Indonesiens Hauptstadt Jakarta Eine Metropole versinkt im Meer

Jakarta in Indonesien ist die am schnellsten sinkende Millionenstadt weltweit. Stellenweise sackt der Boden hier bis zu 25 Zentimeter im Jahr ab. Die Regierung sucht schon nach einer neuen Hauptstadt.

AFP

Aus Jakarta berichtet


Das Meer wird in Jakarta nur von einer brüchigen, feuchten Mauer zurückgehalten: Im Stadtteil Muara Baru etwa muss man sich auf die Zehenspitzen stellen, um die Javasee zu sehen, an deren Küste die indonesische Hauptstadt einst gebaut wurde.

Auf der einen Seite schwappt hier auf Augenhöhe das Meer, auf der anderen tobt - gut zwei Meter tiefer gelegen - das Leben: Kinder flitzen auf Fahrrädern vorbei, ein Fischer trägt seinen Fang noch Hause.

"Wenn diese Mauer bricht, wird das Wasser innerhalb von ein bis zwei Tagen vier bis fünf Kilometer tief in die Stadt vordringen", sagt Jan Jaap Brinkmann, niederländischer Deichexperte und Mitarbeiter der Organisation "Deltares", die Küstenstädte weltweit beim Wasserschutz unterstützt. "Es wird langsam wirklich gefährlich".

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Jakarta: Den Fluten ausgeliefert

Zwei Drittel der Stadt unter Wasser

In Jakarta leben gut 25 Millionen Menschen. Ein Moloch, der aus Tausenden ärmlichen Dörfern zusammengewachsen ist. Aus dem eingeschossigen Gewimmel wachsen Apartmentblöcke, Hotels und Shopping-Malls in den Himmel. Zwar wuchert überall tropisches Grün, doch es riecht nach Kloake.

Die Hauptstadt wird von unzähligen stinkenden Wasserläufen durchzogen. Durch Dutzende Flüsse und Kanäle wälzen sich die reichen Niederschläge aus den nahen Bergen dem Meer entgegen und werden dabei von den Anwohnern als Müllabfuhr und Abwasserrohr missbraucht.

Dass Jakarta ein Wasserproblem hat, ist spätestens seit Februar 2007 klar. Drei Tage Dauerregen setzten damals zwei Drittel der Stadt unter Wasser, 80 Menschen starben. Der Pegel stieg in einigen Vierteln auf über sieben Meter.

Zehn Jahre bis zum Untergang

Brinkmann und seine Kollegen stellten schnell fest, was die Ursache des Wassereinbruchs war: Jakarta sinkt, und zwar in rasantem Tempo. Während der Boden unter Venedig etwa 2 Millimeter im Jahr nachgibt, sackt Nordjakarta jedes Jahr um bis zu 25 Zentimeter ab. Vier Millionen Menschen leben bereits bis zu vier Meter unter dem Meeresspiegel. Geschützt werden sie derzeit nur von den nässenden Mauern.

Dass Jakarta die am schnellsten sinkende Stadt weltweit ist, hat politische Ursachen: Trotz des Booms der Stadt wurde in den vergangenen Jahrzehnten keine adäquate Infrastruktur für Millionen neue Einwohner geschaffen.

Nur etwa 60 Prozent der Haushalte sind an das Leitungswassernetz angeschlossen. Etwa die Hälfte der Hauptstädter lebt von Wasser aus illegal gebohrten Brunnen, auch die vielen Großbaustellen pumpen ihr Wasser ohne Erlaubnis aus dem Boden.

Das Resultat: Der weiche Untergrund aus Sand und Lehm, auf dem die Stadt steht und in dem das Grundwasser gespeichert ist, wird leergesaugt und sinkt dabei in sich zusammen. Der viele tropische Regen kann die Reservoirs nicht auffüllen, weil 97 Prozent des Stadtgebietes mit Asphalt und Beton versiegelt sind. Das Regenwasser versickert nicht, sondern fließt ungenutzt ins Meer ab.

Hydrologen sagen, dass Jakarta nur noch etwa zehn Jahre Zeit hat, um seinen Untergang aufzuhalten. Sollte das misslingen, wird sich Nordjakarta - und damit ein Großteil des Wirtschaftszentrums Indonesiens - demnächst auf dem Grund der Javasee wiederfinden.

Angst vor Enteignungen

Um nicht als modernes Atlantis zu enden, hat die Regierung 2014 ein ehrgeiziges Projekt angeschoben: Ein 40 Kilometer langer Deich soll die Bucht von Jakarta vom offenen Meer abtrennen und die dahinter liegende Stadt schützen.

Die Befürworter des Projekts träumen davon, den Deich zu bebauen und zu einem neuen Stadtviertel mit Luxusapartments und Marinas zu entwickeln. Investoren könnten helfen, die geschätzten 35 Milliarden Euro Kosten für das Projekt aufzubringen, argumentieren sie.

Küsten-Anrainer fürchten dagegen, enteignet und umgesiedelt zu werden. Fischer, die um ihren Lebensunterhalt bangen, haben die Stadtverwaltung verklagt. Umweltschützer wiederum warnen, dass erst die Flüsse Jakartas gesäubert werden müssten, bevor der Deich geschlossen werden könne. Die künstliche Lagune würde sonst in kürzester Zeit mit verseuchtem Abwasser volllaufen.

Das einzige Klärwerk der Hauptstadt reinigt derzeit nur etwa zwei Prozent der anfallenden Kloake, der Rest geht ungeklärt ins Meer. Um Jakartas Flüsse zu säubern, müssten in der Stadt und flussaufwärts Systeme für Abwasser- und Müllentsorgung geschaffen werden. Bei dem oft korrupten Verwaltungsapparat in Indonesien eher unwahrscheinlich.

Suche nach einer neuen Hauptstadt

Ohnehin wäre der Deich nur eine Notlösung. "Am Wichtigsten ist es, das Absinken zu stoppen", sagt Wasserexperte Brinkmann. Im Grunde sei das nicht schwierig: Man müsse nur aufhören, Grundwasser abzupumpen. Das gelinge, wenn genügend sauberes Leitungswasser zur Verfügung gestellt werde.

"Viele Städte weltweit haben das geschafft", so Brinkmann. Tokio etwa sei zwischen 1900 und 1960 um vier Meter gesunken. Einmal alarmiert, habe die Stadtverwaltung das Absacken innerhalb von zehn Jahren zum Stillstand gebracht.

In Jakarta gibt es allerdings eine zusätzliche Hürde: Die Trinkwasserversorgung wurde 1995 privatisiert. Zwar hat der Oberste Gerichtshof des Landes inzwischen entscheiden, dass das unzulässig war. Doch der Rechtsstreit ist noch nicht vorbei. Bis Jakarta die Hoheit über sein Wasser zurückerobert hat, wird wertvolle Zeit vergehen.

Indonesiens Regierung scheint sich inzwischen nicht mehr sicher, ob die Rettung der Landeshauptstadt gelingen wird. Es sei durchaus denkbar, dass Jakarta als "gescheiterte Stadt" enden könne, sagte der Klimawandel-Berater des amtierenden Gouverneurs, Irvan Pulungan, kürzlich der " New York Times".

Präsident Yoko Widodo baut deshalb lieber vor: 2017 beauftragte er die Planungsbehörde mit der Suche nach einem Standort für eine neue Hauptstadt. Aussichtsreichste Kandidatin ist derzeit Palangkaraya auf der nordindonesischen Insel Borneo. Die Stadt hat im Moment zwar nur 200.000 Einwohner, liegt dafür aber 170 Kilometer vom Meer entfernt.

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