IPCC-Debatte: Rettet den Weltklimarat!

Der Uno-Klimarat ist wegen falscher Prognosen heftig in die Kritik geraten. Damit gefährde er die Glaubwürdigkeit der gesamten Klimawissenschaft, warnen die Forscher Richard Tol, Roger Pielke und Hans von Storch. Sie verlangen eine Reform des Gremiums - und den Rücktritt seines Chefs Pachauri.

Fotostrecke

8  Bilder
Weltklimarat: Streit über Rajendra Pachauri
Die Vertrauenskrise der Klimaforschung hat sich in den vergangenen Wochen vertieft. Zunächst ging es um die unerlaubte Veröffentlichung von E-Mails aus den Archiven der University of East Anglia, die die Klimawissenschaftler in Misskredit brachten. Jetzt gibt es Wirbel um Fehler in den offiziellen IPCC-Berichten und Verdacht auf Interessenkonflikte. Im Mittelpunkt der Krise steht der Uno-Klimarat, der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), und dessen Vorsitzender Dr. Rajendra Pachauri.

Ohne eine tiefgreifende institutionelle Reform droht dem IPCC und der ganzen Klimawissenschaft mehr als nur schlechte Presse. Sie riskieren ihre Glaubwürdigkeit und ihre Akzeptanz bei den Menschen.

Der IPCC wurde geschaffen, um die Politik in Fragen der Klimawissenschaft zu beraten. Explizit wurde von diesem Rat verlangt, dass er "politikrelevant, aber dennoch politikneutral und keinesfalls politikbestimmend" zu sein habe. Der Exekutivsekretär des Uno-Rahmenabkommens zum Klimawandel (UNFCCC) hat erklärt, dass "eine glaubwürdige Klimapolitik nur auf einer glaubwürdigen Wissenschaft basieren kann". Der IPCC betreibt einen sorgfältigen Begutachtungsprozess, "um eine objektive und vollständige Bewertung der vorliegenden Informationen sicherzustellen" und so seinen hohen Standard akademischer Integrität zu sichern.

Der IPCC hat versagt

Die Ideale des IPCC sind wertvoll - und schwierig einzuhalten. Akademiker haben die gleichen Schwächen wie andere Menschen in anderen Berufen. Wenn Politiker und Interessenvertreter nach wissenschaftlichem Rat fragen, geschieht das häufig, um sich hinter "der Wissenschaft" zu verstecken und Fragen nach der Wertelogik hinter schwierigen Entscheidungen auszuweichen. Diese Dynamik macht es für wissenschaftliche Einrichtungen wichtig, strikten und transparenten Regeln zu folgen, die die Glaubwürdigkeit der eigenen wissenschaftlichen Errungenschaften zu sichern. In dieser Hinsicht hat der IPCC versagt.

Die Defizite des IPCC werden sichtbar am Verhalten von Rajendra Pachauri, der das Gremium seit 2002 leitet. In den vergangenen Monaten ist Pachauri offen als politischer Akteur aufgetreten - etwa als er zu geringerem Fleischkonsum aufrief und die US-Regierung aufforderte, eine bestimmte Klimapolitik zu beschließen. Als Ziel hat er 350 ppm für die atmosphärische Konzentration von Treibhausgasen vorgegeben - obwohl der IPCC selbst kein derartiges Ziel empfohlen hat. Er hat nicht verstanden, dass man sich als wissenschaftlicher Berater aus dem politischen (also wertegetriebenen) Prozess, den man berät, heraushalten sollte. In anderen Bereichen ist das ganz klar, etwa wenn Mediziner Rat geben zur Gesundheitspolitik oder Geheimdienste zur Außenpolitik.

Als die E-Mails aus den Archiven der University of East Anglia bekanntwurden - sei es durch Diebstahl oder durch eine Indiskretion - wurde klar, dass einige IPCC-Autoren darüber nachdachten, die Regeln des IPCC auszuhebeln. Pachauri sagte dazu erst, dass er darin kein Problem sehe, dann, dass es eine Untersuchung geben werde - und schließlich, dass doch keine notwendig sei.

Die Sache mit den Gletschern ist kein Einzelfall

Als der zuletzt erschienene IPCC-Bericht beschrieb, dass die Gletscher des Himalaja im Jahr 2035 verschwunden sein könnten - mit massiven Folgen für die Wasserverfügbarkeit in Südasien -, wurde dies nicht nur von regionalen Medien mit Interesse aufgenommen und verbreitet. Es stellte sich heraus, dass diese Darstellung grob falsch war. Es handelte sich um eine ernsthafte Verletzung der Regeln des IPCC. Aber als der Fehler erstmals ruchbar wurde, erklärte Pachauri, dass der IPCC keine Fehler mache. Er attackierte Kritiker in bösartiger Weise - aber unter der Last der Beweise musste er den Fehler dann doch einräumen. Es stellte sich heraus, dass ein IPCC-Autor schon 2006 auf den Fehler aufmerksam gemacht hatte, seine Bemühungen um eine Korrektur aber erfolglos geblieben waren.

