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Kampf gegen Klimawandel-Folgen: Forscher züchtet Gletscher im Schwarzwald

Aus Bremerhaven berichtet

Die Erde wird wärmer, eine Folge des Klimawandels ist die weltweite Gletscherschmelze. Ein deutscher Wissenschaftler will das Problem jetzt mit ungewöhnlichen Methoden lösen: Mit Sprinkleranlagen besprüht er Eisfelder und züchtet Gletscher - die Tourismusindustrie ist begeistert.

Modellprojekt: Gletscher aus der Retorte Fotos
Eduard Heindl

Der Schwarzwald hat eine neue Attraktion, die sonst nur im Hochgebirge zu bestaunen ist: Nahe Furtwangen wachsen zwei Gletscher, jedenfalls behaupten das ihre Züchter. Die Eiszungen auf einem Hang in 850 Metern Höhe sind zwar lediglich so groß wie Handballfelder. Aber sie sollen die Vorhut für eine ganze Armada künstlicher Gletscher bilden, die nun in Skigebieten, Wasserkraftwerken und Alpentälern entstehen soll.

Der Plan klang so bizarr, dass Wissenschaftler zunächst abwinkten: Gletscherzucht? "Welch verrückte Idee!", staunte etwa der Glaziologe Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut. "Meine Bewertung: Blödsinn", meinte seine Kollegin Irmgard Juen von der Universität Innsbruck. Doch nachdem sie das Projekt eingehender betrachtet hatten, verstummten die meisten Kritiker. "Dass es funktioniert, ist nicht zu bestreiten", sagt Matthias Huss, Eisforscher an der ETH Zürich.

Gletscherzüchter Eduard Heindl stellte sein Projekt am Freitag auf dem "Extremwetterkongress" in Bremerhaven erstmals der Öffentlichkeit vor; sein Vortrag hat den Titel: "Gletscher-Reproduktion ist möglich".

Heindl ist Skepsis gewohnt. Als er eines Februartages einen Rasensprenger im Baumarkt kaufte, staunten die Verkäufer. Als Heindl erzählte, was er mit dem Gerät vorhatte, hielten sie ihn für bekloppt. Heindl - er lehrt Wirtschaftsinformatik an der Universität Furtwangen - sprengte nicht den Rasen - sondern Schnee. Nach kurzer Zeit hatte sich allerdings so viel Eis gebildet, dass der Rasensprenger im Eis verschwunden war und einfror.

Mit Sprinkleranlagen erzeugt Eduard Heindl Mini-Gletscher

Heindl hatte erkannt, dass sein Plan funktionieren konnte. Er vergrößerte die Versuchsanordnung und bestellte Sprinkleranlagen aus Israel für die Bewässerung landwirtschaftlicher Felder. Mancherorts hätte man ihn verhöhnt, doch Heindls Nachbarn halfen ihm sogar bei seinen seltsamen Experimenten: Auf dem Grundstück eines befreundeten Bauern durfte Heindl vier Wassersprinkler platzieren. Unter dem steten winterlichen Eisregen wachsen dort nun seine zwei Mini-Gletscher.

Mit dieser Methode künstlich Gletscher zu züchten, sei "durchaus möglich", bestätigt Eisforscher Huss. Schließlich sei in kalten Regionen mangelnder Niederschlag die Ursache dafür, dass sich keine Gletscher gebildet hätten. Allerdings glaubt Huss nicht an die Zucht größerer Gletscher. "Es gibt keine Größengrenze", widerspricht jedoch Heindl. Alles was man brauche, seien genügend Sprühstangen und leicht verfügbares Wasser.

Heindl verweist auf seine Liste mit illustren Interessenten für seine künstlichen Gletscher: Skiorte in der Schweiz und in Östereich sind darunter, denen ihre Gletscher unter den Liften weggetaut sind. Auch ein Schweizer Wasserkraftwerk plant demnach einen Kunstgletscher, dessen Schmelzwasser im Sommer elektrischen Strom liefern soll. "Die fragen sich: Staudamm erhöhen, oder lieber Eis sprühen?", berichtet Heindl.

Ein Schweizer Nobel-Bergort wolle mit neuen Gletschern seine Hänge sichern. Und der Tourismusverband Schwarzwald sei ganz scharf darauf, mit dem ersten Schwarzwald-Gletscher seit der letzten Eiszeit vor 18.000 Jahren werben zu können.

