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Irak: Monsterspinnen ängstigen US-Soldaten

Die meisten US-Soldaten im Irak kennen sie - die gruselige Geschichte von der Kamelspinne: Sie ist groß wie ein Suppenteller, beißt Kamele in Bauch und Hoden, rennt mit mehr als 50 Sachen durch den Wüstensand und stößt dabei markerschütternde Schreie aus. Oder?

Kamelspinnen (Screenshot): Wilde Gerüchte über irakisches Monster

Kamelspinnen (Screenshot): Wilde Gerüchte über irakisches Monster

Unter amerikanischen GIs kursieren die wildesten Gerüchte über die Kamelspinne. Etwa dieses: Wenn sie ihre Opfer nicht im hohen Bogen anspringt, pirscht sie sich des Nachts an amerikanische Soldaten heran, um sie mit ihrem Gift zu betäuben - und in aller Ruhe Menschenfleisch zu fressen.

Könnte das Tier lesen, würden sich ihm angesichts der Gerüchte seine - in großer Zahl und Länge vorhandenen - Haare sträuben. "Dieses Bild ist ein perfektes Beispiel dafür, warum du nicht in die Wüste gehen willst", heißt es in einem weit verbreiteten Internet-Forumsbeitrag zu einem Bild von zwei Kamelspinnen, die von einem US-Soldaten in die Höhe gehalten werden.

"Diese beiden sind die größten, die ich jemals gesehen habe", heißt es in dem Beitrag. "Mit einem Sprung, der einen Profi-Basketballer vor Neid weinen ließe (sie müssen schließlich einem Kamel an den Bauch springen können), klammern sie sich fest und injizieren ein Betäubungsmittel, damit man nicht spürt, wie sie einen anfressen. Sie fressen Fleisch und saugen nicht deine Säfte aus wie eine normale Spinne."

Experten halten solche Beschreibungen für das, was sie sind: "So einen Blödsinn machen Kamelspinnen nicht", sagt Martin Kreuels von der Arachnologischen Gesellschaft im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das aggressive Raubtier schnappe sich Insekten, Eidechsen, Ratten und - "wenn es ganz besonders gut drauf ist" - auch mal einen Vogel. Der Name Kamelspinne rührt wahrscheinlich daher, dass die Spinne oft in der Wüste und angeblich auch in Sandstürmen gesichtet wird.

Menschen hätten lediglich den "Schreckbiss" zu fürchten, wenn sie die Kamelspinne in die Enge trieben oder sich an den Kokons mit den Eiern zu schaffen machten. Zudem sei das Tier, das nicht zu den "echten" Spinnen, sondern den Walzenspinnen ("Solifugae") gehört, nur schwach giftig. "Ein Mensch hätte höchstens ein paar Tage Übelkeit zu befürchten", meint Kreuels.

Eine Zutat aus der Gerüchteküche hält der Spinnenfachmann dagegen für durchaus realistisch: Kamelspinnen, die im wilden Spurt auf Soldaten zurennen und die Truppe in wilde Panik versetzen. Denn die Hitze der irakischen Wüste macht wechselwarme Tiere nicht nur extrem schnell. Sie bewirkt auch, dass Kamelspinnen gern im Schatten hocken. Und in der Wüste sind US-Soldaten mitunter die einzigen Schattenspender weit und breit.

Der Anblick einer kuchentellergroßen Spinne, die auf acht Beinen mit bis zu 16 Kilometern pro Stunde durch den Sand rast und deren lange Kopftaster - zuweilen für Beine Nummer neun und zehn gehalten - hoch im Wind baumeln, dürfte durchaus Furcht erregend sein. Die schnellsten menschlichen Läufer überschreiten zwar spielend die 30-km/h-Marke, allerdings meist halbnackt auf der Tartanbahn - und nicht mit vollem Marschgepäck im Wüstensand.

Sollte die Spinne ihren Irrtum bemerken, würde sie jedoch schnell das Weite suchen, wie Kreuels betont: "80 Kilogramm Fleisch mit einem Maschinengewehr in der Hand sind keine Beute für eine Spinne."

Markus Becker

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