Jane Goodall Mit 30 nackt durch den Urwald, mit 67 auf Spendentrip durch die Welt

Eine Schimpansin laust ihren Mann. Plötzlich hält sie inne und schimpft: "Aha, schon wieder ein blondes Haar. Wohl mal wieder 'Feldstudien' mit dieser Jane Goodall gemacht?"

Von Dominik Baur


Die ersten Jahre in Gombe: Jane Goodall (fotografiert von ihrem ersten Ehemann)
Hugo van Lawick

Die ersten Jahre in Gombe: Jane Goodall (fotografiert von ihrem ersten Ehemann)

Gary Larson hat diese Szene in einem Cartoon festgehalten. Jane Goodall, die Mutter der heutigen Schimpansenforschung, hat sich darüber gefreut. Für eine Ausgabe von Larson-Comics schrieb sie sogar das Vorwort. In seinen Shops verkauft das Jane Goodall Institute T-Shirts, auf die der Cartoon aufgedruckt ist.

Inzwischen ist Goodalls Haar grau. Noch immer trägt sie es zum Pferdeschwanz gebunden. Wie damals als sie 1957 23-jährig nach Afrika auszog. Eine Freundin lud sie nach Nairobi ein. Jane, die damals in England als Sekretärin und Kellnerin jobbte, sah einen alten Kindheitstraum wahr werden. Fünf Monate lang schuftete sie, um das Geld für die Überfahrt zusammenzubekommen. Dann schiffte sie sich ein.

Auch in Kenia verfolgte sie ihren Traum, wie Tarzan zu leben, konsequent weiter. Bald schon war sie die Sekretärin von Louis Leakey, dem berühmten Entdecker von Urmenschenfossilien. Er sammelte in Afrika Beweise dafür, dass die Evolution der Menschheit dort begann, nicht in Asien oder Europa. Um mehr über das Verhalten der ersten Menschen zu erfahren, interessierte ihn das Verhalten unserer nächsten Verwandten, der Menschenaffen. Also schickte er die "Trimatologen" aus, drei junge, von der Wissenschaft noch unverdorbene Frauen. Die Erste war Jane, die er zu den Schimpansen nach Gombe in Tanganjika, dem späteren Tansania, schickte. Später folgten Diane Fossey (Gorillas) und Birute Galdikas (Orang Utans).

Ende der Neunziger in einer Auffangstation für verwaiste Schimpansen: Jane mit Uruhara
Michael Neugebauer

Ende der Neunziger in einer Auffangstation für verwaiste Schimpansen: Jane mit Uruhara

Die meisten Menschen, die mit Jane Goodall zu tun haben, sind von ihr begeistert. Michael Jackson und Jack Lemmon, die sie bei ihren Kampagnen kräftig unterstützten, sind zwei davon. Ende der Neunziger drehte der österreichische Jodelrocker Hubert von Goisern einen Film über Goodall. Nach vier Wochen geriet er ins Schwärmen. Dem "Stern" erzählte er: "Sie ist wirklich sehr charmant und anziehend. Ich habe sie leider nicht zu der Zeit erlebt, als sie noch nackt durch den Urwald pirschte, weil durch das nasse Elefantengras das ganze Gewand nass geworden wäre."

Das Glück, Jane Goodall zu dieser Zeit kennen zu lernen, hatte dagegen der "National Geographic"-Fotograf Hugo Van Lawick. Von ihm stammen einige der bekanntesten Fotos der Forscherin, während sie im Urwald von Gombe die Schimpansen beobachtete. 1964 heirateten die beiden. Sie haben einen Sohn, den 1967 geborenen Hugo Eric Louis, genannt Grub. Die Ehe zerbrach 1974. Ein Jahr später heiratete Goodall Derek Bryceson, den Direktor der Nationalparks von Tansania, mit dessen Hilfe sie den Bestand Gombes als Nationalpark sicherte. Bryceson starb 1980 an Krebs.

Die Wissenschaft auf den Kopf gestellt

Jane Goodall revolutionierte die Forschung über Primaten. Ihre Entdeckungen bildeten den Grundstock für alle weiteren Forschungen über Primaten. Sie entdeckte als Erste, dass Schimpansen Fleisch fressen, Werkzeuge herstellen und benutzen, eine differenzierte Sprache haben und sogar Kriege führen. Althergebrachte wissenschaftliche Theorien, wonach Charakteristika wie Vernunft und Gefühle angeblich nur dem Menschen vorbehalten sind, stellte Goodall auf den Kopf. "Wenn ich auf die Jahre zurückblicke", sagt sie heute, "ist es für mich immer wieder interessant zu sehen, wie sich die Leute aufregen, wenn Schimpansen oder andere Tiere die Einzigartigkeit menschlicher Eigenschaften in Frage stellen: Vernunft, Werkzeuge, Gefühle, die Fähigkeit zu generalisieren und abstrahieren." Die Primaten hätten inzwischen gezeigt, dass sie all das auch können. "Vielleicht nicht so raffiniert wie wir, aber sie können es auch. Sie lernen 300 oder mehr Zeichen der amerikanischen Gebärdensprache. Sie kommunizieren miteinander. Sie haben also das Potenzial zur Sprache, auch wenn sie es nicht entwickelt haben."

1977 gründete die Verhaltensforscherin das Jane Goodall Institute for Wildlife Research, Education and Conservation, das inzwischen weltweit Büros unterhält. Sie selbst hat sich mittlerweile nicht nur der Erforschung unserer nächsten Vettern und ihrem Arterhalt verschrieben, sondern vor allem dem Tierschutz. "In der ganzen Welt werden gefangene Schimpansen schrecklich misshandelt", erklärt sie. "In Zoos in Afrika, in Zoos in der ganzen Welt und natürlich in den Labors und für die Unterhaltungsindustrie." Mit ihrem Engagement versucht die Verhaltensforscherin möglichst vielen der armen Kreaturen das Leben zu retten oder ihnen ein würdigeres zu ermöglichen.

Seit 1986 ist sie ständig auf Achse für ihre Sache. Sie jettet von Kontinent zu Kontinent, jagt von Fundraising-Dinner zu Fundraising-Dinner, von Drehtermin zu Drehtermin. Fragt man sie, ob es ihr denn auch Spaß mache, so viel von der Welt zu sehen, meint sie mit einem Seufzen in ihrer Stimme: "Es ist vor allem anstrengend."

Zurzeit humpelt Jane Goodall ein wenig. Den Fuß hat sie sich beim Spielen mit drei Schimpansen auf der Insel Ngamba im Viktoria-See verstaucht. Dort rief sie vor wenigen Jahren ein Projekt für Schimpansenwaisen ins Leben. Die unbewohnte, gut 40 Hektar große Urwaldinsel bietet etwa 30 Schimpansen einen neuen Lebensraum. Viele dieser Tiere haben deutsche Pateneltern. Das Projekt wird von der deutschen Sektion von Jane Goodalls Jugendprojekt "Roots and Shoots" betreut. Das Programm ist ihr größter Stolz. Hierauf setzt sie ihre ganze Hoffnung: "Die Kinder sind unsere Zukunft."


"Von den Schimpansen lernen, dass wir Tiere sind":
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