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Italien-Katastrophe von 2009: Erdbebenforscher wegen Totschlags angeklagt

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Erdstöße sind nicht exakt vorhersagbar. Dennoch wird in Italien nun Forschern der Prozess wegen Totschlags gemacht, weil sie vor dem katastrophalen Beben von L'Aquila im April 2009 nicht gewarnt haben sollen. Wissenschaftler in aller Welt sind entsetzt.

Katastrophe in Italien: Das Beben von L'Aquila Fotos
DPA

Im Märchen vom Rumpelstilzchen verlangt der König von der Müllerstochter, Stroh zu Gold zu spinnen. Gelänge ihr das nicht, müsse sie sterben. Die Geschichte erfährt nun in der Realität eine erstaunliche Variante: In Italien sind sieben Wissenschaftler wegen Totschlags angeklagt, weil sie vor dem katastrophalen Erdbeben von L'Aquila am 6. April 2009 nicht gewarnt haben sollen. Unter ihnen sind vier Direktoren von angesehen Forschungsinstituten. Bei Verurteilung drohen ihnen lange Haftstrafen. Dabei lassen sich Erdstöße ebenso wenig prognostizieren, wie sich Stroh zu Gold wandeln lässt.

Bei dem Beben der Stärke 6,3 in Mittelitalien waren 308 Menschen gestorben und Tausende verletzt worden. In den Wochen zuvor hatte es viele leichte Erschütterungen gegeben, weshalb am 31. März eine Risikokommission des Zivilschutzes zusammentrat, der die sieben Wissenschaftler angehörten. Sie erklärten nach dem Treffen, es bestünde keine Gefahr. Regelmäßiges Bodenzittern sei in der Region normal - das ist eine unbestreitbare Tatsache.

Nach der Katastrophe jedoch meldete sich der Hobbyseismologe Gioacchino Giuliani, er habe das Beben vorhergesagt. Aufgrund von Messungen von Radon-Gas, das vermehrt aus Erdspalten geströmt war, hatte der Elektrotechniker Ende März vor einem Starkbeben in den Abruzzen gewarnt. Doch seine Warnung war ignoriert worden - aus guten Gründen: Langjährigen wissenschaftlichen Versuchen zufolge eignet sich Radon nicht zur Erdbebenvorhersage, meistens gibt es Fehlalarm.

Krebsrote Warnkarten

Statt kurzfristiger Prognosen setzten Forscher auf Risikokarten. Sie können zwar nicht sagen, wann ein Beben eintreten wird. Doch gefährdete Regionen lassen sich anhand der geologischen Umwelt bestimmen. Auf den Karten leuchtet Mittelitalien krebsrot - schwere Beben in L'Aquila wurden von den Seismologen erwartet. Das lernt jeder Schüler in der Region.

Doch wissenschaftliche Fakten haben es auch in Italien manchmal schwer, wie ein Vorfall vor zwei Wochen zeigte: Massenweise waren Einwohner gegen den Rat von Experten aus Rom geflüchtet, um sich vor einem Erdbeben zu retten, das ein Magier vor Jahrzehnten für den 11. Mai 2011 vorhergesagt hatte. Gleichwohl war die Verwunderung unter Wissenschaftlern groß, als die Staatsanwaltschaft vor einem Jahr eine Klage gegen die sieben Seismologen angekündigt hatte.

Nun wurde ihr stattgegeben: Ein Gericht in Rom berief für den 20. September eine Verhandlung ein. Den Wissenschaftlern werde vorgeworfen, "unexakte, unvollständige und widersprüchliche Informationen" über die Erdbebengefahr in L'Aquila gegeben zu haben. Damit hätten die Forscher mögliche Schutzmaßnahmen der Bewohner vereitelt.

"Überredet, zu Hause zu bleiben"

Der Protest der Wissenschaftsgemeinde hat also nichts genützt: Tausende Seismologen aus aller Welt hatten einen Appell an den italienischen Präsidenten unterschrieben, in dem dargelegt wurde, dass Erdbebenprognosen nicht möglich sind. Schreiben internationaler Wissenschaftsverbände flankierten den Protest, um zu erklären, was jeder Geologiestudent im ersten Semester lernt: Seit mehr als hundert Jahren suchen Wissenschaftler vergeblich nach Signalen für die Erdbebenfrüherkennung, alle erwiesen sich als untauglich. In einer Umfrage von SPIEGEL ONLINE vor zwei Jahren wählten Geoforscher aus neun Ländern das Thema Erdbebenvorhersage zum größten Rätsel ihrer Disziplin.

