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25. Januar 2010, 16:26 Uhr

IPCC-Debatte

Rettet den Weltklimarat!

Der Uno-Klimarat ist wegen falscher Prognosen heftig in die Kritik geraten. Damit gefährde er die Glaubwürdigkeit der gesamten Klimawissenschaft, warnen die Forscher Richard Tol, Roger Pielke und Hans von Storch. Sie verlangen eine Reform des Gremiums - und den Rücktritt seines Chefs Pachauri.

Die Vertrauenskrise der Klimaforschung hat sich in den vergangenen Wochen vertieft. Zunächst ging es um die unerlaubte Veröffentlichung von E-Mails aus den Archiven der University of East Anglia, die die Klimawissenschaftler in Misskredit brachten. Jetzt gibt es Wirbel um Fehler in den offiziellen IPCC-Berichten und Verdacht auf Interessenkonflikte. Im Mittelpunkt der Krise steht der Uno-Klimarat, der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), und dessen Vorsitzender Dr. Rajendra Pachauri.

Ohne eine tiefgreifende institutionelle Reform droht dem IPCC und der ganzen Klimawissenschaft mehr als nur schlechte Presse. Sie riskieren ihre Glaubwürdigkeit und ihre Akzeptanz bei den Menschen.

Der IPCC wurde geschaffen, um die Politik in Fragen der Klimawissenschaft zu beraten. Explizit wurde von diesem Rat verlangt, dass er "politikrelevant, aber dennoch politikneutral und keinesfalls politikbestimmend" zu sein habe. Der Exekutivsekretär des Uno-Rahmenabkommens zum Klimawandel (UNFCCC) hat erklärt, dass "eine glaubwürdige Klimapolitik nur auf einer glaubwürdigen Wissenschaft basieren kann". Der IPCC betreibt einen sorgfältigen Begutachtungsprozess, "um eine objektive und vollständige Bewertung der vorliegenden Informationen sicherzustellen" und so seinen hohen Standard akademischer Integrität zu sichern.

Der IPCC hat versagt

Die Ideale des IPCC sind wertvoll - und schwierig einzuhalten. Akademiker haben die gleichen Schwächen wie andere Menschen in anderen Berufen. Wenn Politiker und Interessenvertreter nach wissenschaftlichem Rat fragen, geschieht das häufig, um sich hinter "der Wissenschaft" zu verstecken und Fragen nach der Wertelogik hinter schwierigen Entscheidungen auszuweichen. Diese Dynamik macht es für wissenschaftliche Einrichtungen wichtig, strikten und transparenten Regeln zu folgen, die die Glaubwürdigkeit der eigenen wissenschaftlichen Errungenschaften zu sichern. In dieser Hinsicht hat der IPCC versagt.

Die Defizite des IPCC werden sichtbar am Verhalten von Rajendra Pachauri, der das Gremium seit 2002 leitet. In den vergangenen Monaten ist Pachauri offen als politischer Akteur aufgetreten - etwa als er zu geringerem Fleischkonsum aufrief und die US-Regierung aufforderte, eine bestimmte Klimapolitik zu beschließen. Als Ziel hat er 350 ppm für die atmosphärische Konzentration von Treibhausgasen vorgegeben - obwohl der IPCC selbst kein derartiges Ziel empfohlen hat. Er hat nicht verstanden, dass man sich als wissenschaftlicher Berater aus dem politischen (also wertegetriebenen) Prozess, den man berät, heraushalten sollte. In anderen Bereichen ist das ganz klar, etwa wenn Mediziner Rat geben zur Gesundheitspolitik oder Geheimdienste zur Außenpolitik.

Als die E-Mails aus den Archiven der University of East Anglia bekanntwurden - sei es durch Diebstahl oder durch eine Indiskretion - wurde klar, dass einige IPCC-Autoren darüber nachdachten, die Regeln des IPCC auszuhebeln. Pachauri sagte dazu erst, dass er darin kein Problem sehe, dann, dass es eine Untersuchung geben werde - und schließlich, dass doch keine notwendig sei.

