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"Irene": Wirbelsturm traf USA mit seiner sanfteren Hälfte

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Hurrikan "Irene" brachte weniger Unheil als befürchtet - Kritiker monieren einen Fehlalarm. Dabei ließ sich die Windstärke kaum vorhersagen: Der Sturm erwischte die US-Küste zufällig nur mit seiner weichen Flanke, der linken Wirbelhälfte.

Wirbelsturm "Irene": Mehr als 1000 Kilometer breit. Zur Großansicht
REUTERS/ NASA

Wirbelsturm "Irene": Mehr als 1000 Kilometer breit.

Hamburg - Große Erleichterung in den USA: Wirbelsturm "Irene" hat weniger gewütet als erwartet worden war; New York kam mit Sturmböen und einigen Überflutungen relativ glimpflich davon. Dabei waren Hunderttausende gezwungen worden, ihre Wohnungen zu verlassen, sie wechselten aus Angst vor Sturmfluten in höher gelegene Gebiete. Noch eine Stunde bevor "Irenes" Zentrum über New York zog, hatte der Bürgermeister der Stadt, Michael Bloomberg, erneut zur Vorsicht aufgerufen: "Jetzt kommt die gefährlichste Zeit, bleiben Sie zu Hause." Erste Skeptiker fragen nun, ob der Alarm nicht übertrieben war.

Die Ankunft des Wirbelsturms verlief unspektakulär. Zwar regnete es stark, es war windig, und die Meerespegel stiegen. Von der ganz großen Naturgewalt war aber zunächst nichts zu spüren. Doch der Blick aufs Barometer bot Anlass zu großer Sorge: Ab 22 Uhr Ortszeit war der Luftdruck in New York mit jeder Minute gesunken - von 1010 Millibar auf unter 970 in den frühen Morgenstunden. Solch niedrige Werte werden nur nahe dem Auge eines Wirbelsturms erreicht, das Luftmassen mit infernalischer Gewalt ansaugt. Am Rande des Auges stürmt es deshalb am stärksten.

Doch es kam weniger schlimm als befürchtet, kurz vor New York büßte "Irene" an Kraft ein. Die Folgen des Sturms könnten dennoch beträchtlich sein: "Die größten Schäden werden Regenfluten und Hochwasser verursachen", sagt der Gouverneur von New Jersey, Chris Christie. Denn nicht nur die Windstärke bestimmt die Höhe der Fluten, sondern vor allem die Größe eines Sturms - je länger er das Meer traktiert, umso höher türmt sich das Wasser. Und "Irene" war mit mehr als tausend Kilometern ein besonders breiter Hurrikan; allein sein Auge öffnete sich zeitweise fast hundert Kilometer weit.

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Gebremster Hurrikan: Kurzes Leben des Wirbelsturms
Jetzt kommen die Fluten

Und so stiegen die Meerespegel am Sonntag wie erwartet fast zwei Meter über Normal, zahlreiche Straßen entlang der Küste und auch in New York wurden überschwemmt. Im Landesinnern seien durch stundenlangen Regen zudem viele Flüsse über die Ufer getreten, die Schäden könnten noch nicht abgeschätzt werden, sagt Gouverneur Christie. Allein in New Jersey seien aber Kosten von vielen Milliarden Dollar zu erwarten.

Gleichwohl fallen die Zerstörungen offenbar deutlich weniger schlimm aus, als bei anderen Hurrikanen, die die USA getroffen haben. Zwar kappte der Sturm den Strom von mehr als vier Millionen Menschen. Doch trotz starker Überflutungen und vieler umgestürzter Bäume sei "der Schaden in North Carolina nicht annähernd so schlimm wie erwartet", sagte Küstenwachen-Konteradmiral William Lee dem Sender CNN, der die Gegend überflogen hatte, über die der Hurrikan am Samstag gezogen war. Allein in North Carolina gab es aber mindestens fünf Todesopfer durch den Sturm; insgesamt sollen zwölf Menschen durch "Irene" zu Tode gekommen sein. Die meisten Opfer wurden von entwurzelten Bäumen, herabfallenden Ästen oder herumfliegenden Trümmerteilen erschlagen.

