würde. Die Möglichkeit ein paar Menschen vor einem Terrorakt einer Handvoll Verrückter schützen zu können, rechtfertigt nicht diese Anmaßungen der Regierung, einen "Sicherheitsstaat" zu errichten. Dieser Verdacht kommt mir genau wegen dieser seltsamen Retorik unseres Innenministers.
4. "Streitbeilegungsmechanismus" ???
ScubaDiver 19.11.2010
Sorry, mit diesem Instrument der EU kann ich gerade nix anfangen ... Fange ich erst Streit an und biete dann Frieden im Austausch für Rohstoffe, oder wie ???
5. Weniger Müll
Arion's Voice, 19.11.2010
Zitat von sysopEuropas Industrie droht eine Rohstoffkrise.*Ein internes Strategiepapier der EU, das SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt, zeigt, wo versteckte Schätze zu finden sind:*in Mülltonnen, in Naturschutzgebieten, bei neuen Verbündeten. Doch Kritiker fürchten, dass das nicht genügt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,729971,00.html
Weniger Müll produzieren, dann klappts auch mit den Rohstoffen. Wenn man allerdings Wachstum über alles stellt, dann impliziert das auch, dass man keine langlebigen Produkte herstellen darf. Dann wird kurzlebiger Müll für übersättigte Konsumenten produziert, wohingegen andere Bedürfnisse nicht gestillt werden, weil die Abnehmer als Markt nicht interessant sind, da sie über zu wenig Kapital verfügen. Das System ist crap.
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Vor-/Nachteile der Energieträger
Die Energiewirtschaft befindet sich im Umbruch - SPIEGEL ONLINE zeigt die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Energieträger.
Erdöl
Plus: Erdöl ist der Schmierstoff industrieller Volkswirtschaften. In Deutschland deckt Öl rund 35 Prozent des Energiebedarfs - so viel wie kein anderer Rohstoff. Im Verkehrssektor gibt es momentan kaum Alternativen zu Öl: Das bestehende Tankstellennetz ist auf Benzin und Diesel ausgerichtet, die heute gängigen Motoren fahren fast nur mit diesen beiden Treibstoffen.

Minus: Der Ölpreis ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen - und mit ihm der Spritpreis. Autofahrer mussten zeitweise mehr als 1,50 Euro für Benzin zahlen. Die deutsche Volkswirtschaft verliert dadurch Milliardenbeträge, denn das Land ist fast völlig von Importen abhängig. Weltweit liegen die meisten Ölvorkommen in politisch heiklen Regionen wie dem Nahen Osten, Russland, Venezuela oder Nigeria. Versorgungskrisen kann man daher nicht ausschließen. Darüber hinaus ist Erdöl ein endlicher Rohstoff: Die bekannten Vorkommen gehen langsam zur Neige. Große neue Felder wurden in den vergangenen Jahren kaum entdeckt - und wenn, dann nur in schwierig zu erschließenden Gebieten wie der Arktis. Hinzu kommt die CO2-Problematik: Wenn Öl verbrannt wird, entsteht das Klimagas Kohlendioxid .
Erdgas
Plus: Erdgas ist der klimafreundlichste fossile Energieträger - bei der Verbrennung entsteht weniger CO2 als bei Kohle oder Öl. Außerdem halten die Vorräte noch eine Weile: Die Reichweite der Gasvorkommen wird auf rund 60 Jahre geschätzt, bei Öl sind es nur 40 Jahre. Verfeinerte Fördertechniken machen zudem den Zugriff auf große neue Gas-Reservoirs möglich. Ein weiterer Vorteil: Gas kann einen wichtigen Beitrag zur Stromerzeugung leisten. Denn Gaskraftwerke lassen sich schnell hoch- und runterfahren - diese Flexibilität hilft, die Schwankungen beim Windstrom auszugleichen.