Die Sache mit den Gletschern ist kein Einzelfall

Als der zuletzt erschienene IPCC-Bericht beschrieb, dass die Gletscher des Himalaja im Jahr 2035 verschwunden sein könnten - mit massiven Folgen für die Wasserverfügbarkeit in Südasien -, wurde dies nicht nur von regionalen Medien mit Interesse aufgenommen und verbreitet. Es stellte sich heraus, dass diese Darstellung grob falsch war. Es handelte sich um eine ernsthafte Verletzung der Regeln des IPCC. Aber als der Fehler erstmals ruchbar wurde, erklärte Pachauri, dass der IPCC keine Fehler mache. Er attackierte Kritiker in bösartiger Weise - aber unter der Last der Beweise musste er den Fehler dann doch einräumen. Es stellte sich heraus, dass ein IPCC-Autor schon 2006 auf den Fehler aufmerksam gemacht hatte, seine Bemühungen um eine Korrektur aber erfolglos geblieben waren.

Die Sache mit den Gletschern ist kein Einzelfall. Dass ein so umfangreicher Bericht Fehler enthält, ist unvermeidbar. Daher ist ein Mechanismus zum Umgang mit mutmaßlichen oder tatsächlichen Fehlern notwendig - aber so einen Mechanismus gibt es bislang nicht.

Die Situation wurde noch bizarrer, als durch die Nachforschungen von Richard North herauskam, dass Pachauris Energy and Resources Institute (Teri) ein großes Forschungsprojekt eingeworben hatte - ausgerechnet auf Basis der falschen Gletscherbehauptung. Teri ist auch Empfänger erheblicher Geldbeträge, die von Firmen mit finanziellen Interessen in der Klimapolitik für Beratung durch Pachauri gezahlt wurden. Das Erstaunliche ist, dass Pachauri - der die Vorwürfe zurückweist - damit gegen keinerlei Regeln verstoßen hat. Weil es keine Verhaltensregeln zu möglichen Interessenkonflikten von IPCC-Verantwortlichen gibt.

Die Glaubwürdigkeit der Klimawissenschaft steht auf dem Spiel

Der IPCC bereitet derzeit den nächsten großen Bericht vor, der 2014 veröffentlicht werden soll. Vielleicht sollte man lieber eine Pause einlegen und sich Zeit nehmen für eine umfassende Reform des IPCC. Er benötigt Verhaltensregeln für seine Verantwortlichen und Verfahren, um sie durchzusetzen. Wenn dann beim IPCC die gleichen Richtlinien zum Umgang mit Interessenkonflikten gelten wie in anderen führenden wissenschaftlichen Beratergremien, wird er offensichtlich einen neuen Vorsitzenden benötigen.

Der IPCC hat sich an seine eigenen Standards zu halten, wenn er Experten beruft und wissenschaftliche Publikationen bewertet. Ernennungen und Entscheidungen müssen transparent gemacht werden. Das Begutachtungsverfahren muss belastbar gestaltet werden, und Qualität muss wichtiger sein als Terminvorgaben. Eine solche Reform wird schwierig sein und Zeit kosten. Aber es ist die Glaubwürdigkeit der Klimawissenschaft selbst, die auf dem Spiel steht.

Die Lösung der Probleme, die mit dem Klimawandel einhergehen, wird sich über viele Wahlzyklen erstrecken und in allen größeren Ländern verhandelt werden. Parteiische Ratschläge werden ebenso offenbar werden wie schlampige Forschung. Neue Beobachtungen und Einsichten werden unser bisheriges wissenschaftliches Verständnis verändern.

Die Aufrechterhaltung einer effektiven, akzeptierten und robusten Klimapolitik ist nur möglich durch eine solide und unparteiische Beratung durch wissenschaftliche Institutionen, die ihre Arbeit nachhaltig über viele Jahrzehnte machen. Der IPCC sollte so eine Einrichtung sein. Aber es zeigt sich, dass er seinen Standards nur eingeschränkt gerecht wird, dass seine Mechanismen unzureichend sind und seine Glaubwürdigkeit deshalb hinterfragt wird.

Klimapolitik ist wichtig. Auch der IPCC ist wichtig. Diese Wichtigkeit erfordert eine Reform - bevor der Ruf der Klimawissenschaft irreparabel beschädigt ist.

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