Vulkanausbrüche in Kamtschatka: Vierfach-Inferno am Ende der Welt

Von Axel Bojanowski

Spektakel in Kamtschatka: Vier Ausbrüche nebeneinander Fotos
airpano.com

So ein Ereignis bekommen Forscher selten zu sehen: In Kamtschatka sind vier benachbarte Vulkane gleichzeitig ausgebrochen. Ein faszinierendes 360-Grad-Video zeigt das feurige Spektakel im einsamen Osten Russlands.

Hamburg - In Kamtschatka, einer der abgelegensten Landschaften der Erde, ereignet sich derzeit ein spektakuläres Naturschauspiel. Vier benachbarte Vulkane speien gleichzeitig Asche und Lava. Rauchsäulen und rote Glutströme lodern aus der bergigen Einöde im äußersten Osten Russlands.

Ein einziger Überflug genügte dem Nasa-Satelliten "Terra", um die vier Ausbrüche zu fotografieren - so eng liegen die Vulkane beieinander. Ein Filmteam wagte sich im Hubschrauber sogar ganz nahe dran an die Show in der Wildnis: Es filmte den Ausbruch des Tolbatschik, in dessen Krater nun ein Lavasee schwappt; lange Glutströme fließen den Berg hinab. Das faszinierende 360-Grad-Video von Airpano.com und Kameramann Dmtrij Moiseenko zeigt das Spektakel aus allen Perspektiven (siehe unten).

Für Mobil-Nutzer: Klicken Sie hier für eine 360-Grad-Ansicht der Eruption

Wie kam es zu der sonderbaren Gruppeneruption? Die vier Vulkane liegen in einem geologischen Brennpunkt, unter Kamtschatka kollidieren gleich drei Erdplatten - sie entfachen das vulkanische Höllenfeuer: Der Meeresboden des Pazifiks quetscht sich von Osten her unter den Kontinent; von Norden taucht die Arktische Platte in die Kollisionszone.

Der interkontinentale Crash lässt Magma aufsteigen: Unter dem Druck der Tiefe verlieren die gigantischen Felspakete ihre wasserhaltigen Minerale - das Wasser quillt aufwärts, weiter oben erzeugt es Magma: Wie Streusalz Eis tauen kann, erweicht Wasser Gestein - der Schmelzpunkt der Minerale sinkt, sie verflüssigen sich. Die zähe Gesteinsmasse steigt auf, sie speist die Vulkane Kamtschatkas.

Zwei parallele Gebirgsketten, die die Halbinsel von Nord nach Süd durchziehen, zeugen von den tektonischen Urkräften: Die äußere an der Küste besteht aus rund 30 aktiven Vulkanen, die gut 3000 Meter aufragen. Im inneren Gebirge staffeln sich Dutzende erloschene Vulkanen; sie waren vor Jahrmillionen aktiv, bevor die Bewegung der Erdplatten sie außer Reichweite des Magmas befördert hat.

Menschenleere Wildnis

Direkt über dem Treffpunkt der drei Platten sind nun die vier Vulkane explodiert. Warum brechen sie gleichzeitig aus? "Mir ist kein starkes Beben bekannt, das die Ausbrüche ausgelöst haben könnte", sagt Birger Lühr, Vulkanexperte am Helmholtz-Zentrum Potsdam GFZ. Dass sich die Vulkane aus einer gemeinsamen Magmaquelle speisen würden, gilt als unwahrscheinlich.

Ein geologischer Zufall also? Kamtschatka ist selbst Wissenschaftlern ein Rätsel, es gilt als eine der geheimnisvollsten Landschaften der Erde. Im Kalten Krieg war die Region militärisches Sperrgebiet der Sowjetunion; noch heute ist die Gegend nur wenigen Menschen bekannt.