"Irene" schwächte sich aber eher ab, als es die Meteorologen vorhergesagt hatten - vor allem wohl aus zwei Gründen: Hurrikane ziehen ihre Energie aus warmem Wasser, sie entstehen erst, wenn eine 50 Meter dicke Wasserschicht mindestens 26,5 Grad Celsius erreicht. Der Atlantik auf Höhe von New York ist jedoch deutlich kühler als vor Florida. Zudem schnitten wiederholte Landgänge "Irene" zeitweise von ihrem Energiereservoir ab.

"Irene" in der Krise

Diese Energiekrisen des Wirbels waren vorhergesagt worden, doch erst für einen späteren Zeitpunkt. Der Wirbel habe erstaunlicherweise "keinen vollständigen Zyklus durchlaufen können", erläutert der Sturmforscher Todd Kimberlain vom Hurrikan-Zentrum in Miami: Während des Zuges eines Wirbelsturms dringen die äußeren Wolkenbänder mit ihren starken Gewittern ins Sturminnere und saugen Energie ab. "Irene" habe sich mangels Energie von dieser Schwächephase offenbar nicht mehr erholen können, sagt Kimberlain - zum Glück für die New Yorker erlahmte der Wirbelsturm kurz vor ihrer Stadt.

Auch die anderen Städte der Ostküste blieben von der stärksten Kraft des Hurrikans verschont - Satellitenbilder zeigen, warum: "Irene" traf die Küste mit ihrer schwächeren Seite, der linken Wirbelhälfte. Die stärkere Seite tobte sich offenbar über dem Ozean aus. Der heftigste Sturm aber weht dort, wo die Zugrichtung des Wirbels und seine Windrichtung parallel liegen und sich nicht in die Quere kommen - auf der rechten Seite eines Hurrikans. Hurrikane drehen sich auf der Nordhalbkugel entgegen dem Uhrzeigersinn, auf ihrer linken Seite bremst die vorrückende Front den Wind.

Als "Irenes" Auge dann am Sonntag gegen 9 Uhr Ortszeit (15 Uhr Mitteleuropäischer Zeit) New York erreichte, wurde sie vom Hurrikan zum Tropischen Sturm herabgestuft, ihre Böen erreichten angeblich noch 100 Kilometer pro Stunde. Windmessungen des US-Wetterdienstes NOAA in der Bucht von Newark und in Long Island zufolge jedoch blies "Irene" nicht stärker als mit Windstärke sieben, also gerade mal mit Sturmstärke.

In Blogs und im Fernsehen melden sich nun Kritiker zu Wort: Von "Medien-Hype" und "Massenhysterie" ist die Rede. Ein Fernsehmoderator fragte: "Ist das hier nicht so wie bei der Geschichte mit dem kleinen Jungen, der sein Dorf so oft vor dem Wolf warnt, bis ihm am Ende keiner mehr glaubt?"

"Schlimmes wurde verhindert"

Meteorologen kontern Kritik an ihren Vorhersagen: Dass sich der Hurrikan eher abschwächte als vorhergesagt, liege daran, dass es zu wenige Daten aus seinem Inneren gebe, betont Kimberlain in der "New York Times". Zwar hatten Piloten, sogenannte Hurrikan-Jäger, ihre Flugzeuge im Auftrag der Wettervorhersage in den Wirbelsturm gestürzt, um die Gefahr zu messen, die von dem Sturm ausgeht. Und Forscher des Geologischen Dienstes der USA und anderer Institute hatten am Donnerstag und Freitag zudem noch eilig Messbojen an der Küste platziert, die beim Durchzug des Wirbels Daten übermitteln sollten. Doch gemessen an der Größe eines Hurrikans sind die Messungen nur winzige Ausschnitte.

