Invasion fremder Pflanzen: Der Schuhputzer, der Spitzbergen sauber halten will

Aus Longyearbyen berichtet Christoph Seidler

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Christoph Seidler

Longyearbyen auf Spitzbergen: "Manche neue Arten wachsen einfach vor sich hin"

Das sensible Ökosystem Arktis ist bedroht, denn mit steigenden Temperaturen breiten sich neue, fremdartige Pflanzen aus. Ein Risikofaktor: Touristen, die im Dreck unter ihren Schuhen Samen einschleppen. Ein junger Forscher will das Problem nun angehen - mit Bürste und Spatel.

In den ersten Minuten stiehlt ihm der Eisbär die Show. Wer am Flughafen der arktischen Inselgruppe Spitzbergen ankommt, der hat zunächst keinen Blick für Chris Ware, der in der Ecke der kleinen Halle des Longyearbyen Airport sitzt. Stattdessen stehen die Besucher im Bann des ausgestopften Giganten, der mitten auf dem Gepäckband thront. Der weiße Riese soll die wachsende Zahl der Gäste auf die majestätische Schönheit der Inseln ebenso einstimmen wie auf die Gefahr, die vom größten Landraubtier des Planeten ausgeht. Denn die Population der Eisbären auf dem Archipel ist nach Schätzungen von Forschern mit etwa 3000 Tieren größer als die der Menschen.

Wenige Meter vom bestaunten Bären entfernt hockt der 26-jährige Ware und wartet auf seinen Auftritt. Wenn sich die Gäste am Bären satt gesehen haben, tritt er auf den Plan - und bittet einige der Ankommenden darum, unter ihre Schuhe sehen zu dürfen. "Free Shoe Cleaning", kostenlose Schuhreinigung, steht auf einem Schild, das der rothaarige Australier, der eigentlich an der University of Tasmania studiert, vor sich aufgebaut hat. Mit Hilfe eines zweiten Aufstellers erklärt er ratlosen Gästen kurz den Sinn der Aktion - denn es geht um mehr als eine Dienstleistung am einreisenden Gast.

"Es geht darum, die Einschleppung neuer Pflanzenarten zu verhindern, die sich in den sensiblen Ökosystemen der Inselgruppe unkontrolliert verbreiten könnten", erklärt Ware. Wenn Gäste in den Rillen ihrer Wanderschuhe unbewusst Saatgut mit nach Spitzbergen bringen, drohen dort ökologische Probleme: "Wenn neue Arten einmal hier sind, kann man praktisch nichts mehr machen."

Insgesamt 165 Pflanzenarten sind derzeit auf Spitzbergen bekannt. Weil vor allem im Osten und Norden der Inselgruppe viele Gebiete bisher kaum untersucht worden sind, mögen es auch einige mehr sein. All diese Pflanzenarten verfügen über besondere Qualitäten, die es ihnen ermöglichen, sich im rauen Klima der hohen Arktis zu behaupten. In den kurzen Sommern wachsen sie trotzdem nur sehr langsam, werden bestenfalls wenige Zentimeter hoch. Aufrecht wachsende Bäume gibt es nicht, nur eine horizontal wachsende Birkenart windet sich an einigen Stellen über den kalten Boden.

Die Sorge Wares ist nicht unbegründet: Knapp 20 Pflanzenarten sind bereits von Menschen auf die Inseln gebracht worden, beschreibt Inger Greve Alsos. Sie ist Professorin am hochmodernen Universitätszentrum von Spitzbergen (UNIS) und betreibt eine Datenbank zu allen Pflanzenarten auf den Inseln. Zu den dort registrierten ungewollten Eindringlingen zählt zum Beispiel der Acker-Rettich, der nahe der Polarforschungsstation in Ny-Ålesund im Nordwesten von Spitzbergen gesichtet wurde. Wie er dort hinkam, ist nicht klar.

"Im Schmutz sind eigentlich fast immer Samen"

Damit sich nicht noch mehr Arten in die Ökosysteme der Inseln mogeln, macht sich Chris Ware am Flughafen mit einer blauen Bürste und einem Spatel ans Werk. "Im Schmutz sind eigentlich fast immer Samen. Manchmal ist es einer, manchmal sind es 30 oder 40", sagt er. Alles, was Ware von den Schuhsohlen der ankommenden Fluggäste abkratzt, landet in einer weißen Plastikwanne. Im Schnitt sammelt der junge Mann knapp fünf Gramm importierte Erdreste pro Gast ein.

