Kanadische Arktis Forscher vermuten unberührte Seen unterm Eis

Unberührte Ökosysteme gibt es auf der Erde kaum noch - und seit Urzeiten abgeschottete noch weniger. Offenbar haben Wissenschaftler jetzt aber gleich mehrere Seen unter Jahrtausende altem Eis in Kanadas Arktis gefunden.

Eisschild in der kanadischen Arktis (hier auf Ellesmere Island, Archivbild)
AFP

Eisschild in der kanadischen Arktis (hier auf Ellesmere Island, Archivbild)


Unter Eisschilden im Norden Kanadas liegen vermutlich zwei unberührte, sehr salzhaltige Seen. Die bei Ultraschallmessungen entdeckten Gewässer könnten seit 120.000 Jahren von der Außenwelt abgeschnitten sein, berichten Forscher im Fachjournal "Science Advances". Das Team um Anja Rutishauser von der University of Alberta in Edmonton hofft auf ein unberührtes Ökosystem mit unbekannten Lebewesen.

Das Interesse von Wissenschaftlern an Proben aus Seen unter uralten Eisschilden ist groß. Bohrungen gab es in der Antarktis zum Beispiel am Ellsworthsee, über dem sich das Eis 3,2 Kilometer dick türmt, und am Wostoksee mit seinem fast vier Kilometer starken Eispanzer.

Russische Forscher gaben bekannt, im Wostoksee unbekannte Mikroorganismen entdeckt zu haben, doch die Ergebnisse sind höchst umstritten. 2013 meldeten britische Wissenschaftler, aus dem ebenfalls in der Antarktis liegenden Hodgsonsee insgesamt 20 verschiedene Bakterienkulturen gewonnen zu haben, von denen einige keiner bekannten Art zugeordnet werden konnten.

Die aktuelle Entdeckung von flüssigem Wasser unter dem Eis gelang den Wissenschaftlern auf Devon Island im Nordosten Kanadas. Der Devon Ice Cap genannte Eisschild ist bis zu 1900 Meter hoch. Mit einem Echolot entdeckten die Forscher Zonen, in denen Ultraschallwellen besonders gut reflektiert werden, was auf flüssiges Wasser hinweist.

Seen haben bisher noch keine Namen

Die Seen, bisher nur T1 und T2 genannt, liegen in Gebirgsmulden und sind vermutlich 5 und 8,3 Quadratkilometer groß. Über T1 liegen etwa 560 Meter Eis, über T2 etwa 740 Meter. Beide Gewässer könnten nach Angaben der Forscher etwas Besonderes sein: Anhand der Ultraschallmessungen bestimmten Rutishauser und Kollegen die Temperaturen in den Seen auf höchstens minus 10,5 und minus 12 Grad Celsius.

Wenn Wasser bei solch tiefen Werten flüssig ist, müsse es zwischen 140 und 160 Gramm Salz pro Kilogramm Wasser enthalten, schreiben die Forscher; nur ein so hoher Salzgehalt könne den Taupunkt des Wassers entsprechend herabsetzen. Zum Vergleich: In den Ozeanen sind durchschnittlich 35 Gramm Salz pro Kilogramm Wasser zu finden, im Toten Meer hingegen über 300.

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Der Salzgehalt sei womöglich vergleichbar mit dem des Sees unter dem Taylorgletscher in der Antarktis. Allerdings sei dieser See mit einem salzreichen Grundwassersystem verbunden, das aus uraltem Meerwasser stammt. Damit gebe es dort kein geschlossenes Ökosystem.

Auch die Unter-Eis-Seen auf Grönland seien meist nicht abgeschottet, würden sie doch durch Schmelzwasser gespeist. Das Salz in T1 und T2 stammt sehr wahrscheinlich aus dem umgebenden Gebirge, das größere Mengen Steinsalz enthält.

"Wenn Leben in diesen Seen existiert, könnte es sich isoliert entwickelt haben, da das Gebiet seit mindestens 120.000 Jahren von Gletschereis bedeckt ist", betonen die Forscher. Dies würde auch Anlass zur Hoffnung geben, eines Tages womöglich auch unter dem Eis des Jupitermondes Europa oder dem Eis der Polarkappen auf dem Mars Lebewesen finden zu können.

Stefan Parsch, dpa/chs



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