Kasachstan Forscher rätseln über Massensterben bei Antilopen

Die Seuche wütete drei Wochen, dann waren mehr als 200.000 Saiga-Antilopen tot. Bisher dachte man, sie starben an einer Infektion mit Bakterien. Nun glauben Forscher, es müsse noch andere Gründe geben.

DPA/ Joint saiga health monitoring team in Kazakhstan

Den Saiga-Antilopen geht es nicht besonders gut. Ihre Bestände sind durch Wilderei bedroht, ihr Lebensraum in Mittelasien wird von Nutztieren besetzt. Immer wieder kommt es außerdem zum Ausbruch von Seuchen, bei denen Hunderttausende Tiere sterben. 2015 etwa waren mehr als 200.000 Saiga-Antilopen innerhalb von nur drei Wochen in der zentralkasachischen Steppe verendet.

Ursache war damals der Ausbruch einer Tierseuche, der sogenannten Hämorrhagischen Septikämie, die von einem Bakterium ausgelöst wird. Allerdings fanden Experten das Bakterium auch bei gesunden Tieren. Sie vermuteten daher, dass der Erreger nicht allein für das Massensterben verantwortlich sein kann.

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Ein internationales Forscherteam hat deshalb den Einfluss verschiedener Umweltfaktoren bei verheerenden Massensterben genauer geprüft. Demnach haben eine hohe Luftfeuchtigkeit und hohe Temperaturen dazu beigetragen, dass die Tiere verendeten, wie die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift "Science Advances" schreiben.

Einige der Forscher um Richard Kock vom Royal Veterinary College in London waren bei dem Ausbruch 2015 vor Ort und nahmen Proben sterbender und verendeter Tiere. Sie fanden heraus, dass in den Tagen vor dem Ausbruch eine ungewöhnlich hohe Luftfeuchtigkeit sowie hohe Temperaturen geherrscht hatten. Auch bei zwei weiteren Ausbrüchen 1981 und 1988 hatte es ähnliche Wetteranomalien gegeben. Es sei bekannt, dass solche Faktoren die Tierseuche begünstigen. Wie genau, müsse weiter untersucht werden.

Saiga-Antilopen kommen in zwei Unterarten nur noch in Russland, Kasachstan und der Mongolei in größeren Populationen vor. Noch bis in die Siebzigerjahre lebten etwa eine Million von ihnen in Kasachstan, sagt Steffen Zuther von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, der an der Studie mitgearbeitet hat.

Unter anderem der Zusammenbruch der Sowjetunion habe dann zu einer starken Zunahme der Wilderei geführt. Die Tiere mit der auffälligen, rüsselartigen Nase wurden wegen ihres Fleisches und wegen ihrer Hörner gejagt, die in der traditionellen chinesischen Medizin Verwendung finden. Die Bestände schrumpften derart, dass die Saiga-Antilope 2002 als "vom Aussterben bedroht" in die Rote Liste der Weltnaturschutzunion IUCN aufgenommen wurde.

Die Vergangenheit habe außerdem gezeigt, dass die Tiere für Massensterbe-Ereignisse anfällig seien. Um ihr Überleben sicherzustellen, müssten die Bestände geschützt und die Wilderei stärker bekämpft werden, fordern die Wissenschaftler.

Der Zusammenhang mit hoher Luftfeuchte und Temperatur sei vor allem angesichts der prognostizierten Veränderungen infolge des Klimawandels besorgniserregend. Es gebe bereits Hinweise, dass die Temperaturen im Lebensraum der Antilopen ansteigen. Außerdem gebe es Hinweise auf häufigere Frühjahrs-Regenfälle im Norden Kasachstans seit 1980, die einen Anstieg der Luftfeuchtigkeit zur Folge hatten.

von Anja Garms/dpa/koe



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