Die Sache mit den Gletschern ist kein Einzelfall. Dass ein so umfangreicher Bericht Fehler enthält, ist unvermeidbar. Daher ist ein Mechanismus zum Umgang mit mutmaßlichen oder tatsächlichen Fehlern notwendig - aber so einen Mechanismus gibt es bislang nicht.

Die Situation wurde noch bizarrer, als durch die Nachforschungen von Richard North herauskam, dass Pachauris Energy and Resources Institute (Teri) ein großes Forschungsprojekt eingeworben hatte - ausgerechnet auf Basis der falschen Gletscherbehauptung. Teri ist auch Empfänger erheblicher Geldbeträge, die von Firmen mit finanziellen Interessen in der Klimapolitik für Beratung durch Pachauri gezahlt wurden. Das Erstaunliche ist, dass Pachauri - der die Vorwürfe zurückweist - damit gegen keinerlei Regeln verstoßen hat. Weil es keine Verhaltensregeln zu möglichen Interessenkonflikten von IPCC-Verantwortlichen gibt.

Die Glaubwürdigkeit der Klimawissenschaft steht auf dem Spiel

Der IPCC bereitet derzeit den nächsten großen Bericht vor, der 2014 veröffentlicht werden soll. Vielleicht sollte man lieber eine Pause einlegen und sich Zeit nehmen für eine umfassende Reform des IPCC. Er benötigt Verhaltensregeln für seine Verantwortlichen und Verfahren, um sie durchzusetzen. Wenn dann beim IPCC die gleichen Richtlinien zum Umgang mit Interessenkonflikten gelten wie in anderen führenden wissenschaftlichen Beratergremien, wird er offensichtlich einen neuen Vorsitzenden benötigen.

Der IPCC hat sich an seine eigenen Standards zu halten, wenn er Experten beruft und wissenschaftliche Publikationen bewertet. Ernennungen und Entscheidungen müssen transparent gemacht werden. Das Begutachtungsverfahren muss belastbar gestaltet werden, und Qualität muss wichtiger sein als Terminvorgaben. Eine solche Reform wird schwierig sein und Zeit kosten. Aber es ist die Glaubwürdigkeit der Klimawissenschaft selbst, die auf dem Spiel steht.

Die Lösung der Probleme, die mit dem Klimawandel einhergehen, wird sich über viele Wahlzyklen erstrecken und in allen größeren Ländern verhandelt werden. Parteiische Ratschläge werden ebenso offenbar werden wie schlampige Forschung. Neue Beobachtungen und Einsichten werden unser bisheriges wissenschaftliches Verständnis verändern.

Die Aufrechterhaltung einer effektiven, akzeptierten und robusten Klimapolitik ist nur möglich durch eine solide und unparteiische Beratung durch wissenschaftliche Institutionen, die ihre Arbeit nachhaltig über viele Jahrzehnte machen. Der IPCC sollte so eine Einrichtung sein. Aber es zeigt sich, dass er seinen Standards nur eingeschränkt gerecht wird, dass seine Mechanismen unzureichend sind und seine Glaubwürdigkeit deshalb hinterfragt wird.

