Kadaver-Mangel Geier kreisen über Deutschland

Gänsegeier werden zunehmend über Deutschland gesichtet. Weil eine EU-Richtlinie verbietet, Kadaver auf Weiden liegen zu lassen, kommen die hungrigen Aasfresser in immer größerer Zahl von Süd- nach Nordeuropa. Sie sollen sogar schon lebende Tiere angegriffen haben.


Berlin/Madrid - Zahlreiche Gänsegeier sorgen derzeit weit nördlich ihres gewohnten Lebensraums für Aufregung. Offenbar aus Nahrungsmangel sind rund 100 der großen Aasfresser, deren Spannweite fast drei Meter erreichen kann, zunächst von Spanien nach Belgien geflogen. Spaniens Vogelschutzbund (SEO) hat deshalb jetzt die EU-Kommission aufgefordert, eine Richtlinie zu lockern, die es den Bauern seit 2003 aus Angst vor Seuchen wie dem Rinderwahnsinn verbietet, totes Vieh auf den Weiden liegen zu lassen. Damit aber wird den Aas fressenden Vögeln die Nahrungsgrundlage entzogen, warnen die Vogelexperten.

Gänsegeier: Der Hunger treibt die stattlichen Vögel von Süd- nach Nordeuropa
DPA

Gänsegeier: Der Hunger treibt die stattlichen Vögel von Süd- nach Nordeuropa

"Wenn nichts unternommen wird, droht eine der schlimmsten Naturkatastrophen der vergangenen 50 Jahre", sagte SEO-Fachmann Juan Carlos Atienza in Madrid. Bis zu 80 Prozent der Aas fressenden Vögel Europas drohe der Hungertod. Betroffen seien neben dem Gänsegeier auch der Mönchs-, der Schwarz- und der Bartgeier, der Rot- und der Schwarzmilan sowie der Stein- und der spanische Kaiseradler. Ein Großteil dieser Vögel niste in Spanien.

Zwar gebe es für dieses Land von der EU eine Ausnahmeregelung, wonach künstliche Futterplätze eingerichtet werden dürften. Dies sei angesichts der großen Zahl der Aasfresser aber nicht umsetzbar: "Es müssten landesweit rund 5000 Futterstationen eingerichtet und täglich 100 Tonnen Fleisch bereitgestellt werden", beklagte Atienza. Wegen des Nahrungsmangels hätten Geier vereinzelt lebende Tiere angegriffen. Dies wiederum führe dazu, dass Landwirte aus Angst um ihr Vieh Giftfallen aufstellten.

Gänsegeier über Deutschland

Auch in Deutschland sind inzwischen Dutzende Gänsegeier (Gyps fulvus) eingetroffen. 22 Tiere seien Anfang der Woche über Mönchengladbach geflogen, meldeten zwei Vogelkundler am heutigen Freitag dem "Club 300", einer Ornithologen-Plattform im Internet. Die hat auch weitere einzelne Gänsegeier in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein verzeichnet. 30 der riesigen Vögel mit einer Spannweite von bis zu 2,80 Metern seien zudem Mitte Juni auf dem Köterberg nördlich von Höxter gesehen worden, berichtete kürzlich die "Deister- und Weserzeitung".

In Haigerloch-Stetten in Baden-Württemberg hatten Vogelkundler schon im Mai dieses Jahres 22 Gänsegeier gezählt. Im April waren einzelne Tiere nahe Mainz in Rheinland-Pfalz, im Nordschwarzwald, in Bayern, Schleswig-Holstein und bei Celle in Niedersachsen aufgetaucht.

"Das ist ein ganz neuartiges Phänomen", sagte Severin Zillich vom Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND). Die mehr als 1000 Kilometer weite Reise von Spanien nach Deutschland werde den Aasfressern allerdings wenig nützen. Denn wie in der ganzen EU dürfen auch in Deutschland keine Kadaver mehr liegen bleiben.

Schon im vergangenen Jahr seien Gänsegeier in Norddeutschland gesichtet worden. "Das wird auch in den kommenden Jahren so weitergehen", vermutet Zillich. "Wir sollten überlegen, diesen faszinierenden und völlig ungefährlichen Tieren in Deutschland auch eine Lebensgrundlage zu schaffen, indem wir Kadaver liegen lassen."

mbe/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.