Dennoch hatte US-Präsident Barack Obama vor einem "historischen, extrem gefährlichen" Hurrikan gewarnt; er brach sogar seinen Urlaub ab. Andere Amtsträger fanden noch drastischere Worte: "Haut verdammt noch mal vom Strand ab! Brauner werdet ihr nicht! Haut vom Strand ab!", fuhr New Jerseys Gouverneur, Chris Christie, seine Bürger an. Und New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg ordnete zum ersten Mal in der Stadtgeschichte die Räumung tieferliegender Gegenden an und machte den öffentlichen Nahverkehr dicht. Er wurde nicht müde, vor dem "lebensbedrohlichen Sturm" zu warnen.

Die Vorkehrungen hätten Schlimmeres verhindert, sagt nun Janet Napolitano vom US-Heimatschutzministerium. Ein "dramatischer Verlust an Menschenleben" sei verhindert worden. Und alles deutet darauf hin, dass es künftig bei drastischen Warnungen von Behörden und Politikern bleiben wird, wenn wieder ein Hurrikan die US-Küste bedroht - selbst wenn sie Gefahr laufen, dass sich die starken Worte abnutzen. "Wir haben herausgefunden, dass Zögerlichkeit der Behörden oder schwächere Worte nicht funktionieren", sagte der Direktor des Nationalen Zentrums für Katastrophenvorbereitung, Irwin Redlener, dem Magazin "Newsweek". Selbst die drastischen Mahnungen der letzten Tagen hatten manche nicht beeindruckt. Wenige Stunden vor dem Eintreffen von "Irene" hatten New Yorker Polizisten zwei Kanufahrer aus dem von Hurrikan-Wellen aufgewühlten Meer holen müssen.

Mit Material von dpa

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1. Windmacher
Ernst August 28.08.2011
Zitat von sysopHurrikan "Irene"*verursachte weniger Schaden als befürchtet - Kritiker*monieren einen*Fehlarm. Dabei ließ sich die Sturmstärke kaum vorhersagen: Der Wirbel erwischte die US-Küste zufällig nur mit seiner weichen Flanke. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,782940,00.html
Der Wind will mir ein Lied erzähln...
2.
kjartan75 28.08.2011
Zitat von sysopHurrikan "Irene"*verursachte weniger Schaden als befürchtet - Kritiker*monieren einen*Fehlarm. Dabei ließ sich die Sturmstärke kaum vorhersagen: Der Wirbel erwischte die US-Küste zufällig nur mit seiner weichen Flanke. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,782940,00.html
1. Man kann sich freuen, dass es nicht schlimmer gekommen ist. 2. Diejenigen, die jetzt laut Fehlalarm schreien, sind eh immer die Ersten, die gleich auf die Barrikaden gehen, wenn es schlimm kommt und man habe sie nicht gewarnt. Wie erbärmlich.
3.
neoptolemos 28.08.2011
Nach der Anzahl der Threads zum Thema "Irene" bei SPON zu urteilen, wurde der Sturm schlicht totgequatscht. Übrigens: Was macht eigentlich Yvonne, die Problemkuh?
4. umsonst...
jaglaubse 28.08.2011
...die ganze Aufregung
5. tja ..
Viciente 28.08.2011
Zitat von kjartan751. Man kann sich freuen, dass es nicht schlimmer gekommen ist. 2. Diejenigen, die jetzt laut Fehlalarm schreien, sind eh immer die Ersten, die gleich auf die Barrikaden gehen, wenn es schlimm kommt und man habe sie nicht gewarnt. Wie erbärmlich.
.. ein grossteil der menschheit ist wirklich sagenhaft - wahnsinnig blöd. 1. es ist weniger schlimm als wir dachten: "na eben, habt ihr übertrieben, alles überflüssig .. nur panikmache." 2. riesige verwüstungen, viele tote (siehe new orleans): "warum habt ihr uns nicht gewarnt und beschützt?" .. immer und immer dasselbe. bush hat damals nicht mal nachher was weitergebracht, jetzt haben die tolle arbeit in der vorbeugung geleistet .. und auch wärs wieder ned recht .. blödes volk - ehrlich. .. sollten sich lieber für die umsicht und den aufwand BEDANKEN!
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Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun
Entstehung
Orkan, Hurrikan, Zyklon und Taifun sind im Grunde das gleiche Wetterphänomen. Bei allen vieren handelt es sich um Wirbelstürme, die entstehen, wenn sich um ein großes Tiefdruckgebiet ein Sturmfeld bildet. Je nach Stärke und Größe kann es erhebliche Verwüstungen anrichten.

