Interview zum Eiger-Felssturz "Das ganze Felsmassiv ist durchgerüttelt"

Der Felssturz am Eiger kam für Experten nicht überraschend: Der abschmelzende Gletscher hat die Ostflanke des Berges destabilisiert. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Schweizer Geologe Hans Rudolf Keusen, warum weitere Felsstürze drohen.


SPIEGEL ONLINE: Herr Keusen, Sie hatten den Kanton Bern und die Talgemeinde Grindelwald vor dem Felssturz gewarnt. Was hatte Sie dazu veranlasst?

Keusen: An der Absturzstelle war alles schon stark zerrissen. Es entstanden immer wieder neue, noch größere Klüfte, so dass der Abbruch nur logisch war. Und der charakteristische, 30 Meter hohe Felspfeiler der Madonna brach schon gestern Mittag weg. "Das ist der Vorbote", dachte ich da.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Gestein ist bis jetzt auf den Unteren Grindelwaldgletscher gestürzt?

Keusen: Vermutlich eher nur ein Viertel der absturzbereiten Masse, das wären bisher 500.000 Kubikmeter. Wegen der zunehmenden Destabilisierung und durch die starke Bewegung ist aber das ganze Felsmassiv durchgerüttelt worden. Es ist jetzt alles möglich, es kann ein großes Spektakel oder auch nur ein kleines geben.

SPIEGEL ONLINE: Könnte die ganze Ostflanke des Eiger nachrutschen?

Keusen: Auf keinen Fall. Oberhalb der langen Spalte in der Wand wird es ruhig bleiben. Die Kluft in der Spalte wirkte wie ein Messerschnitt, der den kompakten vom instabilen Fels abgetrennt hat.

SPIEGEL ONLINE: Was ist die Hauptursache des Felssturzes?

Keusen: Das alles hängt mit dem Abschmelzen des Unteren Grindelwaldgletschers zusammen, der vor 150 Jahren noch bis zu der großen Felsspalte hinaufreichte. Mit der Klimaerwärmung und dem Rückgang der Gletscherdecke hat der Druck auf die angrenzende Ostflanke des Eiger immer mehr abgenommen. So entstanden im Fels langsam, aber sicher Spannungen bis zum Zerreißen.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das vorstellen?

Keusen: Wichtig war, dass Wasser in die dort entstandenen Risse und Klüfte dringen konnte. Regen- und Schmelzwasser bildeten in ihnen eine regelrechte Wassersäule, und dabei entstand ein immenser Druck. Da muss man mit Tausenden von Tonnen rechnen, die von innen auf die Felsflanke drücken.

SPIEGEL ONLINE: Gab es in den letzten Jahren einen noch größeren Bergsturz als jenen, den wir jetzt bei Grindelwald erleben?

Keusen: Ja, und zwar 1991 den berühmten Bergsturz von Randa, einem Dorf unterhalb von Zermatt. Damals waren vom 4505 Meter hohen Weißhorn rund 20 Millionen Tonnen Gestein abgebrochen und ins Mattertal gedonnert.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte das geschehen?

Keusen: Auch dort war enormer Wasserdruck verantwortlich. Wasser ist immer stärker und sprengt sogar den umgebenden Fels. Die gewaltigen Schuttmengen bilden im Mattertal seitdem eine eigene kleine Gebirgslandschaft.

Das Interview führte Joachim Hoelzgen



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