Kalifornischer Kondor: Die Rückkehr der Urzeit-Aasfresser

Von Gina Kirchweger, San Diego

Mitte der achtziger Jahre nahmen Biologen die letzten frei fliegenden Kalifornischen Kondore in Schutzhaft. Heute segeln wieder 100 der riesigen Aasfresser über dem Südwesten der USA und der mexikanischen Halbinsel Baja California. Nur zu welchem Preis?

Stolzer Aasfresser: Kalifornische Kondore knabberten schon an Mammutkadavern
Zoological Society of San Diego

Stolzer Aasfresser: Kalifornische Kondore knabberten schon an Mammutkadavern

Sichtlich aufgeregt zeigt Mike Wallace auf ein Dutzend blauer und roter Kreuzchen, die seinen Computerbildschirm überziehen. "Hier und hier überlappen sie, und hier waren sie an der Küste", freut sich der Biologe, der selbst in seinem funknagelneuen Büro im San Diego Wild Animal Park seine wasserfesten Stiefel trägt. Die Rede ist von einem Kondorpärchen auf Mexikos Halbinsel Baja California, das seit Tagen gemeinsam unterwegs ist. Wallace hat vor wenigen Minuten die letzten GPS-Daten seiner Schützlinge auf seinen Rechner geladen. Jetzt träumt er von baldigem Kondor-Nachwuchs.

Noch vor 20 Jahren waren die urzeitlichen Aasfresser dabei, auszusterben. Ungezählte Rückschläge und 35 Millionen Dollar später kreisen wieder 100 Kalifornische Kondore über dem Südwesten der USA. Fast 150 Exemplare sorgen in den Zoos von San Diego, Los Angeles, Santa Barbara und Boise in Idaho kontinuierlich für Nachschub. Und nach 70-jähriger Abwesenheit wurden im Vorjahr im Norden Baja Californias in der Sierra San Pedro Martir die ersten Kondore freigesetzt.

Schutzhaft verhinderte Aussterben

Kalifornische Kondore oder Gymnogyps californicus - nicht zu verwechseln mit ihrem südamerikanischen Verwandten, dem Andenkondor - versenkten ihre orangerot gefärbten, nackten Köpfe schon in eiszeitliche Mammutkadaver. Ihr Verbreitungsgebiet reichte vom heutigen Baja California im Süden bis nach British Columbia im Norden und im Osten bis nach New York und Florida.

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Kalifornischer Kondor: Erfolgsstory oder hoffnungsloser Fall?

Aber als im 19. Jahrhundert Siedler in immer größerer Zahl nach Westen vordrangen, ging es mit der Population kontinuierlich bergab. 1982 gab es nur noch 22 Exemplare in freier Wildbahn und einen Vogel in Gefangenschaft. Der Plan der zuständigen Bundesbehörde, dem Fish and Wildlife Service (FWS), die restlichen Vögel in Schutzhaft zu nehmen und ein Zuchtprogramm zu starten, stieß allerdings auf erbitterten Widerstand.

"Umweltschützer waren skeptisch, weil es keinen erfolgreichen Präzedenzfall gab. Die Ureinwohner wollten den Kondor als Verbindung zu ihrer spirituellen Welt nicht verlieren. Das größte Gegenargument war, dass die Kondore ihre überlebenswichtigen Verhaltensweisen in Gefangenschaft vergessen würden", erinnert sich Wallace, der von der ersten Stunde an mit dabei war und das Kondorprojekt unter der Ägide des FWS leitet. Als zwei Jahre später kurz hintereinander sechs Vögel starben, war das Programm beschlossene Sache.

Gefahr durch Blei und Strom

Aber trotz aller Erfolge ist weit und breit keine selbst erhaltende Population wilder Kondore in Sicht. Die wenigen in freier Wildbahn geborenen Vögel verendeten entweder oder mussten zu ihrem Schutz in Gefangenschaft genommen werden. Dutzende Vögel erlitten Bleivergiftung oder starben, nachdem sie von Jägern liegen gelassene Eingeweide - kontaminiert mit bleihaltiger Munition - verzehrt hatten. Stromleitungen und andere Gefahren, die sie an den Rand des Aussterbens gebracht haben, existieren noch immer.

