Neuer IPCC-Bericht Klimaschutz-Experten setzen Europäer unter Druck

Klimaschutz und Wirtschaftswachstum sind gleichzeitig möglich. Das ist die Botschaft im dritten Teil des neuen Weltklimaberichts. Das Dokument könnte vor allem die Europäer vor eine echte Herausforderung stellen.

Tagebau und Kraftwerk in Garzweiler (April 2013): "Polen und andere Osteuropäer werden das wohl schon bald ausnutzen"
AP/dpa

Tagebau und Kraftwerk in Garzweiler (April 2013): "Polen und andere Osteuropäer werden das wohl schon bald ausnutzen"

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"Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten", so lautet das Fazit des Umweltökonomen Ottmar Edenhofer zum dritten Teil des Uno-Weltklimaberichts. Hunderte Wissenschaftler aus knapp 60 Ländern hatten an dem Dokument mitgeschrieben, das am Sonntag in Berlin vorgestellt wurde. Edenhofer war einer der drei Chefs der zuständigen Arbeitsgruppe. Es ging um die Frage, wie sich ein Anstieg der Treibhausgasmengen in der Atmosphäre bremsen lässt - und was das kostet.

Klimaschutz und Wirtschaftswachstum seien gleichzeitig möglich, erklären die Forscher. Insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer hatten das immer wieder in Zweifel gezogen. Die IPCC-Experten äußern sich nun optimistisch - und belegen ihre Aussage mit einer Rechnung zu den weltweiten Konsumausgaben für Güter und Dienstleistungen: Die werden laut Schätzungen konstant um 1,6 bis drei Prozent pro Jahr steigen - und nur durchschnittlich 0,06 Prozentpunkte davon würden durch Klimaschutz beansprucht. "Das ist das, was man sonst sieht, wenn Steuern erhöht werden oder was in einer Finanzkrise passiert", sagt Edenhofer.

Das Problem: In der Zusammenfassung des Klimaberichts ist keine Rede davon, wer wie viel der Zeche zahlen soll. Allein die Industrieländer, zu denen die europäischen Staaten oder die USA zählen? Oder auch die aufstrebenden Schwellenländer, allen voran China? Das festzulegen ist nicht Aufgabe der IPCC-Wissenschaftler, die internationalen Klimadiplomaten müssen sich einigen.

Landkarte mit verschiedenen Pfaden

Darauf legt auch Ottmar Edenhofer Wert. Die Forscher fertigten mit den Berichten "eine Landkarte mit vielen möglichen Pfaden" an. Die Politik müsse dann einen Weg wählen. "Der IPCC versteht sich nicht als Gremium, das Entscheidungsträgern vorschreibt, was sie zu tun haben."

Im letzten Bericht des Weltklimarates stand freilich noch zu lesen: Die Industrieländer müssten ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 um 80 bis 95 Prozent senken, wenn man die Werte von 1990 zugrunde legt. Punkt. Genau dieser Satz diente der Europäischen Union zur Festlegung ihres Klimaziels - mit Verweis auf den IPCC.

In der aktuellen Ausgabe des Berichts findet sich diese Zahl nun aber nicht mehr. Hier ist nur die Rede davon, dass der weltweite Ausstoß an Treibhausgasen bis zur Mitte des Jahrhunderts um 40 bis 70 Prozent sinken muss - ohne dass klar wird, wer dazu was beiträgt.

Kernpunkte des neuen IPCC-Berichts
Für die Wissenschaftler ist die fehlende regionale Differenzierung praktisch - setzen sie sich so nicht dem Vorwurf aus, der Politik in ihr Kerngeschäft hereinzureden. Doch für die EU könnte die neue Linie zum massiven Problem werden, warnt Oliver Geden von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin: "Die Europäer habe ihre Klimaschutzziele für 2050 direkt aus der Zahl im letzten IPCC-Bericht abgeleitet, 80 bis 95 Prozent bis 2050. Wenn es nun im neuen Bericht keine Vorgabe für die Industrieländer mehr gibt, muss die EU eigenständig etwas festlegen - und das wird sie nicht hinbekommen."

Rechtfertigung abhanden gekommen

Die Europäer streiten gerade schon über die Klimaziele bis 2030. Sie sollen im Herbst feststehen. Die EU-Kommission will die CO2-Emissionen im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent senken. Für die erneuerbaren Energien gibt es aber nur einen europaweiten Wert, Vorgaben für die einzelnen Staaten gibt es nicht. Auch für die Steigerung der Energieeffizienz gibt es kein Ziel.

Rebecca Harms, Grünen-Fraktionschefin im Europaparlament, hält das nicht für ausreichend: "Die EU-Ziele für 2030 und 2050 klaffen so weit auseinander, dass das an Selbstbetrug grenzt." Und selbst die mäßig ambitionierten Pläne sorgen unter den Mitgliedstaaten für Streit - unter anderem Polen will möglichst wenig tun. Das Argument: Erst wenn auch andere Industriestaaten mitziehen, müssten sich die Europäer bewegen.

