Schlangen: Jungfernzeugung passiert auch in freier Wildbahn

Sie können sich mit einem Männchen paaren - oder ihren Nachwuchs allein produzieren: Manche Schlangen pflanzen sich auch in freier Wildbahn per Jungfernzeugung fort, wie Forscher jetzt nachgewiesen haben. Bisher hielten Biologen den Prozess für ein eher kurioses Zoo-Phänomen.

Jungfernzeugung: Nordamerikanische Kupferkopf (A. contortrix) und Nachwuchs Zur Großansicht
Charles Smith/ Pam Eskridge

Jungfernzeugung: Nordamerikanische Kupferkopf (A. contortrix) und Nachwuchs

Haushühner können es, Komodo-Warane ebenso - und auch Hammerhaie sind dazu in der Lage: Bei einer Reihe von Tierarten, die sich eigentlich sexuell fortpflanzen, können die Weibchen auch ganz allein Nachwuchs produzieren.

Bisher hielten Wissenschaftler die Parthenogenese - oder Jungfernzeugung - für ein seltenes Phänomen bei sich geschlechtlich fortpflanzenden Arten. Man vermutete, dass es bloß auftritt, wenn Weibchen in Isolation leben. Beobachtet wurde es nur bei Tieren in Gefangenschaft. Doch berichtet ein US-amerikanisches Forscherteam im Fachmagazin "Biology Letters" der britischen Royal Society, dass Schlangenweibchen zweier Arten auch in der Natur auf die Jungfernzeugung zurückgreifen.

Die Forscher um Warren Booth von der North Carolina State University sammelten trächtige Schlangenweibchen, die zur Gattung der Dreieckskopfottern (Agkistrodon) gehören, ein, um deren Nachwuchs später zu untersuchen.

Schlangen-Weibchen setzen per Parthenogenese in aller Regel männliche Nachkommen in die Welt, außerdem ist so ein Wurf ungewöhnlich klein, weil sich viele Tiere gar nicht richtig entwickeln. Anhand dieser Merkmale identifizierten die Forscher den Nachwuchs, der wahrscheinlich durch Jungfernzeugung entstanden war. Das Erbgut dieser Tiere verglichen sie dann mit dem der Mütter, um die These zu bestätigen.

Ihre Studie deutet darauf, dass Parthenogenese gar nicht so selten vorkommt. Sie hatten 22 trächtige Nordamerikanische Kupferköpfe (A. contortrix) und 37 Wassermokassinottern (A. piscivorus) eingesammelt. Je ein Wurf der lebendgebärenden Schlangen zeigte die Merkmale, die auf eine Jungfernzeugung deuten. Die Erbgut-Analyse bestätigte den Verdacht. Es sei mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit auszuschließen, dass diese Tiere durch sexuelle Fortpflanzung entstanden sind, berichten die Forscher.

Weibchen ohne Männchen - ergibt Männchen

Warum sich die Tiere in der Natur bisweilen per Jungfernzeugung fortpflanzen, wissen die Forscher bisher nicht. Sie wollen nun aber einen wichtigen Aspekt des Prozesses genauer erforschen: Nämlich ob der so entstandene männliche Nachwuchs sich später normal fortpflanzen kann oder nicht.

Dass die untersuchten Schlangen-Weibchen nach der Parthenogenese Männchen in die Welt setzen und keine Weibchen, liegt übrigens an der Form der Jungfernzeugung und an den Geschlechtschromosomen dieser Reptilien. Während beim Menschen Frauen zwei X-Chromosomen tragen und Männer ein X- und ein Y-Chromosom, ist es bei den vielen anderen Tieren quasi umgekehrt. Auch bei Schlangen gilt: Weibchen haben zwei unterschiedliche Geschlechtschromosomen (ZW), Männchen zweimal das gleiche (ZZ).

Bei der sogenannten automiktischen Jungfernzeugung übernimmt der Nachwuchs vereinfacht gesprochen die Hälfte des mütterlichen Erbguts aus einer Eizelle, welches dann verdoppelt wird. Der Nachwuchs ist also genetisch keine identische Kopie der Mutter, kein Klon, sondern sozusagen ein Halb-Klon.

Enthielt die Ausgangszelle ein W-Chromosom, ist der Nachwuchs in aller Regel nicht überlebensfähig - einer der Gründe für die die vielen Fehlbildungen. Enthielt sie ein Z-Chromosom, wird das verdoppelt: Es entsteht ein Männchen.

wbr

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