Minus: Weltweit verfügen nur wenige Länder über Gasvorkommen. Entsprechend groß sind die Abhängigkeiten - Deutschland bezieht rund 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. Problematisch ist außerdem die noch immer weit verbreitete Bindung an den Ölpreis: Je teurer Erdöl wird, desto teurer wird auch Gas. Stromkonzerne klagen bereits, dass sich Gaskraftwerke kaum mehr rentieren. Private Haushalte kennen dasselbe Problem beim Heizen - Gas ist kaum günstiger als Öl. Auch beim Autofahren stellt Erdgas keine Alternative dar: Der aktuelle Preisvorteil gegenüber Benzin und Diesel liegt nur an der steuerlichen Begünstigung.
Kohle
Plus: Kohle gibt es fast überall auf der Welt - einseitige Importabhängigkeiten wie beim Gas sind deshalb nicht zu befürchten. Auch Deutschland verfügt über nennenswerte Ressourcen: Braunkohle lässt sich ohne Subventionen fördern, für Steinkohle ist dies bei weiter steigenden Preisen zumindest denkbar. Außerdem reichen die Vorräte so lange wie bei keinem anderen fossilen Energieträger: Schätzungen gehen von rund 200 Jahren aus. Kohle eignet sich vor allem zur Stromerzeugung in der Grundlast - rund 50 Prozent des deutschen Stroms stammen aus Kohlekraftwerken .

Minus: Kein Energieträger ist so klimaschädlich wie Kohle. Bei der Verbrennung entsteht rund doppelt so viel CO2 wie bei Gas. Problematisch könnte dies vor allem dann werden, wenn man bestehende Atomkraftwerke durch neue Kohlekraftwerke ersetzt - oder wenn Elektroautos künftig in großem Stil Kohlestrom tanken. Bedenklich sind außerdem die Arbeitsbedingungen, unter denen Kohle gefördert wird : Zu den größten Produzenten zählen China, Russland und Südafrika - Länder, in denen immer wieder Bergleute ums Leben kommen.
Atomenergie
Plus: Kernkraftwerke produzieren - wenn sie einmal gebaut sind - günstigen Strom. Der Rohstoff Uran wird nur in geringen Mengen verbraucht, so dass die laufenden Betriebskosten gering sind. Atomstrom kann in der Grundlast eingesetzt werden, also unabhängig von kurzfristigen Wetterschwankungen. In Frankreich wird Atomstrom auch zum Heizen verwendet, langfristig könnten so auch Elektroautos betrieben werden. Bei der Kernenergie wird kaum CO2 freigesetzt. Sie ist damit klimafreundlicher als Kohle oder Gas.

Minus: Der größte Nachteil der Atomenergie ist das Risiko eines GAUs. Selbst wenn man dafür eine geringe Wahrscheinlichkeit unterstellt - der Schaden wäre enorm. Die Katastrophe in Tschernobyl war nur ein Vorgeschmack dessen, was im dicht besiedelten Mitteleuropa passieren würde: Tausende Opfer, auf ewig verseuchte Landstriche, Vermögensverluste in zigfacher Milliardenhöhe. Hinzu kommt die ungelöste Frage der Endlagerung : Obwohl die Kernenergie seit rund 50 Jahren genutzt wird, gibt es bis heute keine dauerhafte Deponie für die verstrahlten Abfälle. Ob es überhaupt ein sicheres Endlager geben kann, ist umstritten: Der Atommüll strahlt zum Teil mehr als 100.000 Jahre lang - was in dieser Zeit alles passiert, kann niemand vorhersagen. In jüngster Zeit wird ein weiteres Problem immer häufiger diskutiert: Was geschieht, wenn Terroristen einen Anschlag auf ein Kernkraftwerk verüben? Oder wenn sie in den Besitz von spaltbarem Material gelangen? Sicherheitsexperten haben auf diese Fragen keine abschließende Antwort.
Wasser
Plus: Die Wasserkraft ist sehr umweltfreundlich - mit geringem Eingriff in die Natur lässt sich günstig Energie gewinnen. Rund fünf Prozent des deutschen Stroms stammen aus Wasserkraftwerken. Außerdem lässt sich in Stauseen sehr gut Energie speichern: Bei einem Überangebot an Strom wird Wasser nach oben gepumpt. Bei Bedarf wird es dann abgelassen, um die Turbinen anzutreiben.

Minus: In Deutschland ist das Potential der Wasserkraft so gut wie ausgeschöpft. Fast jeder Fluss hat ein Kraftwerk, ebenso fast jeder See. Im Ausland wiederum ist die Wasserkraft zum Teil in Verruf geraten: Riesenprojekte wie der Jangtse-Staudamm in China zerstören die Natur in großem Stil.
Wind
Plus: Von allen erneuerbaren Energien ist die Windkraft in den vergangenen Jahren am stärksten gewachsen. Mittlerweile beziehen die Deutschen deutlich mehr Strom aus Windrädern als aus Wasserkraftwerken. Auch in Zukunft hat die Branche großes Wachstumspotential - vor allem offshore, also in Windparks auf dem Meer . Ein weiterer Vorteil: Die Windkraft ist verhältnismäßig günstig. Die Betreiber der Anlagen bekommen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz nur wenig mehr Förderung als der Preis für konventionellen Strom an der Energiebörse hoch ist. Zum Vergleich: Solarstrom wird weit höher vergütet.