"Wenn der IPCC keine Vorgaben für die Industrieländer mehr formuliert, ist den Europäern die Rechtfertigungsgrundlage für ihre Ziele abhanden gekommen", sagt Forscher Geden. "Polen und andere Osteuropäer werden das wohl schon bald ausnutzen - und auf möglichst schwache Ziele drängen." Schon beim letzten Treffen der EU-Staats- und Regierungschef hätte es Streit ums Klima gegeben - wenn nicht die Krim-Krise als willkommene Ausrede gedient hätte, das Thema erst einmal zu vertagen.

Umweltministerin Barbara Hendricks erklärte am Sonntag, Europa müsse "die Führung übernehmen", wenn die Weichen für ein verbindliches, weltweites Klimaabkommen für die Zeit nach 2020 gestellt werden. "Darum wollen wir so schnell wie möglich ein EU-weites Klimaziel von mindestens 40 Prozent bis 2030 festlegen." In der Bundesregierung macht man sich nun Gedanken, wie Europa der Regierung in Warschau entgegenkommen kann.

Denn Tatenlosigkeit ist keine Option. Der scheidende IPCC-Chef Rajendra Pachauri drückte es am Sonntag so aus: "Der Hochgeschwindigkeitszug zur Verringerung der Treibhausgase muss jetzt losfahren - und die gesamte Weltgemeinschaft muss einsteigen."

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malwasganzneues 13.04.2014
1. Eine Kugel Eis im Monat
Wow, also doch wieder nur eine Kugel Eis im Monat! 0,06% von 1000 Mrd (Schon optimistisch geschätzt für die Konsumausgaben für Güter und Dienstleistungen in der BRD) sind 600 Mio €. Also weniger als eine Kugel Eis pro Monat. vielleicht sollten wir diese "Wissenschaftler" ja fragen wie es geht, bei uns ist die Energiewende ja doch "etwas" teurer. Oder sind das vielleicht die gleichen "Wissenschaftler" die Rot-Grün und CDU/CSU/FDP beim EEG beraten hat?
hiramholliday 13.04.2014
2. Vüm Weltklimapanikrat
Zitat von sysopAP/dpaKlimaschutz und Wirtschaftswachstum sind gleichzeitig möglich. Das ist die Botschaft im dritten Teil des neuen Weltklimaberichts. Das Dokument könnte vor allem die Europäer vor eine echte Herausforderung stellen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/ipcc-wg3-und-eu-klimabericht-heizt-streit-in-europa-an-a-964120.html
[QUOTE=sysop;15416762]Klimaschutz und Wirtschaftswachstum sind gleichzeitig möglich. Das ist die Botschaft im dritten Teil des neuen Weltklimaberichts. Das Dokument könnte vor allem die Europäer vor eine echte Herausforderung stellen. und seinen "Botschaften" sollte sich kein denkender Mensch mehr "herausfordern" lassen. Es geht hier lediglich um um Milliarden für sog. "Entwicklungsländer", die sich seit Jahrzehnten allenfalls zurückentwickeln. Nachdem Billionen an Entwicklungshilfe nichts genutzt haben, wird jetzt das Etikett ausgewechselt.
MaxSeelhofer 13.04.2014
3. Die einzig relevante Frage ...
Die einzig relevante Frage lautet: Klimawandel gibt es seit Millionen/Millionen von Jahren, Menschen seit ca. 40/50 Tausend Jahren. Wer/was hat, als es noch keine Menschen gab, den über Millionen von Jahren andauernden Klimawandel verursacht? – Ist jemand in der Lage, darauf eine Antwort zu geben?
werano 13.04.2014
4. und jetzt Angela?
energiewende wieder vorwärts? mercedes gesetze wieder aufheben? jetzt hat sich unsere industriefreundliche Angela doch soviel mühe gegeben unsere industrie zu unterstützen, alle stringenten ziel aufgeweicht und jetzt soll das alles umsonst gewesen sein? (Gabriel kann mann vergessen, das ist eh nur ein mitläufer).
lövgren 13.04.2014
5.
Zitat von MaxSeelhoferDie einzig relevante Frage lautet: Klimawandel gibt es seit Millionen/Millionen von Jahren, Menschen seit ca. 40/50 Tausend Jahren. Wer/was hat, als es noch keine Menschen gab, den über Millionen von Jahren andauernden Klimawandel verursacht? – Ist jemand in der Lage, darauf eine Antwort zu geben?
Der Unterschied zwischen Klugen und Dummen ist der, dass sich ersterer selbst schlau macht und immer was dazulernen will und letzterer immer wenn er keine Ahnung hat, die anderen auffordert ihn schlau zu machen.
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