Vulkane, Berge, Schnee und Felsen prägen die Halbinsel; sie ist so groß wie Deutschland, Portugal und Ungarn zusammen. Von den knapp 400.000 Einwohnern leben die meisten in der Stadt Petropawlowsk-Kamtschatski im Südosten. Der Rest des felsigen Landes ist fast menschenleer. Über die vier explodierten Vulkane aber gibt es mittlerweile manch erstaunliche Erkenntnis:

Der Tolbatschik - eigentlich ein gutmütiger Riese

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NASA

Mehrere Gipfel wölben sich auf dem Vulkan, aus dem Ploski strömt die Lava. Ein weiteres Massiv krachte bei einer Eruption vor 6500 Jahren zusammen. Der Tolbatschik gilt als gutmütiger Riese: Im Gegensatz zu seinen Nachbarn fördert er wässrige Lava. Ähnlich wie bei den Vulkanen auf Hawaii fließt die heiße Masse meist gemächlich die Flanken hinab, anstatt kilometerhoch zu eruptieren. Lediglich manch kleinere Fontänen zeugen von Explosionen.

Seit dem 27. November ist es wieder so weit: Eine neue Spalte hatte sich geöffnet, aus ihr strömt wieder Lava; ein See geschmolzenen Gesteins schwappt nun im Krater. Das 360-Grad-Video des russischen Filmteams zeigt das Spektakel in unerreichter Deutlichkeit: Glutspritzer schießen aus dem Berg; Lavaflüsse reichen mittlerweile fast 20 Kilometer die Flanken hinab. Die tausend Grad heiße Masse brennt sich ihren Weg durch schneebedeckten Fels. Die Lava glüht nachts - ein Zeichen dafür, dass stetig weiter frischer Nachschub aus der Tiefe quillt.

Der Schiwelutsch - der Wilde im Norden

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NASA

Der nördlichste Vulkan Kamtschatkas ist der wildeste: Sein zähes Magma verklebt gewöhnlich den Schlot, es erkaltet und bildet quasi einen Felskorken, einen sogenannten Dom. Er verstopft den Vulkan - bis der Gasdruck im Innern übermächtig wird und der Schiwelutsch explodiert.

Vor vier Jahren sprengte die geologische Urgewalt den letzten Dom, seither schießen immer wieder kilometerhohe Aschewolken hervor. Sensoren meldeten andauernde Beben im Berg, berichtet GFZ-Forscher Birger Lühr. Das Wummern kündigt Magmanachschub an - beim Aufstieg aus der Tiefe spaltet das Magma den Untergrund.

Der Schiwelutsch kann aber auch ganz anders: Aschespuren 60 großer Eruptionen des Vulkans aus den vergangenen 10.000 Jahren haben Geoforscher in Bodenschichten Kamtschatkas kartiert. Bedroht von solchen Ereignissen wären nicht nur Flugzeuge, die die Region kreuzen. Vor allem die 45 Kilometer entfernte Ortschaft Kljuchi müsste mit heftigen Ascheregen rechnen.

Besymjanny - gigantischer Ausbruch in den fünfziger Jahren

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NASA

Tausend Jahre hatte der Berg geschlafen, er galt als erloschen. Am 22. Oktober 1955 erwachte der Besymjanny mit einem der heftigsten Vulkanausbrüche des 20. Jahrhunderts: Die Eruption öffnete den Schlot, massenweise Schneeschmelze stürzte hinein. Beim Kontakt mit Lava verdampften mit einem Schlag gigantische Mengen Wasser.

Die Explosion sprengte die oberen 200 Meter des Gipfels, aus einem zwei Kilometer breiten Loch schoss eine Aschesäule 40 Kilometer in die Höhe - bereits halb so hohe Ausbrüche gelten als ausgesprochen heftig. Die Druckwelle riss noch im 25-Kilometer-Umkreis Bäume um wie Mikadostäbchen. Fast ebenso weit schossen tausend Grad heiße Aschelawinen und verglühten alles Organische. Zwei Tage später regnete Asche auf Alaska auf der anderen Seite des Ozeans.

Seither hat sich der Vulkan beruhigt. Mit Ausbrüchen wie derzeit erinnert der Besymjanny an seine eigentliche Kraft.