Minus: Kritiker halten Windräder für eine Verschandelung der Landschaft. Außerdem weht der Wind sehr unzuverlässig: Bei einer starken Brise wird das deutsche Stromnetz überlastet, bei Flaute muss Strom aus dem Ausland hinzugekauft werden. Praktikable Speicher für Windenergie gibt es bisher nicht. Ein weiterer Nachteil: Starker Wind bläst vor allem in Norddeutschland, die großen Verbrauchszentren liegen aber im Süden und Westen. Um den Strom abzutransportieren, sind zahlreiche neue Leitungen nötig .
Sonne
Plus: Die Sonne ist nach menschlichen Maßstäben eine ewige Energiequelle , und sie scheint für jeden umsonst. Hätten alle Dächer Deutschlands eine Solaranlage, könnte so ein großer Teil des hiesigen Strombedarfs gedeckt werden - klimaschonend und unabhängig von Importen. Darüber hinaus lässt sich das Sonnenlicht auch zur Warmwasserbereitung nutzen: Mit Solarkollektoren kann man herkömmliche Heizungen ergänzen und so die Energiekosten drücken.

Minus: Die Sonne hat den gleichen Nachteil wie der Wind - ihre Energie lässt sich nicht zu jeder Uhrzeit nutzen. Das größte Problem ist jedoch der Preis: Solarstrom kostet viel mehr als konventioneller Strom. Und trotz milliardenschwerer Subventionen leistet Sonnenenergie bislang nur einen geringen Beitrag zur deutschen Stromversorgung: Schätzungen schwanken zwischen einem um zwei Prozent. Damit die Photovoltaik in Mitteleuropa wettbewerbsfähig wird, müsste es eine technische Revolution geben - oder die Preise für konventionelle Energie müssten dramatisch steigen.
Biomasse
Plus: Holz, Stroh, Mais - beim Verbrennen dieser Stoffe wird nur so viel CO2 freigesetzt, wie die Pflanzen vorher der Atmosphäre entzogen haben. Biomasse lässt sich in vielen Bereichen einsetzen: zum Heizen (beispielsweise mit Holzpellets), zum Autofahren (mit Biodiesel oder Bioethanol ) oder zur Stromerzeugung (mit Biogas). Der große Vorteil: Biomasse ist gespeicherte Energie. Man kann also frei entscheiden, wann man sie nutzen möchte - anders als bei Wind- oder Solarkraft. Ein weiterer Pluspunkt: Energiepflanzen, die in Deutschland wachsen, reduzieren die Abhängigkeit von Importen.

Minus: In jüngster Zeit gerät die Bioenergie massiv in die Kritik. Denn die Pflanzen benötigen enorme Anbauflächen - und treten damit in direkte Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion. Gerade bei Biotreibstoffen wird das zum Problem: Lässt es sich moralisch rechtfertigen, dass die Reichen Mais tanken - während die Armen hungern? Hinzu kommt ein gigantisches Mengenproblem: Wollte Deutschland seinen gesamten Benzin- und Dieselbedarf mit Biokraftstoffen decken, wäre dafür eine Fläche nötig, die größer ist als die gesamte Bundesrepublik. Das Gleiche gilt fürs Heizen: Sollten alle Bundesbürger auf Holzpellets umsteigen, würde der deutsche Wald dafür nicht reichen - erneut wären Energie-Importe nötig.
Erdwärme
Plus: Die Wärme im Erdinneren steht rund um die Uhr zur Verfügung. Sie lässt sich sowohl zum Heizen als auch zur Stromerzeugung nutzen. Gäbe es keine Probleme mit der Bohrtechnik, könnte die Geothermie den gesamten deutschen Energiebedarf decken.

Minus: In Deutschland muss man Hunderte oder gar Tausende Meter tief bohren, um ein ausreichendes Temperaturniveau zu erreichen. Die Kosten der Geothermie sind deshalb sehr hoch. Mancherorts gibt es außerdem Probleme mit dem Grundwasser. Andere Länder sind hier aus geologischen Gründen in einer besseren Position: Island zum Beispiel deckt seinen Energiebedarf zum Großteil mit der Wärme aus dem Erdinneren.

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