Von "Zeit Wissen"-Autor Max Rauner
Auf dem Fischkutter von Dieter Pahlke hat die EU-Politik zwei Kerben hinterlassen. Pahlke ritzte sie im Abstand von 38 Zentimetern in ein Holzbrett, nachdem die Verordnung 2187/2005 verabschiedet worden war. Jetzt steht er am Steuer, während sein Lehrling das Netz einholt, am Horizont die Küste von Rügen. Dorsche und Flundern platschen auf das Deck, viele sind tot, sechs Stunden im Schleppnetz waren zu viel für sie. Der Lehrling greift einen Dorsch und hält ihn an das Holzbrett. Zu kurz. Der Fisch geht über Bord.
Der junge Dorsch ist ein Opfer der europäischen Fischereipolitik. Alle meinen es gut mit ihm, er sollte noch wachsen und viele Kinder zeugen, und doch musste er sterben, weil die gesetzlich erlaubten Netzmaschen zu klein sind. Dass er ganz umsonst starb, weil niemand ihn essen darf, liegt an Artikel 15 der Verordnung 2187. Der schreibt vor: "Untermaßige Fische sind unverzüglich wieder ins Meer zu werfen." Es muss einem Fischer seltsam vorkommen, frischen Fisch auf diese Weise zu entsorgen. Pahlkes Lehrling sagt: "Was wir nicht dürfen, dürfen wir nicht."
Fischen ist kompliziert geworden, Fisch essen auch. Wer in der Kantine gefährdeten Kabeljau bestellt, muss sich rechtfertigen; wer eine Seezunge kauft, hat Babyschollen auf dem Gewissen, die als Beifang in den Netzen hängen bleiben. 30 Prozent der europäischen Fischbestände stehen vor dem Kollaps, schätzt die EU-Kommission. Fangquoten haben daran nichts geändert. Rund jedes zweite Meerestier, das wir in Europa essen, wird inzwischen importiert. Und zugleich werfen Fischer tote Fische ins Meer, weil diese kleiner sind als vorgeschrieben, weil die Fangquote für diese Art schon ausgeschöpft ist oder weil die Kapitäne einfach nur Platz brauchen für wertvollere Fische.
Das Meer leert sich, die Flotte ist zu groß, die Subventionen sind zu hoch. Jeden Fisch "bezahlen die Europäer praktisch zweimal", stellt die Europäische Kommission nüchtern fest: "einmal im Geschäft und dann noch einmal über ihre Steuern". Aber jetzt soll alles besser werden. Die Kommission hat ein Strategiepapier geschrieben und zahlreiche Lobbygruppen angehört, im kommenden Jahr will sie die Fischereipolitik so gründlich umkrempeln wie nie zuvor. Doch schon fordern Wissenschaftler eine noch viel radikalere Reform.
Dieter Pahlke steht in seinem Kapitänshäuschen und zündet sich eine Zigarette an. Er hält nicht viel von Wissenschaftlern. Der Ostseehering ist gefährdet, sagen die. Hering ist genug da, sagt Pahlke, der allerdings oft 14 Stunden von seinem Heimathafen auf Fehmarn nach Rügen tuckert, weil dort mehr zu holen ist als in Schleswig-Holstein. Schiffsdiesel wird subventioniert.
Die Fischerei ist überreguliert
Einigkeit besteht immerhin darin, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Als die EU die Mindestgröße für Maschen vorschrieb, legten manche Fischer einen Autoreifen ins Netz, weil sich die Maschen bei starkem Zug zusammenziehen. Die nächste Verordnung regelte die Garnstärke und schrieb im hinteren Teil des Netzes Quadratmaschen vor, die auch bei Belastung offen bleiben, eine Art Fluchtfenster für die Fische. Auch dagegen gab es einen Trick: das Netz erst über Grund ziehen und Schollen einsammeln, die sich wie Kacheln über die Maschen legen.
Inzwischen ist auch gesetzlich geregelt, wie man ein Netz reparieren muss, mit welchem Messgerät die Maschen und das Garn zu kontrollieren sind und wie viel Leistung der Schiffsmotor haben darf. Und wenn Pahlke mehr als 300 Kilogramm Dorsch fängt, muss er per SMS die Fischereiaufsicht informieren. Für Boote unter zwölf Meter Länge gelten Ausnahmen, weshalb mancher Fischer schon den Bug seines Kutters mit einer Flex gekürzt hat. Die Fischerei ist überreguliert, sagen Experten. "Es wird immer verrückter", sagt Dieter Pahlke.
Die Europäische Kommission plant jetzt eine Kehrtwende um 180 Grad. Fangquoten soll es zwar weiterhin geben. Aber statt den Fischern vorzuschreiben, kleine Fische oder solche, für die sie die Quote schon ausgeschöpft haben, über Bord zu werfen, soll künftig jeder gefangene Fisch mit an Land gebracht werden. Norwegen und Island haben schon entsprechende Gesetze verabschiedet. Jeder Fisch im Netz, egal wie groß, wird dann auf die jährliche Fangquote angerechnet. Das, so die Logik, wäre Anreiz genug, größere Maschen zu verwenden, um überwiegend größere Fische zu fangen, denn die bringen mehr Geld ein. Das Problem ist nur: Wer soll kontrollieren, ob der Fischer nicht doch vermeintlich wertlose Fische ins Meer wirft, wenn ihn niemand beobachtet?
Es gibt da diese Idee mit den Kameras. Die kanadischen Heilbuttfischer haben es vorgemacht, die Dänen haben es nachgemacht, und jetzt werden auch die ersten drei deutschen Fischkutter mit Kameras ausgestattet. "Das war eine Riesendiskussion", sagt Kai-Arne Schmidt von der Erzeugergemeinschaft "Kutterfisch", in der 130 Fischer organisiert sind. Man wolle sie beim Pinkeln filmen, schimpften einige Kollegen, Zustände wie bei Lidl befürchteten andere. Aber darum gehe es nicht, sagt Geschäftsführer Schmidt. Eine Kamera filmt das Netz, während es eingeholt wird, zwei filmen den Sortierplatz unter Deck, eine nimmt die Gammelluke ins Visier, wo normalerweise die toten Fische über Bord geworfen werden.
"Wir machen das, weil uns sonst keiner glaubt", sagt Schmidt. Nachhaltigkeit und Transparenz hat sich "Kutterfisch" auf die Fahnen geschrieben, die Fischer verwenden freiwillig Maschen, die größer als das erlaubte Mindestmaß sind, das Unternehmen trägt das MSC-Siegel für umweltbewussten Fischfang. Trotzdem steht es mit am Pranger, wenn von überfischten Meeren die Rede ist. "Ich hab die Schnauze voll", sagt Schmidt, die Kameras sollen jetzt den Beweis erbringen, dass "Kutterfisch" keinen Mist baut.
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