Kisimen - der Geheimnisvolle im Süden

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NASA

Der südlichste der vier Vulkane gilt als der große Unbekannte. 2010 begann der Kisimen nach langer Ruhephase auszubrechen. Möglich, dass es nur der Auftakt zu Schlimmerem ist; vor 1300 Jahren hat der Vulkan gezeigt, wozu er fähig ist: Damals sprengte er bei einem gewaltigen Ausbruch seine ganze Flanke weg. Ein ähnliches Ereignis würde heutzutage die Flugüberwachung alarmieren. Vulkanausbrüche in Kamtschatka müssen von Düsenjets umflogen werden. Zu hoffen ist, dass die Eruptionen in der Einöde immer rechtzeitig entdeckt werden.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Und schon ist die CO2-Bilanz
Wurrhak 30.01.2013
wieder mal über den Haufen geworfen. Haben diese Vulkane denn gar keinen Plan, was uns Menschheit droht? Wenn die so unkontrollierbar weitermachen, dann gehen wir unter. Dafür müssen die doch irgendwas bezahlen oder?
2.
themistokles 30.01.2013
Zitat von sysopSo ein Ereignis bekommen Forscher selten zu sehen: In Kamtschatka sind vier benachbarte Vulkane gleichzeitig ausgebrochen. Ein faszinierendes 360-Grad-Video zeigt das feurige Spektakel im einsamen Osten Russlands. Kamtschatka: Vier benachbarte Vulkane gleichzeitig ausgebrochen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/kamtschatka-vier-benachbarte-vulkane-gleichzeitig-ausgebrochen-a-878860.html)
Unabhängig vom Thema und den tollen Bildern: Starke Kamerafahrt und starke Umsetzung.
3. Größe Kamtschatkas
reihensechser 30.01.2013
1. Wem sagt denn diese Größenangabe etwas: "sie ist so groß wie Deutschland, Portugal und Ungarn zusammen. " 2. Aus Wikipedia: Mit ca. 370.000 km², etwa 5 % größer als Deutschland, ist Kamtschatka die größte Halbinsel Ostasiens. Ich gehe mal davon aus, dass Ungarn Portugal mehr als 5% der deutschen Fläche haben. ;-) Was stimmt denn nun?
4. Gh
cyclodextrin 30.01.2013
Zitat von sysopSo ein Ereignis bekommen Forscher selten zu sehen: In Kamtschatka sind vier benachbarte Vulkane gleichzeitig ausgebrochen. Ein faszinierendes 360-Grad-Video zeigt das feurige Spektakel im einsamen Osten Russlands. Kamtschatka: Vier benachbarte Vulkane gleichzeitig ausgebrochen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/kamtschatka-vier-benachbarte-vulkane-gleichzeitig-ausgebrochen-a-878860.html)
Na da waren doch bestimmt die gravitativen Dingens Schuld mit ihren Raumvakuolen.
5. Gefährliche Sache.!
mainstreet 30.01.2013
Vor Millionen von Jahren in der Urzeit wurde im heutigen Sibirien eine Lava- Decke von drei Kilometern aufgeschoben die ein Großteil des damailigen Lebens auf der Erde vernichtete. Ich werde mir jetzt schon mal Vorräte anlegen falls es wieder so kommt um länger überleben zu können. Außerdem sollte man sich dann(Ich bin am überlegen) für die kommende Zeit dann doch bewaffenen um sich gegen Überfälle zu schützen wozu das Waffengesetz gelockert werden müßte. Aber man kann sich glücklicherweise heute de Waffen vieleicht noch auf dem illegalen Markt besorgen falls diesr Vorgang in Kamtschatka sich ausweiten sollte. Vorsicht ist besser als Nachsehen und am besten sollte man sich in der Straße gemeinsam gegen eventuelle Überfälle schützen und Bürgerwehren gründen .Ich werde die Sache medial genau verfolgen um Maßnahmen einleiten zu können denn dies ist eine ganz gefährliche Sache und ich bin sehr dankbar für diesen Artikel.
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