Später landen die Bodenproben mit einer Nummer versehen in einem hellen Labor im Erdgeschoss des nahe gelegenen UNIS-Gebäudes. Unter dem Lichtmikroskop blickt Ware auf seine Beute, die in einer Plastikschale liegt. "Bisher habe ich 300 Paar Schuhe gesäubert", sagt der Jungforscher stolz. Bei 30.000 Touristen, die jedes Jahr nach Spitzbergen kommen, ist das zwar eher eine symbolische Zahl. Doch es gehe ihm, so sagt er, zunächst einmal darum, die Größe des Problems zu erfassen, das auch aus der Antarktis bekannt ist.

In den nächsten Wochen sollen die eingesammelten Samen im Gewächshaus unter Bedingungen keimen, die denen des arktischen Sommers entsprechen. Ware sagt, er gehe davon aus, dass etwa ein Prozent des eingeschleppten Saatguts mit den harschen Bedingungen klar kommen könnten.

Weil der hohe Norden immer wärmer wird, könnten in Zukunft auch Arten überleben, die bisher dort nicht klar kamen - mit potentiell tödlichen Folgen für die heimische Pflanzenwelt.

Dabei hat Spitzbergen in der Vergangenheit durchaus von der Einwanderung von Pflanzen profitiert, weiß Inger Greve Alsos. Denn während der letzten Eiszeit war der Eispanzer auf der Inselgruppe so dick, dass kaum Pflanzenarten überlebten. Nach der großen Schmelze mussten die Eilande dann wieder ganz neu besiedelt werden.

Dank Genanalysen weiß Forscherin Alsos mittlerweile, wie die Pflanzen damals zurück auf die Inseln kamen: Nicht etwa mit Zugvögeln aus Skandinavien, wie ursprünglich vermutet, sondern vor allem aus Nordrussland über das Eis.

Migration auch im Meer

Eine weitere, derzeit laufende Einwanderungswelle in die Arktis haben unlängst die beiden Forscher Geerat Vermeij und Peter Roopnarine ausgemacht, die beide an Forschungseinrichtungen in Kalifornien arbeiten. In diesem Fall geht es um Meerestiere. Im Wissenschaftsmagazin "Science" (Vol. 321, S. 780) berichteten die Forscher von einer massiven Migration im Ozean, die noch weit umfassender ablaufen dürfte als die Pflanzeneinschleppung an Land.

Zahlreiche Spezies aus dem Nordpazifik dringen in den immer wärmer werdenden Arktischen Ozean vor, so die Forscher. Von dort aus könnten sie schließlich sogar den Atlantik erreichen. Mindestens 77 Arten von Weichtieren und ein Drittel der Schalentiere im Beringmeer zwischen Sibirien und Alaska hätten das Potential, sich derart auszubreiten. Möglicherweise werde die Zahl der wandernden Arten auch noch weit höher ausfallen.

Eine Migration ähnlichen Ausmaßes hatte es schon einmal gegeben - im Mittleren Pliozän, also vor rund 3,5 Millionen Jahren. Damals könnten zumindest Küstenbereiche des Arktischen Ozeans eisfrei gewesen sein.

Für die Arten im Atlantik immerhin bestehe durch die neu einreisenden Verwandten aber keine große Gefahr, erklärten Vermeij und Roopnarine. Heimische und eingewanderte Spezies würden sich friedlich vermischen.

Im Idealfall würde das auch mit neuen Pflanzenarten auf Spitzbergen funktionieren, erklärt Chris Ware. Aber das sei unwahrscheinlich: "Manche neue Arten wachsen einfach vor sich hin, aber andere können ganze Lebensräume auf den Kopf stellen." Diese Fieslinge gilt es mit der Schuhputz-Aktion draußen zu halten. Wenn seine Resultate vorliegen, will Ware bei Inselgouverneur Per Sefland vorsprechen - um die Sohlenreinigung für einreisende Gäste und Einheimische zur Pflicht zu machen.

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