Der Anwalt der angeklagten Wissenschaftler, Marcello Melandri, widersprach der Anklage heftig: Die Risikokommission habe die Erdbebengefahr keineswegs heruntergespielt. Doch genau an diesem Punkt liegt die Schwachstelle der Verteidigung. Die Bewohner von L'Aquila könnten sich mit einem Glas Rotwein zurücklehnen, hatte der damalige Vizepräsident des Zivilschutzes, Bernardo De Bernardinis, nach dem Treffen der Risikokommission am 31. März 2009 gesagt. Damit habe er die Bewohner "überredet, zu Hause zu bleiben", zitiert die Zeitung "Repubblica" aus der Anklageschrift.

Was hätten die Forscher sagen sollen?

"Doch was hätten die Forscher damals sagen sollen?", fragt der Geophysiker John Mutter von der Columbia University in New York, USA. Erdbebengefährdete Orte müssten immer mit schweren Stößen rechnen. Eine Serie schwächerer Stöße, wie sie L'Aquila vor dem Starkbeben erlebt hatte, sei kein Alarmsignal - meist beruhigt sich die Erde wieder.

Doch es gab auch selbstkritische Stimmen unter den Geoforschern: Wissenschaftler sollten sich vermehrt in die Risikokommunikation einmischen, schrieb der italienische Vulkanologe Flavio Dobran. Wissenschaftler würden zu oft als "gottgleich" inszeniert, sie müssten vermehrt konkrete Ratschläge für einzelne Orte geben, wie man Naturgefahren begegnete. Ähnlich äußerte sich der höchst angesehene Seismologe Robert Geller von der Universität Tokio nun nach dem verheerenden Tsunami-Beben in Japan: Forscher müssten ihr Unvermögen einer Bebenprognose stärker betonen, schrieb Geller im Wissenschaftsmagazin "Nature".

Manche Bewohner von L'Aquila unterstützen die Anklage. Genaue Informationen über die ungenügende Erdbebensicherheit seien zurückgehalten worden, zitiert "Nature" einen Arzt aus der Stadt, der Frau und Tochter bei dem Beben verloren hat. Sind aber Wissenschaftler tatsächlich die richtigen Adressaten für solche Vorwürfe? Stets mahnten Seismologen, Häuser erschütterungssicher zu bauen, betonte die Amerikanische Geowissenschaftliche Union (AGU) 2010 in einer Stellungnahme. Die Aussage "nicht Erdbeben töten Menschen, sondern zusammenfallende Gebäude" ist so etwas wie das Mantra der Seismologen - seit Jahrzehnten.

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insgesamt 113 Beiträge
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1. Unglaublich
je_pense 27.05.2011
Unglaublich das es zu so einer Anklage kommen kann. Wo ist denn da ein Vorsatz zu erkennen?
2. Unglaublich
mardas 27.05.2011
Zitat von sysopErdstöße sind nicht exakt vorhersagbar. Dennoch wird in Italien nun Forschern der Prozess wegen Totschlags gemacht, weil sie vor dem katastrophalen Beben von L'Aquila im April 2009 nicht gewarnt haben sollen. Wissenschaftler in aller Welt sind entsetzt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,765230,00.html
Irre... Ignoranz pur. Da werden Wissenschaftler zu Sündenböcken der Politik, das über ihr eigenes Versagen hinwegtäuschen will.
3. Mal sehen
tengri_lethos, 27.05.2011
Zitat von sysopErdstöße sind nicht exakt vorhersagbar. Dennoch wird in Italien nun Forschern der Prozess wegen Totschlags gemacht, weil sie vor dem katastrophalen Beben von L'Aquila im April 2009 nicht gewarnt haben sollen. Wissenschaftler in aller Welt sind entsetzt. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,765230,00.html
Die spinnen, die Römer... Gleichwohl werden hier im Forum viele Leute diese Vorgehensweise begrüßen und Ähnliches für Deutschland fordern.
4. Wissenschaftlerjagd
Zyklotron, 27.05.2011
Italien sollte sich zu Griechenland gesellen und die EU verlassen. Solch ein katholizistischer Gottesstaat hat in einer modernen Gemeinschaft nichts zu suchen.
5. Wow! - Sowas in der EU?
myspace 27.05.2011
Was kommt als nächstes? Werden demnächst Umweltschützer angeklagt, weil sie nicht eindringlich genug vor den Risiken der Kernkraft gewarnt haben und weil es deshalb zum GAU in Fukushima gekommen ist? Werden Ärzte angeklagt weil sie nicht die Ausbreitung des EHEC-Erregers verhindern?
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