Kastration ohne Betäubung Das Leiden der kleinen Eber

Fleisch von Ebern kann unangenehm riechen - deshalb werden männliche Ferkel kurz nach der Geburt kastriert, ohne Betäubung. Das soll sich ändern, aber machen die Verbraucher mit?

Ferkel in einer Schweinezuchtanlage in Mecklenburg-Vorpommern.
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Ferkel in einer Schweinezuchtanlage in Mecklenburg-Vorpommern.


Es besteht die Möglichkeit, dass wegen eines Hormons das Fleisch männlicher Schweine beim Erhitzen für einige Menschen unangenehm riecht. Um auf Nummer sicher zu gehen, werden den Ferkeln schon wenige Tage nach der Geburt die Hoden abgeschnitten.

"Die Entfernung der Hoden ist die beste Methode, um den Ebergeruch zu vermeiden", sagt Tiermediziner Thomas Blaha, der bis 2015 die Außenstelle für Epidemiologie der Tierärztlichen Hochschule Hannover in Bakum bei Vechta leitete und Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz ist.

Das Problem: Die Hoden wurden bislang meist ohne vorhergehende Betäubung entfernt. Diese Praxis sei Jahrhunderte alt, sagt Blaha. Mit modernen Vorstellungen von Tierschutz ist dies allerdings nicht zu vereinbaren. Und daher verbietet der Gesetzgeber in Deutschland ab 2019, dass Ferkel ohne Betäubung kastriert werden dürfen.

Einige Lebensmittelhändler sind vorgeprescht. Beispiel: Aldi Nord und Aldi Süd wollen ab 2017 kein Fleisch von kastrierten Schweinen mehr verkaufen. Rewe will von Januar an unter den Eigenmarken kein Frischfleisch verkaufen, das von betäubungslos kastrierten Schweinen stammt.

Landwirte und Schlachthöfe müssen also reagieren. Diskutiert werden Alternativen zur betäubungslosen Kastration seit 2008.

Das Landwirtschaftsministerium in Berlin hält drei Alternativen für erlaubt: Die Betäubung vor der Kastration, die Mast unkastrierter Jungeber und die Impfung mit einem Antikörper, der die Hormonproduktion und damit Geruchsauffälligkeiten unterbinden soll, die so genannte Immunokastration.

All dies bedeutet Veränderungen für die Landwirte. Die Betäubung ist aufwendig und mit Mehrkosten verbunden. "Ich kann mir bei kleineren Betrieben vorstellen, dass das ein Weg ist", sagt Tiermedizinerin Elisabeth große Beilage von der Tierärztlichen Hochschule Hannover.

Bei der Jungebermast werden die männlichen Schweine von den Säuen getrennt gehalten. Eber seien aber lebhafter als Säue, erklärt Blaha. "Sie prügeln sich, es gibt Rangkämpfe mit der Auswirkung, dass insbesondere die schwächeren Tiere von den ranghöheren gnadenlos malträtiert werden."

Die Landwirte müssen sich also auf die Eber einstellen, ihnen mehr Beschäftigung geben und die Tiere vor allem besser beobachten. Bei Rangkämpfen verletzte Tiere müssen aus der Gruppe herausgenommen werden.

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Einige Landwirte schaffen das, aber, so befürchtet Blaha, viele Bauern dürften überfordert sein. Er sieht die Gefahr, dass der Anteil verletzter Tiere bei der Ebermast steigt.

Blaha und die deutsche Tierärzteschaft sehen die Immunokastration als besten Weg. Es sei das Verfahren, das das Tier am wenigsten verletze und auch den geringsten Gefahren aussetze, sagt der Wissenschaftler und verweist auf Erfahrungen etwa in Australien oder Belgien.

Das Problem ist nur: Die Branche sieht die Immunokastration kritisch. Einer Studie des Qualitätssicherungssystems QS zufolge glaubt die Mehrheit der Verbraucher nicht, dass der Einsatz ohne Rückstände vonstatten geht, sie haben Qualitätsbedenken oder vermuten sogar eine Verschwörung der Fleisch- und Pharmaindustrie.

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Der Schlachtkonzern Vion habe Abnehmer für das Fleisch von betäubt kastrierten Schweinen und von Jungebern, aber keinen Kunden, der die Immunokastration wolle, sagt Heinz Schweer, Direktor Landwirtschaft bei dem Schlachtunternehmen.

Auch der mittelständische Schlachthof Böseler Goldschmaus aus dem oldenburgischen Garrel bestätigt dies: "Wir müssen uns danach richten, was unsere Kunden haben wollen", sagt Sprecher Gerald Otto.

Aber auch die Vermarktung von nicht geimpften Ebern ist schwierig. Derzeit nehmen nur die großen Schlachtkonzerne Tönnies, Vion und Westfleisch Jungeber ab. Kleinere und mittelgroße Schlachter wollen das Fleisch nicht, weil Eber bei der Schlachtung mehr Aufwand bedeuten.

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Bis zu fünf Prozent der Eber können geruchsauffällig sein. Um diese herauszufiltern, müssen geschulte Mitarbeiter mit feinen Näschen an der Schlachtlinie stehen und die "Stinker" erkennen.

Im Moment ist die Lage für Landwirte und Schlachter unübersichtlich, auch weil Handel und Weiterverarbeiter uneins sind, wie mit den Ebern verfahren werden soll: Aldi will nur noch Eberfleisch - einzige Ausnahme ist Bio-Fleisch. Viele Wursthersteller und Metzger hingegen wollen kein Eberfleisch.

