Jemen: Vulkan schafft neue Insel im Roten Meer

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Vor der Küste des Jemen hat ein Vulkan eine neue Insel ausgespuckt. Forscher haben ein Szenario entworfen, wie sich das Eiland weiterentwickeln könnte: Zuerst kommen Spinnen - oder voreilige Eroberer.

Zuwachs für Jemen: Vulkan spuckt Insel aus Fotos
NASA

Hamburg - Die Erde habe leicht gebebt, berichteten Bewohner der Küste Jemens in den Tagen vor Heiligabend. Ansonsten war ihnen nichts Besonderes aufgefallen. Erst Fischer erzählten, was geschehen war: Eine dampfende Aschesäule habe sich aus dem Ozean erhoben; im Roten Meer sei eine neue Insel zum Vorschein gekommen.

Mittlerweile bestätigen Satellitenbilder der US-Weltraumbehörde Nasa, dass Jemen Neuland bekommen hat: Rund 50 Kilometer vor seiner Südwestküste liegt im sogenannten Zubair-Archipel eine etwa einen Kilometer breite Insel, wo zuvor kein Land existierte. Eine dicke graue Wolke schießt aus dem Eiland hervor. Es handele sich um ein Gemisch aus Vulkanasche und Wasserdampf, erklärt die Nasa.

In der Region erheben sich zahlreiche Vulkane und Untiefen über den Meeresgrund, der dort in rund hundert Metern Tiefe liegt. Aber nur wenige Feuerberge ragen über den Meeresspiegel. Nachbarn des noch namenlosen neuen Eilandes sind die Haycock-Insel und die Rugged-Insel.

Aufreißender Meeresboden

Die Gegend gehört zur größten Baustelle des Planeten. In Arabien und Ostafrika bricht die Erdkruste in drei Richtungen auf:

  • Ein erster Riss ist in den vergangenen Jahrmillionen entstanden, ihn füllen das Rote Meer und der Golf von Aden.
  • Auch südlich öffnet sich nun die Erde: Von Äthiopien bis in den Süden nach Mosambik säumen zahlreiche Vulkane den sogenannten Ostafrikanischen Grabenbruch - Afrika bricht entzwei.
  • Der aktuelle Vulkanausbruch ereignet sich dort, wo der Meeresboden des Roten Meeres aufreißt: am sogenannten Mittelozeanischen Rücken, einem Unterseegebirgszug. Dort quillt aus Spalten Lava hervor, die zu frischer Erdkruste härtet. Nachdrängende Lava schiebt die Erdplatten zur Seite - das Rote Meer vergrößert sich.

Offenbar hat die Eruption am 19. Dezember begonnen. Das zeigen Gasmessungen von Nasa-Satelliten, die an dem Tag eine Schwefeldioxidwolke über dem Zubair-Archipel gemessen hatten. Ein Flugkapitän meldete zudem erhöhte Aschewerte. Es dauerte dann aber noch vier Tage, bis die Satelliten "Terra" und "Aqua" Fotos der Region machen konnten. Jetzt hat die Nasa die Bilder vom 23. Dezember veröffentlicht, sie zeigen das Neuland mit seiner rauchenden Krone.

Paradies im Sperrgebiet

Ob die Insel bestehen wird, ist unklar. Das Ende vieler Vulkaninseln ist besiegelt, sobald die Ausbrüche aufhören. Der Magma-Nachschub bricht ab, die Insel wird vom Ozean ausgewaschen. So erging es etwa der Insel Home Reef, die sich 2006 aus dem Südpazifik erhoben hatte. Auch der Unterwasserausbruch vor El Hierro ist ins Stocken geraten; die Hoffnung auf eine neue Kanareninsel schwindet.

Doch manche Insel hält sich, so dass sie besiedelt wird. Am 14. November 1963 entdeckte die Besatzung eines Fischkutters vor der Südküste Islands einen Asche speienden Vulkan. Die Insel wurde Surtsey getauft - und zum wissenschaftlichen Sperrgebiet erklärt. Das weitere Schicksal des isländischen Neulands erlaubt einen Blick in die mögliche Zukunft von Jemens neuer Insel.

Surtsey stabilisierte sich schneller als gedacht; sie hatte sich nach wenigen Jahren verfestigt. Der Boden von Home Reef hingegen war zu lose, um den Fluten standzuhalten: Er bestand überwiegend aus Asche und nicht, wie bei Surtsey, aus hartem Lavagestein. Kurzlebige Inseln lösten in der Geschichte nicht selten voreiliges Eroberertum aus. Seefahrergeschichten berichten davon, wie Segler zu neu entdeckten Inseln aufbrachen und sie vergeblich suchten.

Die stolze Flagge versank im Meer

Surtseys Bestehen aber überraschte Wissenschaftler auch auf andere Weise. Nicht Pflanzen siedelten sich dort zuerst an, sondern Fleischfresser: Auf Treibholz gelangten Spinnen zur Insel; ihre Nahrung - Insekten - ebenfalls. Bald keimten einfache Pflanzen wie Moose und die Salzmiere. Ihr Samen war im Wasser nach Surtsey getrieben.

Einen Schub lösten die Möwen aus, die sich nach rund 20 Jahren eingenistet hatten. Im Gefieder brachten sie kleine Tiere und Samen mit. Drei Viertel der Pflanzen gelangten mit den Vögeln auf die Insel. In den neunziger Jahren wurden die ersten Regenwürmer und Schnecken gefunden. Zudem düngten die Exkremente der Vögel den Boden. So wandelte sich Surtsey langsam zu einer grünen Insel.

Jemens Neuland freilich würde - falls es Bestand hätte - ziemlich karg bleiben, entsprechend des heißen Wüstenklimas der Region. Noch wurden auch keine Freudenausbrüche der Jemeniten über ihren Zuwachs gemeldet. Da gab es auch schon ganz andere Reaktionen. 1831 etwa hisste der italienische König Ferdinand II. die Flagge seines Landes auf einer Insel, die sich im Juni des Jahres im Mittelmeer zwischen Sizilien und Afrika erhoben hatte. Nur ein halbes Jahr später aber war Graham Island mitsamt Nationalflagge versunken. Heute liegt sie 20 Meter unter der Wasseroberfläche.

Allein im Pazifik gibt es mehr als eine Million Unterseevulkane. Wenige dieser Berge wachsen über die Wasseroberfläche, so dass Inseln entstehen. Am erfolgreichsten war der Hawaii-Vulkan Mauna Kea: Vom Meeresgrund aus gerechnet ist er mit 10.205 Metern der höchste Berg der Welt - und ragt 4200 Meter über den Meeresspiegel. Der neueste Flecken Land auf Erden jedoch liegt nun im Roten Meer - und gehört zum Jemen.

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