Flug in Freiheit: 100 Kalifornische Kondore haben es geschafft
U.S. Fish and Wildlife Service

Flug in Freiheit: 100 Kalifornische Kondore haben es geschafft

Von Hand aufgezogene Jungtiere suchen zudem nur allzu gern die Nähe von Menschen. Die so genannten Schuhbandvögel im Grand Canyon sind besonders dreist. Sie warten, bis neugierige Touristen nahe herankommen, dann schlagen sie zu und reißen mit ihren kräftigen Schnäbeln die Schnürsenkel aus den Schuhen. "Kondore sind sehr kluge und gesellige Tiere und lernen nicht nur voneinander, sondern auch von anderen Spezies", warnt der pensionierte Raubvogelexperte Noel Snyder, einer der größten Kritiker der Wiederfreisetzung. "Um Futter bettelnde Kondore sind einfach ein anderes Problem als bettelnde Raben."

Kadaver verteilen für das Überleben

Die Wiederansiedlung der Kondore in Baja California - eine fast menschenleere mexikanische Halbinsel, die sich von der US-mexikanischen Grenze aus 1300 Kilometer nach Süden zieht - ist deshalb so etwas wie eine zweite Chance. "Es ist ein ständiger Lernprozess", gibt der 54-jährige Wallace zu. Heute wachsen die Jungtiere ohne direkten menschlichen Kontakt heran. Gefüttert werden sie entweder von ihren Eltern oder von Menschen mit Handpuppen.

Falsche Strommasten versetzen den Jungvögeln einen leichten elektrischen Schock, wenn sie darauf landen. Zusätzlich zu den Mikrochips unter der Haut werden Miniatur-GPS-Sender an den Flügeln befestigt und schicken alle drei Tage Daten wie Aufenthaltsort, Fluggeschwindigkeit und Höhe via Satellit an Wallace und seine Kollegen.

Das FWS verteilt jährlich fast 29.000 Koyoten- und Wildschweinkadaver und die Eingeweide von 8000 Rehen im Kondorrevier, um die Versorgung mit sauberem Futter sicherzustellen. Trotzdem sind tödliche Bleivergiftungen an der Tagesordnung. "Es macht wenig Sinn, die Vögel freizusetzen, solange das Bleiproblem nicht gelöst ist", kritisiert Snyder.

Jägerlobby gerät unter Druck

Es gibt zwar brauchbare, wenn auch etwas teurere Alternativen zu bleihaltiger Munition. Aus Angst, die mächtige Jagd- und Waffenlobby zu verprellen, zögert das FWS jedoch mit dem Ruf nach einem allgemeinen Verbot. Stattdessen setzt die Behörde auf freiwillige Zusammenarbeit und Information. Jäger sollen entweder auf Bleischrot verzichten oder die Eingeweide vergraben. Für Snyder ist das viel zu wenig. "Die wenigsten Jäger werden sich die Mühe machen, eine Schaufel mitzuschleppen, um schrothaltige Eingeweide und Tierkadaver, die sie erst finden müssen, einzugraben."

Aber nicht nur Snyder zweifelt an dieser sanften Strategie. Eine bunt gemischte Gruppe aus Umweltschützern und -vereinen hat sich zu einer Koalition zusammengeschlossen. Sie wollen Blei ein und für allemal aus Kondorrevieren verbannen. "Wir werden in Kalifornien einen Gesetzesantrag gegen bleihaltige Munition einbringen und rechtliche Schritte gegen die Bundesregierung einleiten", sagt Peter Galvin, Raubvogelexperte und Direktor des Zentrums für Biologische Diversität. "Es ist nur eine Frage der Zeit."

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