Ausgegraben

Käferspuren Santorin-Vulkan brach im Frühsommer aus

Von

REUTERS

In der Bronzezeit erschütterte ein gewaltiger Vulkanausbruch die griechische Insel Santorin. Archäologen gelang es nun, die Jahreszeit des Ausbruchs zu bestimmen. Dabei halfen die Reste verkohlter Samenkäfer.

Ein Samenkäfer hat keine besonders spannende Jugend. Seine Mama legt ihn als Ei in eine Hülsenfrucht, zum Beispiel eine Erbse. Dort wird er zur Larve, frisst sich in das Innere des Sames und verbringt seine gesamte Kindheit abgeschieden in Einsamkeit und Stille.

Anders erging es jedoch einigen Exemplaren der Gattung Bruchus rufipes auf der Mittelmeerinsel Santorin. Ihre Mütter hatten große Vorratskrüge mit Platterbsen in einem Haus der Siedlung Akrotiri als Kinderstube auserkoren. Ihr Frieden wurde gestört, als an einem Tag irgendwann zwischen 1620 und 1600 vor Christus der Vulkan der Insel ausbrach. Und zwar gewaltig.

Die sogenannte Minoische Eruption ließ sogar an der weit entfernten israelischen Küste noch einen Tsunami aufrollen. Vermutlich hatte der Ausbruch einen deutlichen Einfluss auf das Klima der Nördlichen Hemisphäre. Spekuliert wurde gar, ob er für den Untergang von Atlantis verantwortlich gewesen sei oder den zehn biblischen Plagen aus dem Zweiten Buch Mose als Vorlage diente.

Konservierte Käfer

Die Samenkäfer in den Platterbsenkrügen verkohlten, als die pyroklastischen Ströme über sie hinwegfegten. Mehrere Stunden - wenn nicht sogar Tage - waren sie Temperaturen von rund 300 Grad Celsius ausgesetzt. Danach regneten Bimsstein, Asche und Schlamm hernieder und versiegelten Käfer, Erbsen, Krüge und Haus für die kommenden Jahrtausende.

Dort fand eine Gruppe von Wissenschaftlern um die Paläoökologin Eva Panagiotakopulu von der School of GeoSciences der schottischen University of Edinburgh die Insektenreste. Die Forscher entnahmen stichprobenartig Proben vom Inhalt der Töpfe und untersuchten diese unter dem Mikroskop.

Vorsichtig siebten sie die verkohlten Insektenteile aus. "Das Insektenmaterial ist sehr zerbrechlich und drohte jedes mal, wenn es bewegt wurde, noch weiter zu zerfallen", beschreiben sie den Vorgang in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Naturwissenschaften". Deshalb, warnen sie, könnte es auch durchaus sein, dass sie nicht alle Käferreste gefunden haben. Viele könnten einfach vollständig verbrannt sein und sich zu feinem Aschestaub aufgelöst haben.

Was die Forscher retten konnten, reichte aber aus, um unzweifelhaft jenen Käfer zu identifizieren, dessen Larven sich in der Bronzezeit durch die Platterbsen gefressen hatten: Bruchus rufipes.

Verkohlte Reste aller Entwicklungsstadien

Am Datierungslabor der Universität Oxford bestimmte der Forscher Tom Higham das Alter der Reste: Die Käfer starben mit 95 prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen den Jahren 1744 und 1538 vor Christus. Die Zeitangabe liegt damit im Rahmen der genaueren Datierung des Ausbruchs zwischen 1620 und 1600 vor Christus, die bereits zuvor anhand eines verschütteten Olivenbaumes gemacht werden konnte.

Viel mehr als das Alter der Reste interessierten die Forscher aber die Entwicklungsstadien der Tiere. Aus einem Krug bargen sie die Überreste einiger Larven, Puppen und Imagines, die noch in den Samen steckten, sowie insgesamt 298 adulter Tiere. Diese Verteilung bedeutet, dass die Platterbsen noch nicht lange im Krug lagerten, als der Vulkan ausbrach.

Denn Bruchus rufipes braucht zur Vermehrung das freie Feld. Nur wenn die Weibchen genug frische Pollen zu fressen bekommen, erreichen sie die Geschlechtsreife. Ihre befruchteten Eier legen sie in einem schmalen Zeitfenster von ein bis zwei Wochen zwischen Ende März und Anfang April ab.

Die Frühsommer-Katastrophe

Wenn die Larven schlüpfen, fressen sie sich ins Innere der Samen und verpuppen sich dort. Nach 50 bis 60 Tagen gräbt sich der Käfer aus dem Samen hervor und macht sich auf ins nächste Hülsenfrüchtefeld. In einem geschlossenen Gefäß ohne Frischnahrung aber kann er sich nicht weitervermehren.

Platterbsen werden heute noch auf Santorin und der Nachbarinsel Anaphi angebaut. An der Methode hat sich seit der Bronzezeit kaum etwas geändert: Im Mai werden die Schoten geerntet, Anfang Juni dann gedroschen. Und die Erbsen wandern in Krüge, die "Pithos".

Die Eier der Samenkäfer müssen bis dahin gelegt worden sein. Und noch bevor die letzten Larven sich verpuppen konnten, blieb mit dem Vulkanausbruch die Zeit stehen. Das Jahr der Katastrophe lässt sich mit den Insektenresten zwar immer noch nicht genau festmachen, wohl aber die Jahreszeit: Es geschah an einem Tag im Frühsommer.

Mehr zum Thema


Diskutieren Sie mit!
13 Leserkommentare
whifferdill 05.09.2013
david314 05.09.2013
mustermannfrau 05.09.2013
Flavius Silva 05.09.2013
Layer_8 05.09.2013
cassandros 05.09.2013
reuanmuc 05.09.2013
Oberleerer 05.09.2013
dimetrodon190 05.09.2013
Themata 05.09.2013
alafesh 06.09.2013
goedemar 06.09.2013
boer640 06.09.2013

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.