Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kampagne in deutschen Städten: Werbung für ein Leben ohne Gott

Von

Gottlos glücklich: In Großbritannien und Spanien rollten sie bereits, nun sollen auch in deutschen Städten Busse Werbung für ein glückliches Leben ohne Gott machen. Die atheistischen Initiatoren sehen sich als Aufklärer, nicht als Missionare.

Wohnen Sie in Köln, München oder Berlin? Dann wundern Sie sich nicht, wenn möglicherweise bald ein Stadtbus an Ihnen vorbeifährt, auf dem folgende ungewöhnliche Botschaft prangt: "Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott. Aufklärung heißt, Verantwortung übernehmen."

Philipp Möller, einer der Organisatoren der Kampagne, ist stolz: In den vier Tagen seit Start der Website sind schon über 3500 Euro zusammengekommen. Rund 16.000 Euro fehlen noch.

Konfessionslosen eine Stimme geben

Möller und sechs weitere Personen haben zusammen die Kampagne ins Leben gerufen. In der Gruppe sind mehrere Generationen vertreten: Der Älteste ist rund 60, Möller mit seinen 28 Jahren der Jüngste. Drei von ihnen arbeiten in PR-Agenturen, kennen sich also damit aus, wie man Botschaften unters Volk bringt. Möller, selbst Diplom-Pädagoge, will sich aber weder als Kreuzzügler noch als Missionar sehen: "Wir wollen die Menschen nur informieren - in einer aufgeklärten Gesellschaft sollte man so etwas öffentlich sagen können, ohne bestraft zu werden."

Atheismus und Religion
Evolution und göttliche Schöpfung
AFP
Als Charles Darwin 1859 mit seinem Buch "Die Entstehung der Arten" ("On the Origin of Species") die Evolutionslehre begründete, revolutionierte er nicht nur die Naturforschung. Er versetzte auch den theistischen Religionen einen schweren Schlag: Trete die natürliche Auslese an die Stelle der göttlichen Schöpfung, so die Befürchtung von Kirchenvertretern, könnte sie Gott überflüssig machen.
Kreationismus
Der Kreationismus postuliert, dass das Universum, die Erde und das Leben tatsächlich so entstanden sind wie im Alten Testament beschrieben. Allerdings existieren im Kreationismus verschiedene Strömungen. Weniger radikale Vertreter glauben, dass das Buch Mose nur eine ungefähre Darstellung der Geschehnisse enthalte und nicht wörtlich zu nehmen sei - oder dass die im Alten Testament genannten sechs Tage in Wahrheit viel längere Abschnitte seien, die den in der Wissenschaft geläufigen geologischen Zeitaltern entsprechen. Die Anhänger des Junge-Erde-Kreationismus" " hingegen glauben, dass Gott die Erde und das Leben tatsächlich in sechsmal 24 Stunden erschaffen habe - und zwar vor höchstens 10.000 Jahren.
Intelligent Design
Fundamentalismus im Tarnkleid: Vertreter des Intelligent Design , einer pseudowissenschaftlichen Variante des Kreationismus, sprechen nicht von Gott, sondern von einer übernatürlichen Intelligenz hinter allen Dingen. Der Kreationismus wurde von seinen Anhängern in den USA vor allem aus juristischen Gründen in Intelligent Design umbenannt, da US-Gerichte mehrfach religiöse Lehren an staatlichen Schulen untersagt hatten. Unter dem neuen Etikett preisen Anhänger ihren Glauben als gleichwertige Theorie neben der Evolutionslehre. Dabei machen sie sich zunutze, dass der Begriff "Theorie" in der Umgangssprache eher die Bedeutung einer bloßen Vermutung hat. In der Wissenschaft aber verlangt eine Theorie nach Forschung, Beweisen und wissenschaftlichen Veröffentlichungen.

Das Hauptargument der Intelligent-Design-Anhänger gegen die Evolutionstheorie lautet, dass die heute existierenden Lebewesen zu komplex seien, als dass sie durch natürliche Auslese hätten entstehen können. Auch die sogenannte Kambrische Explosion vor rund 540 Millionen Jahren sei nur mit dem Eingriff eines höheren Wesens zu erklären. Damals kam es zu einem dramatischen Anstieg der Artenvielfalt innerhalb von nur 40 bis 50 Millionen Jahren.
Weltweite Verbreitung der Religion
Der Glaube an die göttliche Schöpfung ist weit verbreitet - wenn auch nicht so weit, wie manche Kreationisten gern behaupten. Im August 2006 haben US-Forscher im Fachblatt "Science" Umfragen der vergangenen 20 Jahre in den USA, Japan und 32 europäischen Staaten untersucht. Das Ergebnis: In Island, Dänemark, Schweden, Frankreich und Japan glauben jeweils weniger als 20 Prozent der Bevölkerung an eine göttliche Schöpfung. Deutschland lag auf Platz zehn mit einer Evolutionsakzeptanz von etwas über 70 Prozent. 22 Prozent glaubten an eine göttliche Schöpfung, der Rest war unsicher. Die USA landeten auf dem vorletzten Platz - vor der Türkei. Nur 40 Prozent glauben in den USA an die Evolutionstheorie, 39 Prozent an die biblische Schöpfung - mit einer Tendenz zugunsten der Religion.

