Knochensplitter

Knochensplitter-Blog Die Wahrheit über den Jurassic Park

Julia Molnar

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Riesige Dinosaurier stapfen durch den "Jurassic Park" - so kennen wir das Jura-Zeitalter aus dem Kino. Anhand zahlreicher Versteinerungen zeigen Paläontologen nun, wie es im Erdmittelalter wirklich ausgesehen haben könnte.

Fossilfunde werden meist einzeln analysiert. Eine aktuelle Studie geht andere Wege: Sie fasst die oft spektakulären Funde aus dem Jura, die man in den letzten Jahren in Chinas Daohugou-Schichten machte, zu einem Bild zusammen. Heraus kam das Portrait eines prähistorischen Biotops.

"Jura" ist ein Begriff, der gewissermaßen belastet ist: Seit Steven Spielberg in bisher drei Kino-Blockbustern eine Menagerie zumindest teilweise jurassischer Megafauna über die Leinwand trampeln ließ, haben wir eine ganz schön detaillierte Vorstellung davon, wie die damalige Fauna wohl aussah und auftrat.

Zumindest glauben wir das. Wenn man sich Spielbergs Dinosaurier-Filmstars einmal ansieht, von denen etliche in Wahrheit in der Kreidezeit lebten und einzelne sogar in der Trias, bekommt man den Eindruck, dass kleine Lebewesen in der "Urzeit" eher die Ausnahme waren. Spielbergs Saurier sind entweder Giganten, oder doch zumindest mannshoch.

Die Realität sah wohl deutlich anders aus - der "Jurassic Park" ist wie ein Zoo, in dem man die gesamte Fauna Afrikas nur Anhand von Elefant, Nashorn und Gnu darstellen will.

Denn selbst zu Zeiten des Riesenwuchses mancher Saurierarten dürfte es im Unterholz gehuscht und gewimmelt haben. Dass wir lange Zeit fast nur große Fossilien wahrnahmen, hat ganz pragmatische Gründe: Nicht nur, dass große Knochen eben auffälliger sind. Große Tiere sind das auch - Funde kleinerer Lebewesen treffen auf weniger Publikumsinteresse.

Dazu kommt noch, dass Größe den Prozess der vollständigen Fossilisierung begünstigt. Kleine Knochen fossilisieren seltener und werden weniger häufig "im Kontext" gefunden. Auch heute noch ist es eine ganz andere Sache, ob ein tonnenschweres Tier kollabiert oder eines von Fuchs- oder Vogelgröße. Das eine braucht im Extremfall Wochen und Monate, um bis aufs Skelett zu verfallen, das dann auf einem Riesenhaufen liegt. Das andere verweht nach wenigen Tagen der Wind, wenn nicht Aasfresser vorher die Einzelteile verteilen.

Mitunter aber fossilisieren auch kleinere Lebewesen, und ganz selten sogar unter idealen Bedingungen. So wie die kreidezeitlichen Saurier (ca. 110 bis 128 Millionen Jahre) aus Chinas mongolischem Nordosten - oder die Funde aus dem Jura in den sogenannten Daohugou-Schichten in gleicher Region (taxiert auf ca. 160 Millionen Jahre).

Daohugou: Das "Prequel" zur Kreidezeit

Unter denen fanden sich ungewöhnlich viele Fossilien kleiner bis mittlerer Größe - Dinosaurier und frühe gefiederte Maniraptoren, Pterosaurier, Reptilien und Amphibien, aber auch Säugetiere. Darunter zahlreiche Exoten wie Castorocauda, die mit einem typischen Plattschwanz bewehrt wie ein Biber geschwommen sein mag oder das Eichhörnchen-ähnliche Volaticotherium, das sich wie Gleithörnchen zumindest streckenweise durch die Luft bewegte. Jede Menge Vielfalt also, und das auch noch in ungewöhnlich guter Erhaltung.

Beim Maniraptor Epidexipteryx etwa sind nicht nur Federn bis in Details hinein zu erkennen, sogar Haut und andere Weichteile hat der Stein "überliefert" (siehe Bildergalerie). Der Salamander Chunerpeton hat einen Abdruck im Fels hinterlassen, der fast an eine medizinische Aufnahme erinnert: Klar zeichnen sich seine Knochen ab - und darum herum die Silhouette seines Körpers, inklusive Hautstrukturen und den Umrissen seiner außen liegenden Kiemen.

Ein internationales Forscherteam um Corwin Sullivan von der Uni Beijing fasste all diese Funde nun zu einer im Fachblatt "Journal of Vertebrate Paleontology" veröffentlichten Studie zusammen, in der er mit seinen Co-Autoren den Versuch unternimmt, die jurassische Fauna der Daohugou-Schichten als Ganzes zu beschreiben.

Ein Maßstäbe setzender Artikel, findet Paul Barrett vom Natural History Museum in London, der nicht zu den Studienautoren gehört: "Daohugou erweist sich dank der phantastischen Erhaltung der Funde als einer der Schlüssel zum Verständnis der Evolution der gefiederten Dinosaurier, der frühen Säugetiere und fliegenden Reptilien."

Darin ähnelt die fossilisierte Daohugou-Fauna den Funden aus den bekannteren, bereits erheblich umfangreicher studierten Schichten der Jehol-Gruppe aus der Kreide. Zwischen beiden aufeinanderliegenden Schichten sedimentierter Gesteine liegen zwischen 30 und 60 Millionen Jahre - die eine öffnet ein Fenster in den Jura, die andere in die Kreidezeit.

Es ist eine weltweit fast einmalige Konstellation, die den direkten Vergleich der Veränderungen eines Biotops und seiner Fauna über Millionen von Jahren erlaubt - fast wie ein "Vorher-Nachher" der Evolution. Es wäre überraschend, wenn da nicht weitere, die beiden Lebenswelten vergleichende Studien folgten.

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4 Leserkommentare
sebastian.teichert 05.03.2014
amalthea62 05.03.2014
cindy2009 05.03.2014
zuvay.r 07.03.2014

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