Klimapolitik ist wichtig. Auch der IPCC ist wichtig. Diese Wichtigkeit erfordert eine Reform - bevor der Ruf der Klimawissenschaft irreparabel beschädigt ist.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Wie glaubwürdig sind die Prognosen des Uno-Weltklimarates?
insgesamt 2424 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Schau nach bei Climategate
besso 23.01.2010
allein die Tatsache, daß hier im AGW-lastigen SPON die Frage gestellt wird, beantwortet sie auch schon: Die Prognosen sind nicht glaubwürdig und waren es für denkende Menschen auch noch nie. Der UNO-Weltklimarat ist eine Institution, geschaffen für die Verkündung des drohenden Weltunterganges und gleichzeitiger Promotion des möglichen Ablasses: dem CO2-Zertifikatehandel
2. Na dann ....
ZWV@SPON 23.01.2010
Zitat von bessoallein die Tatsache, daß hier im AGW-lastigen SPON die Frage gestellt wird, beantwortet sie auch schon: Die Prognosen sind nicht glaubwürdig und waren es für denkende Menschen auch noch nie.
verweisen sie bitte auf die peer-reviewed Arbeiten, die ihre Aussage unterstützen. Wenn sie diese beisammen haben setzten sie dies den peer-reviewed Arbeiten gegenüber, die den vom Menschen mit verursachten Klimawandel bestätigen. Gruß Oli
3.
Petra 23.01.2010
Zitat von sysopDas Uno-Wissenschaftlergremium IPCC ist wegen angeblich fehlerhafter Prognosen zum Verschwinden der Himalaja-Gletscher ins Gerede gekommen - Forscher werfen dem Gremium falschen Umgang mit Daten vor. Wie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates noch?
Die Himalaya-Pleite an sich ist im Grunde ein nicht sonderlich wichtiger Fehler - gemessen am Ganzen. Ein Zahlendreher, Unachtsamkeit und schlampige Recherche, das kann immer mal vorkommen. Massiver aber ist das, was - wie bei den CRU-Emails - wieder einmal als Grundmuster deutlich wird und den eigentlichen Schaden stiftet: Eigene Qualitätsstandards werden läppisch unterlaufen (nur Peer-Review-Artikel, heißt es, aber dann stützt man sich auf populärwissenschaftliche Horror-Meldungen aus Öko-Aktivisten-Schriften, die auf Hörensagen beruhen). Eine angebliche IPCC-Erkenntnis wird lange auch dort noch verteidigt, wo es nichts zu verteidigen gibt. Pachauri sprach von den Vorwürfen als "Voodoo-Science", selbst Hinweise anderer Wissenschaftler aus dem eigenen Verein wurden ignoriert und abgebürstet. Gate-Keeping erster Güte "wir haben einfach recht auch wenn wir unrecht haben" funktioniert auf Dauer nicht. Mit falschen Zahlen eine Horrorbotschaft aufbauen, die zum Abzocken von Fördergeld verwendet wird, um damit den Urheber der Horrorbotschaft in Lohn und Brot zu setzen - das stinkt gewaltig. Seriosität ist eben ein flüchtiges Reh. Und selbstredend wirft das Schatten auf die Glaubwürdigkeit - wo hat man denn sonst noch im IPCC-Report Erkenntnisse aus der Bäckerzeitung als wissenschaftliche Forschungsergebnisse verkauft? Das andere ist die mediale Ausstrahlung: Ein im Grunde nicht so wahnsinnig erschütternder Fehler kann zum entscheidenden Tipping-Point der Akzeptanz werden. Das Grummeln im Redaktions-Untergrund, das sich bislang nicht traute laut zu werden, weil der politisch korrekte Mainstream dagegensteht, kann sich aus einem eigentlich eher kleinen, aber nachweisbaren Fehler die Berechtigung ziehen, nun mal richtig "IPCC-kritisch" zu werden. Und wie die Dynamiken solcher Prozesse nun eben sind - wenn erst mal das neue Themenfeld "IPCC-Kritik" gesellschaftsfähig wurde, gibt es kein Halten mehr... schließlich will man als Redaktion nicht zurückbleiben, wenn der Wind sich eventuell dreht in der Klimawelt, und eben haben die andern schon wieder einen Fehler gefunden... Auch bei SPON wird ja gerade in diesem Thread die Farge aufgeworfen: "Wie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates noch?" In der suggestiven Formulierung steckt kaum verhüllt eine andere Frage: Wie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates überhaupt?
4. Groteske Frage
Andreas2 23.01.2010
Im aktuellen IPCC Sachstandsbericht wird ein Abtauen der Himalayagletscher von 500.000 auf 100.000 Quadratkilometer prognostiziert. Hoffentlich weiß das der Himalaya, der nur rund 33.000 Quadratkilometer Gletscher besitzt, wie eine neue „Science“-Analyse zeigt. Das Malbuch meiner 5-jährigen Tochter ist ein ernstzunehmenderes Dokument als diese IPCC Lügengeschichten, die sich hauptsächlich auf WWF, Greenpeace und andere Lobbyisten stützen. Zumindest ist es mit mehr Sorgfalt erstellt.
5. .
shokaku 23.01.2010
Zitat von sysopWie glaubwürdig sind Prognosen des Uno-Weltklimarates noch?
Wie bei allen Religionen hängt die Glaubwürdigkeit einzig von der Stärke des Glaubens ab.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Weltklimarat IPCC
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • -24-

IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
Ziele
ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
Arbeitsgruppen
Der IPCC hat bisher 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte über den Stand der Klimaforschung abgegeben. An dem Bericht sind drei Arbeitsgruppen beteiligt: Arbeitsgruppe I stellt den Stand der Klimaforschung dar, fasst Daten und Computersimulationen zusammen und trifft Aussagen über die künftige Entwicklung. Arbeitsgruppe II berichtet über die möglichen Folgen der Erwärmung für Mensch und Umwelt, Arbeitsgruppe III über mögliche Gegenmaßnahmen.
Ergebnisse bisher
Im ersten Klimareport des IPCC von 1990 war noch von einem natürlichen Treibhauseffekt die Rede, der von Emissionen des Menschen verstärkt werde. Der Bericht von 2007 aber gab die Verantwortung eindeutig dem Menschen - und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.

Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.