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IPCC-Report: Wie die Politik den Klimabericht beeinflusst hat

Aus Paris berichtet Bernhard Pötter

Vier Tage und vier Nächte lang haben Delegierte aus 130 Ländern um jedes Wort des IPCC-Berichts gerungen. Die Forscher haben sich mit ihren Warnungen vor der Klimakatastrophe durchgesetzt - doch politischer Druck hat diverse Formulierungen verwässert.

Qin Dahe strahlt über das ganze Gesicht. "Ein sehr guter Bericht", sagt der Glaziologe von der chinesischen Meteorologiebehörde und klopft mit der Hand auf die "Summary for Policymakers" des IPCC-Berichts. Dahe war zusammen mit der US-Amerikanerin Susan Solomon der Vorsitzende der IPCC-Arbeitsgruppe I, die heute in Paris den Report vorlegte. Die "Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger" gilt als Herzstück des Klimaberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC): In ihm fasst das Expertengremium der Vereinten Nationen die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel zusammen. Die weiteren Teile des Berichts folgen im Laufe des Jahres.

IPCC-Chef Rajendra Pachauri, Chinas Vertreter Dahe Qin, WMO-Direktor Jeremiah Lengoasa und Klimaforscherin Susan Salomon: Nicht allen gefiel die Abschlussversion des ersten Teils des IPCC-Reports
AFP

IPCC-Chef Rajendra Pachauri, Chinas Vertreter Dahe Qin, WMO-Direktor Jeremiah Lengoasa und Klimaforscherin Susan Salomon: Nicht allen gefiel die Abschlussversion des ersten Teils des IPCC-Reports

Doch Dahes Kollegen aus der chinesischen Delegation hatten offenbar eine andere Meinung über die Qualität des Papiers. Auf ihre Initiative hin ist im Text eine Fußnote eingefügt, die die menschliche Verantwortung für den Klimawandel relativiert. Während der Text erklärt, es sei "sehr wahrscheinlich", dass der Temperaturanstieg hauptsächlich den Treibhausgas-Ausstoß der Menschheit zurückgeht, besagt Fußnote 12: "Die Betrachtungsweise der verbleibenden Unsicherheit basiert auf aktuellen Methodologien" - ein Satz, der "wissenschaftlich eigentlich nichts bedeutet, den aber China so wollte", sagt eine Delegierte.

Das nächtelange Gezerre um die endgültige Version des IPCC-Textes hat dazu geführt, dass nun gleich mehrere Passagen einen schalen Beigeschmack bei Beteiligten hinterlassen. So hätten etwa die USA und Japan darauf gedrängt, die Wortwahl zum Thema Hurrikane zu ändern, sagt Kevin Trenberth vom National Center for Atmospheric Research in Boulder und einer der Autoren des Berichts.

Einerseits betont der IPCC-Report, dass die Stärke der Wirbelstürme in Folge der globalen Erwärmung wahrscheinlich zunimmt. Das besage eine Reihe von Computermodellen. Doch im gleichen Absatz heißt es, dass die aktuellen Modelle den seit den siebziger Jahren wachsenden Anteil an besonders heftigen Stürmen nicht erklären könnten. "Die drei Datenreihen, die wir aus dem Pazifik haben, widersprechen sich", räumt Trenberth ein.

Politisch motivierte Einflussnahme

Die politische Motivation hinter der US-japanischen Taktik ist jedoch offensichtlich: Die Regierungen in Washington und Tokio haben kein Interesse daran, dass Sturmkatastrophen mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht werden. Die innenpolitischen Folgen könnten beträchtlich sein, wie bereits die Reaktionen auf die Verwüstung von New Orleans durch den Hurrikan "Katrina" gezeigt haben: Plötzlich waren TV-Talkshows und Zeitungskommentare voll vom Thema Klimawandel. Etwas Ähnliches hatten die USA bis zu jenem Sommer 2005 noch nicht erlebt.

Die Betonung einer anderen Unsicherheit in der Klimaforschung war wiederum der chinesischen Delegation sehr wichtig, heißt es in Paris. Eine Grafik im IPCC-Bericht zeigt anschaulich, dass die menschliche Aktivität etwa 13-mal so stark zur Erwärmung beiträgt wie die Sonnenstrahlung. Doch bei der Frage, wie sicher diese Erkenntnis ist, notiert der Bericht "niedrig". Nicht nur Trenberth hält das für ein Einfallstor für Klimaskeptiker, die mit Hinweis auf den IPCC-Bericht in Zukunft behaupten können, über die Aktivität der Sonne wisse man noch viel zu wenig. "Wir werden von diesen Leuten bestimmt noch hören."

Verwirrung um Meeresspiegel-Anstieg

Für Verwirrung sorgt auch die Vorhersage über den Anstieg des Meeresspiegels. Selbst im pessimistischsten Szenario sieht der Bericht einen Anstieg von nur 59 Zentimeter vor - deutlich weniger, als der letzte IPCC-Bericht 2001 angenommen hat. Darin war von maximal 88 Zentimetern die Rede. "Das liegt daran, dass man damals mit anderen Methoden gemessen hat", sagt Ursula Fuentes, die Leiterin der deutschen Delegation.

Messe man heute mit gleichen Maßstäben, liege die Projektion des aktuellen Berichts sogar über der von 2001. "Es wäre falsch, anzunehmen, dass das IPCC jetzt von geringeren Werten ausgeht", so Fuentes. Dabei berücksichtigen die Werte des aktuellen Berichts noch nicht einmal die Messungen, die aktuell zeigen, dass vor allem in Grönland das Eis schneller schmilzt als bisher aus den Computermodellen ersichtlich. Kaum zufällig haben Forscher unmittelbar nach der Veröffentlichung des neuen IPCC-Berichts kritisiert, dass der Report den Anstieg der Meeresspiegel unterschätze.

Noch eine andere Sorge treibt manche Forscher um: Nachdem sie jahrelang von Politik und Öffentlichkeit ignoriert oder gar schikaniert wurden, könnten sie mit ihren Warnungen nun womöglich zu erfolgreich sein. Es könne der Eindruck entstehen, man habe nunmehr genug über den Klimawandel in Erfahrung gebracht. "Die Europäische Union überlegt jetzt, die Finanzierung für die Klimaforschung zu senken", sagte Philip Jones, Klimaforscher an der University of East Anglia. "Weil man meint, alles zu wissen."

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