Entdeckung in der Anthropologie  Kapuzineraffen stellen Faustkeile her

Bislang galt: Nur Menschen können Faustkeile herstellen. Forscher haben jetzt aber auch Kapuzineraffen dabei beobachtet. Nun nehmen sie an, dass Teile der Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden müssen.

Ein Kapuzineraffe hämmert im brasilianischen Serra da Capivara Nationalpark.
T. Falótico

Ein Kapuzineraffe hämmert im brasilianischen Serra da Capivara Nationalpark.


Der schaffende Mensch, Homo Faber genannt, war dem Schriftsteller Max Frisch einen ganzen Roman wert: Ein Ingenieur ist hier der Anti-Held, dessen rational-technisches Weltbild im Verlauf der Handlung zunehmend zerbricht.

Heute ist der Begriff Homo Faber in der Anthropologie zwar etwas außer Mode. Doch das Schaffen von Werkzeugen gilt noch immer als Kriterium, um festzustellen, ob ein Lebewesen zur Gruppe der Hominini gehört. Das ist jener Stamm der Menschenaffen, zu denen der Mensch (neben Australopithecus und Paranthropus) gehört. Schimpansen und Gorillas, unsere nächsten lebenden Verwandten, zählen nicht dazu.

Doch nun gerät dieses Kriterium ins Wanken. Denn nicht nur die Hominini können Steinwerkzeuge nach einem immer gleichen Muster herstellen, sondern auch Kapuzineraffen. Das berichten britische Forscher im Fachblatt "Nature". Kapuzineraffen sind als sogenannte Neuweltaffen nur sehr entfernt mit den Hominini verwandt.

Systematisch zersplittert zu Faustkeilen

Eine Gruppe um den Archäologen Tomos Proffitt hat die Affen im brasilianischen Serra da Capivara Nationalpark beobachtet, wie sie immer wieder mit Steinen auf Steine schlagen. Dabei splittern sie nach einem bestimmten Muster einzelne Teile von den Steinen ab, bis spitze Formen entstehen, die wie Faustkeile aussehen.

Die Steine erfüllen alle Kriterien für Werkzeug der Hominini aus der frühen Steinzeit: Sie sind durch wiederholtes und kontrolliertes Splittern entstanden, sie haben scharfe Kanten und es liegen bestimmte Muster vor.

Damit stellen die Kapuzineraffen eine wichtige Annahme der Anthropologie in Frage. Bislang galt: Überall, wo ähnlich zugehauene Steinwerkzeuge liegen, lebten Menschen oder andere Hominini.

Proffitt und seine Kollegen fordern nun, dass diese Funde noch einmal überprüft werden - vor allem in Gegenden, in denen sich nach bisherigen Annahmen die Lebensräume von Hominini und Kapuzineraffen überschnitten. Die Forscher glauben, dass möglicherweise Teile der Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden müssen.

Die Affen lecken die Steine ab

Die Entdeckung der steinbearbeitenden Kapuzineraffen ist zudem kurios: Die Affen stellen zwar Werkzeug her, benutzen es aber nicht wirklich. "Sie wurden nicht dabei beobachtet, wie sie mit den scharfen Kanten schneiden oder kratzen", konstatieren die Forscher in der Studie.

Stattdessen zertrümmern sie die Steine, um Mineralien oder Flechten aus ihnen zu lecken. Die Wissenschaftler stellten 111 Steinartefakte für weitere Untersuchungen sicher.

Schimpansen nutzen Werkzeug, stellen es aber nicht her

Affen und Werkzeuge, war da nicht schon mal was? Richtig! Es ist schon länger bekannt, dass auch Schimpansen Steine als Werkzeuge einsetzen. Dabei gibt es sogar kulturelle Unterschiede zwischen einzelnen Clans: Die eine Gruppe nutzt über mehrere Generationen hinweg Steine als Hammer, eine andere Gruppe hämmert mit Baumwurzeln - obwohl beide in einer ähnlichen Umgebung die gleiche Sorte Nüsse knacken wollen.

Der Unterschied zu den Kapuzineraffen: Die Schimpansen bearbeiten die Steine nicht, sondern verwenden sie so wie sie in der Natur vorkommen. Wenn etwas splittert, dann passiert das eher zufällig.

Mit ihrem kontrollierten Klopfen kommen die Kapuzineraffen menschlichem Steinwerkzeug sehr nahe. Es ist allerdings eine Frage der philosophischen Anthropologie, ob ein bearbeiteter Stein überhaupt ein Werkzeug ist, wenn mit ihm nicht geschnitten oder gekratzt wird. Ist ein Stück Holz mit Metall erst dann ein Hammer, wenn mit ihm gehämmert wird? Davon hängt nicht zuletzt die Antwort auf die Frage ab, wie ähnlich ein Kapuzineraffe dem Homo Faber ist.

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