Ein Orkan entsteht, wenn kalte Luft vom Nordpol auf warme Luft aus dem Süden trifft. An der Grenze, der sogenannten Polarfront, ziehen die Luftmassen aneinander vorbei. Dabei können Drehbewegungen entstehen, in deren Zentrum der Luftdruck stark abfällt und Tiefdruckwirbel mit starken Winden ausgelöst werden.

Tropische Wirbelstürme entstehen dagegen über aufgeheizten Wassermassen im Ozean. Die aufsteigende Luft erzeugt einen Unterdruck, der Luft aus der Umgebung ansaugt. Dieser Kamineffekt wird durch das warme Wasser weiter befeuert. Die Luftmassen werden durch die sogenannte Corioliskraft, die aus der Erdrotation entsteht, in Drehung versetzt.
Unterscheidung
Von Orkanen sprechen Seefahrer und Meteorologen ab Windstärke zwölf, dem höchsten Wert auf der nach dem britischen Admiral Francis Beaufort benannten Beaufort-Skala. Sie entspricht einer Geschwindigkeit von 117,7 Kilometern pro Stunde oder 64 Knoten. Solche Winde können nicht nur in Tiefdruckgebieten wie etwa "Kyrill", sondern auch örtlich begrenzt in Tornados auftreten.

Während der Begriff Orkan früher zusammenfassend für alle diese Phänomene benutzt wurde, bezeichnet er heute meist nur noch die Windstärke bei Stürmen in Europa. Ein tropischer Wirbelsturm wird dagegen Hurrikan oder Taifun genannt - je nachdem, ob er sich im Atlantik, dem Nordpazifik oder in der Karibik entwickelt und so zum Hurrikan wird oder aber im nordwestlichen Pazifik wütet und dann als Taifun gilt. Im Indischen Ozean wiederum wird ein Wirbelsturm auch Zyklon genannt.

Tropische Wirbelstürme entwickeln höhere Windgeschwindigkeiten als Winterstürme. Letztere besitzen dagegen breitere Sturmfelder und bewegen sich schneller fort, manchmal bis zu 2000 Kilometer pro Tag.
Gefahren
Wirbelstürme können die See zu Wellenhöhen von bis zu 20 Metern aufpeitschen. Im Binnenland sind sie wegen größerer Reibung am Boden dagegen selten, weshalb es dort meist nur zu Orkanböen kommt. Sie können selbst starke Bäume entwurzeln und schwere Verwüstungen verursachen. Der Hurrikan "Katrina" etwa, der im August 2005 New Orleans verwüstete und mehreren tausend Menschen das Leben kostete, wurde aus einem tropischen Tief geboren. In Asien lösen Taifune regelmäßig Katastrophen mit Hunderten Toten aus.

Zu vergleichbar schweren Katastrophen kam es in Europa noch nicht. Aber auch hier richteten Winterorkane schon erhebliche Schäden an und töteten Dutzende Menschen. Ende 1999 etwa zog der Orkan "Lothar" von der Biskaya kommend über Frankreich, die Schweiz und Süddeutschland und richtete einen Schaden in Milliardenhöhe an. Der Sturm traf mittags mit voller Wucht auf den Schwarzwald, mit Spitzengeschwindigkeiten von 272 km/h. Selbst in dem im tiefen Rheingraben gelegenen Karlsruhe wurden Werte von bis zu 151 km/h registriert. Mehr als 60 Menschen wurden europaweit durch den "Jahrhundertsturm" getötet.
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