Stauversuche in Indien scheiterten

Auch anderswo gab es Versuche, künstliche Gletscher zu schaffen. Meist wurde dazu Wasser gestaut, etwa in Ladakh im indischen Himalaja. Weil Gewässer aber von oben her gefrieren, bildete sich nur eine zentimeterdünne Eisschicht. Sie wurde als Wasserquelle für den Sommer verwendet. Glaziologen berichten von ähnlichen Projekten, etwa in Japan und Armenien. Auch auf die Idee, mit Wasserduschen Eisskulpturen zu formen, sind andere schon gekommen. Gletscher habe jedoch noch niemand auf diese Weise gezüchtet, bestätigen Glaziologen.

Dass die Schwarzwälder Eisbrocken nun allerdings den Grundstein für eine groß angelegte Gletscherzucht legen sollen, verwundert zunächst angesichts der dürren Testgletscher. Am 1. Dezember 2008 begann der erste Versuch. Die vier jeweils zwei Meter hohen Sprinkler versprühten das Wasser einer nahen Grundwasserquelle. Doch bereits nach drei Wochen waren ihre Düsen eingefroren, erst im Februar funktionierten sie wieder.

Immerhin war schnell ein sichtbares Schneefeld entstanden: Mit seiner dunklen Färbung hob sich das mit Eisteilchen vollgepumpte Stück von der weißen Umgebung ab (siehe Fotostrecke). Und während im Frühjahr der umliegende Schnee taute, trotzte Heindls Gletscher der lauen Luft: Noch im April prangte eine lückenlose weiße Fläche auf dem Schwarzwälder Grashang. Bis in den Mai dokumentierten die Gletscherzüchter einzelne Schneeklumpen, erst am 7. Mai war absolut nichts mehr übrig. Das Schmelzen des allerletzten Brockens hat Heindl auf Video festgehalten.

Ein Quadratkilometer Gletscher verursacht 100.000 Euro Stromkosten

Da fehlten für die Gletschergeburt allerdings noch etwa sechs Monate: Gletscher entstehen, wenn der Schnee den Sommer überdauert, im Sommer also weniger Schnee taut, als sich im Winter ansammelt. Nur so kann das Eis wachsen. "Das sind keine Gletscher, sondern Toteisblöcke", bemängelten pflichtschuldig Glaziologen nach Betrachtung der schwindenden Eisflächen. "Das sind Testgletscher", konterte Heindl - wohl wissend, dass unterhalb von 1300 Metern prinzipiell kein Eisklotz den Sommer überdauern kann. "Uns geht es erst mal nur darum, Daten zu gewinnen", erläutert Heindl den Versuch in nur 850 Metern Höhe.

In diesem Winter wuchsen zwei Eiszungen auf dem Versuchsfeld, sie sind bereits mehr als zwei Meter dick. Diesmal träufelt das Wasser sogar aus vier Meter hohen Sprinklern. Die Sprühstangen werden mittlerweile von turmartigen Eismonumenten umsäumt. Die Wasserquelle sei ein entscheidendes Element der Gletscherzucht, sagt Heindl: Sie sorge dafür, dass Wasser ohne großen Aufwand herangeschafft werden müsse.

Mit naher Quelle blieben die Kosten für Kunstgletscher überschaubar. Für einen Quadratkilometer Gletscher - das entspricht der Ausdehnung manchen Skigebietes - wären 100.000 Euro Stromkosten für die Pumpleistung von 400 Sprühstangen zu veranschlagen, meint Heindl. Für Skiorte, die Zigmillionen Euro im Jahr für Infrastrukturprojekte ausgäben, seien das vertretbare Kosten.

Schneekanonen jedenfalls benötigten das 50-fache an Energie, sagt Heindl. Die Sprenkler hingegen sind anspruchslos, sie verteilen schlicht Wasser. "Es gefriert sofort zu Blitzeis" - und schwelle rasch beachtlich an: "Mit jedem Minusgrad wächst der Gletscher pro Nacht um einen Zentimeter", berichtet Heindl.

Bis Juni würden die beiden Gletscher bei Furtwangen zu bewundern sein, verspricht Heindl. Dann stünden auch schon die Alpen auf dem Programm des Eiszungen-Architekten. "Wir sind quasi schon auf dem Weg in die Alpen", sagt Heindls Kompagnon Peter Tobies. Dort sollen zehn Meter hohe Sprühstangen zum Einsatz kommen. Sie sollen die kargen Gebirgshänge in frischem Weiß erstrahlen lassen.

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