Wie problematisch solche Umfragen aber sind, zeigen schon die vielen unterschiedlichen Erhebungen in den USA: Je nachdem, wie die Fragen gestellt wurden, rangierte der Anteil der Schöpfungsgläubigen grob zwischen 45 und 55 Prozent. Rund 30 bis 40 Prozent glaubten, dass eine Evolution zwar stattfinde, aber von Gott beeinflusst werde. Nur rund zehn Prozent der US-Bürger geben in den regelmäßigen Umfragen an, dass Gott überhaupt keine Rolle bei der Entwicklung des Lebens und der Menschen spielt.

Auch in Deutschland brachte eine Emnid-Erhebung von 2005 ein weniger erfreuliches Ergebnis als die "Science"-Studie: Jeder zweite Befragte gab an, eine höhere Macht habe die Erde und das Leben erschaffen. Einen klaren Unterschied gab es zwischen den alten und neuen Bundesländern: Im Osten glauben demnach 35 Prozent, im Westen 54 Prozent an eine schöpferische Macht außerhalb der Naturgesetze. Bei einer Umfrage an der Uni Dortmund stellte sich 2007 heraus, dass sogar jeder achte Lehramtsstudienanfänger an der Evolution zweifelt.
Atheismus
Als Atheismus versteht man die Ablehnung Gottes, einer göttlichen Weltordnung oder auch nur des geltenden Gottesbegriffs. Atheismus ist jedoch nicht unbedingt gleichzusetzen mit Unglauben und zu unterscheiden vom Agnostizismus , der die Frage der Existenz Gottes offen lässt.
Einer der weltweit führenden Neuen Atheisten ist Richard Dawkins .
Es sind viele, die sich keinem Glauben zugehörig fühlen oder sogar nicht an einen Gott glauben: nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gehören rund ein Drittel aller Deutschen keiner Religion an. Eine 2005 durchgeführte Erhebung von AP-Ipsos ergab, dass nur 22 Prozent der Deutschen keine Zweifel an der Existenz Gottes hegen. Atheisten und Agnostiker kommen dagegen gemeinsam auf 23 Prozent (siehe Fotostrecke). "Wir möchten diesen Leuten endlich eine Stimme geben", sagt Möller.

"Gott ist für mich eine Hypothese"

Die Giordano Bruno Stiftung unterstützt die Buskampagnen-Aktion, ebenso die Atheisten-Vereinigung " Brights". Welcher Spruch jedoch bald auf den Bussen prangen wird, muss sich noch zeigen - denn es wird nicht einfach der englische Slogan übernommen. Kandidaten sind:

  • "Gottlos glücklich - ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben"
  • "Gott ist eine Behauptung. Menschenrechte sind real. Auf uns kommt es an"
  • "Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott. Aufklärung heißt, Verantwortung übernehmen."

Welcher dieser Sprüche letztlich auf den Bussen in Köln, Berlin und München zu lesen sein soll, können die Spender auf www.buskampagne.de selbst entscheiden. Dennoch sei man mit den englischen Kampagnen-Machern vernetzt: "Wir stehen mit Ariane Sherine in Kontakt", erzählt Möller.

Kennengelernt haben sich die sieben Organisatoren der Kampagne über die " Brights", jedoch nur einer von ihnen sei dort auch Mitglied, erzählt Möller. Er selbst sieht sich als überzeugter Skeptiker: "Gott ist für mich nur eine Hypothese", sagt er. Viel kritischer hingegen sieht er die selbsternannten Gottesvertreter: "Die christliche Religion, der Islam und das Judentum beruhen auf Grundannahmen, die falsch sind", meint Möller. Es gehe ihm und den anderen darum, zu zeigen, dass Religion nicht die Grundlage der Moral ist, dass es eine Moral ohne Glauben gibt.

Da die sieben Gottlosen nicht wussten, wie ihre Aktion ankommen würde, hatte man auch einen Plan B entwickelt: "Sollten wir das Spendenziel nicht erreichen, würden wir statt Bussen eine Fahrradkampagne starten", sagt Möller. Doch wenn es in dem Spenden-Tempo weiter geht, wird Plan B wohl nicht mehr benötigt werden und in wenigen Wochen schon könnten die Busse rollen. Womöglich nicht nur in Köln, Berlin und München. Sollte noch mehr Geld zusammenkommen, so Möller, wolle man das Ganze auch auf andere Städte ausdehnen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Laute Atheisten: Busplakate und blasphemische T-Shirts


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: