Klimawandel Kanada droht dramatischer Gletscherschwund

Wenn sich die Welt wie erwartet erwärmt, wird sich der Westen Kanadas stark verändern. Laut einer Modellrechnung könnten viele Gletscher fast komplett verschwinden.

Garry Clarke

Es gibt mehr als 17.000 Gletscher in den kanadischen Provinzen British Columbia und Alberta. Doch ihnen droht bis zum Jahr 2100 eine dramatische Schmelze, wie Forscher im Fachblatt "Nature Geoscience" berichten. Die Eismassen könnten im Extremfall um 70 bis 90 Prozent schwinden, warnen Garry Clarke und seine Kollegen von der University of British Columbia in Vancouver. Ursache sei die erwartete Erwärmung des Klimas.

Die Gebirgsgletscher ziehen sich weltweit seit Jahrzehnten zurück. Bislang stützen sich Prognosen zu ihrer Entwicklung auf Daten zu wenigen Gletschern, die dann auf die übrigen übertragen werden. Im Unterschied dazu koppelten die Forscher um Clarke Klimamodelle mit hochaufgelösten Daten zur Topografie im Westen von Kanada und bezogen auch den Eisfluss in ihre Simulationen ein. In Alberta und British Columbia bedecken Gletscher ein Areal von knapp 27.000 Quadratkilometern, was etwa der Fläche Brandenburgs entspricht.

Die Gletscherareale entlang der Küste mit ihrem Meeresklima werden demnach voraussichtlich um mehr als 70 Prozent schwinden, schreiben die Forscher. Basis dafür ist ein Klimaszenario, das von einem Anstieg des CO2-Gehalts in der Luft auf 1370 ppm bis zum Jahr 2100 ausgeht - ein Extremszenario, derzeit liegt der Wert bei 400 ppm. Es wäre also eine mehr als dreimal so hohe Konzentration des Klimagases wie heute, der CO2-Ausstoß müsste dem Szenario zufolge weiter stark zunehmen.

Unklare Folgen

Die im Inland gelegenen Eisgebiete samt denen der Rocky Mountains gehen nach Angaben der Forscher sogar um mehr als 90 Prozent zurück. Dort schmilzt etwa das Columbia-Eisfeld, zu dem acht große Gletscher gehören, zum größten Teil ab.

Der Eisverlust würde den Meeresspiegel zwar nur um etwa sechs Millimeter steigen lassen, schreiben die Autoren. Er habe aber große Auswirkungen auf den regionalen Wasserhaushalt. Demnach wird die Schmelzwasser-Menge zwischen 2020 und 2040 auf ein Höchstmaß steigen und dann wegen der schwindenden Eismenge absinken - mit noch unklaren Folgen für Pflanzen- und Tierwelt wie auch für Forst- und Landwirtschaft.

Die Methode der Wissenschaftler lasse sich auf viele andere der weltweit mehr als 170.000 Gletscher übertragen, schreibt Andreas Vieli von der Universität Zürich in einem Kommentar in "Nature Geoscience". Vor allem die Berücksichtigung des bislang vernachlässigten Eisflusses biete ein realistischeres Szenario, betont er, allerdings mit einer grundsätzlichen Einschränkung. Die Prognosen fußten auf Szenarien zum künftigen Klimawandel - und bei diesen gebe es nach wie vor Unsicherheiten und ungeklärte Fragen.

hda/dpa

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