Auch für den Export ist Eberfleisch eher schlecht: In Südeuropa und Asien reagierten die Kunden sensibel auf die "Stinker", sagen Schweer und Otto. Andererseits werden in Großbritannien traditionell nur Eber gemästet.

Tiermediziner Blaha kritisiert Landwirte, Schlachter und Handel. Die Branche habe eine Chance vertan, Einigkeit zu zeigen und Ängsten von Verbrauchern entgegenzuwirken: "Alle scheinbaren Schwierigkeiten haben nichts mit dem Tierschutz und nichts mit der Lebensmittelsicherheit zu tun, sondern nur damit, dass einzelne Interessengruppen Ängste schüren, damit sie nichts ändern müssen - das Tier spielt bei diesem ganzen Gezerre um Interessen keine Rolle."

Von Elmar Stephan, dpa/boj

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hd1 29.12.2016
1. Damals in Neuseeland..
Ich war vor Jahren über Weihnachten in Neuseeland. Dort gibt es wohl auch Eberfleisch. Es können aber wohl nicht alle diesen Geruch riechen. Als wir auf einem Weiohnachtsmarkt? waren, lag da so eine Geruchsglocke, als wenn man in ein Lagerfeuer pinkelt, über dem Markt. Später wurde dann noch bacon in der Küche gebraten. Ich habe dann das Haus verlassen, weil mir übel wurde. Gegessen habe ich das bacon aber doch. So ein Fleisch kann man doch nicht verkaufen.
midnightswim 29.12.2016
2. Eigentlich ist es mir fast egal
wiie Eber kastriert werden. Die Tiere haben in den Fleischfabriken noch viel mehr auszustehen als nur den Wegschnitt der Hoden. Artgerecht ist das keinesfalls. Wenn es um die Lebensumstände von Tieren geht, dann darf es nicht nur Symbolpolitik geben. Hier sind die Menschen gefordert aber auch der Minister. Schade ist dabei, dass er Fleischesser vor den Vegetariern schützen will, aber nicht die Tiere vor fehlender Moral. so lange aber Kinderschokolade mehr Kosten darf als das Abendessen, erwarte ich leider kein Umdenken. (Und im Übrigen, ich bin kein Vegetarier, bevor hier die Beschimpfungen wieder losgehen.)
Knossos 29.12.2016
3. Genau
das sticht aus der Beschreibung im Artikel auch heraus: "Alle scheinbaren Schwierigkeiten haben nichts mit dem Tierschutz und nichts mit der Lebensmittelsicherheit zu tun, sondern nur damit, dass einzelne Interessengruppen Ängste schüren, damit sie nichts ändern müssen - das Tier spielt bei diesem ganzen Gezerre um Interessen keine Rolle." Erwähnte Mäckligkeiten, sind vor der Tatsache betäubungsloser Kastration derart nichtig, daß sie reine Fahrlässigkeit darstellen. Fahrlässigkeit, die ausschließlich zustande kommt, weil man das fürchterliche Erlebnis der Tiere nicht selbst durchleben muß. Eine primitive Geistehaltung, die des Menschen unwürdig und artfremd ist. Und womit sich jene in der Industrie, die wegen evtl. ein paar Cent weniger Gewinns solches Leid vertreten, allenfalls zahnloser Protest von Tierschützern zustünde, wenn ihnen hypothetisch die Kastrationsschere ohne Betäubung angelegt würde.
30-06 29.12.2016
4. Das Problem: Die Hoden wurden bislang meist ohne vorhergehende Betäubung entfernt
Ist keines wenn man weiss wie. Als Tierhalter und Absolvent einer Landwirtschaftlichen Hochschule habe ich zwar keine hunderte, aber an die hundert Ferkel kastriert. Wenn richtig gemacht kommt das Ferkel nicht mal zum quieken und die am laengste dauernde Aktion is das Ferkel aufzunehmen und in die richtige Lage fuer den Schnitt zu bringen. Der Schnitt und die Entfernung der Hoden dauert fuer beide zusammen 5 -7 Sekunden, wenn das Ferkel aus dem Griff entlassen wird ist fuer das Tier die Sache schon lange vergessen. Ich finde es absolut widerlich wenn absolute Nichtwisser sich Urteile erlauben - aber das ist ja wohl Standard beim Spiegel.
Knossos 29.12.2016
5.
Zitat von 30-06Ist keines wenn man weiss wie. Als Tierhalter und Absolvent einer Landwirtschaftlichen Hochschule habe ich zwar keine hunderte, aber an die hundert Ferkel kastriert. Wenn richtig gemacht kommt das Ferkel nicht mal zum quieken und die am laengste dauernde Aktion is das Ferkel aufzunehmen und in die richtige Lage fuer den Schnitt zu bringen. Der Schnitt und die Entfernung der Hoden dauert fuer beide zusammen 5 -7 Sekunden, wenn das Ferkel aus dem Griff entlassen wird ist fuer das Tier die Sache schon lange vergessen. Ich finde es absolut widerlich wenn absolute Nichtwisser sich Urteile erlauben - aber das ist ja wohl Standard beim Spiegel.
Als Nichtwisser nehmen doch eher Sie sich aus, der keinen Schimmer davon zu haben scheint, daß Tiere über ein vom Menschen vorstellbares Maß hinaus Anzeichen von Schmerz unterdrücken. Ein Erbe aus der freien Wildbahn, wo Merkmale der Verletzung oder Krankheit von Freßfeinden schon aus der Ferne ausgemacht werden. Wegen der oberflächlichen Erscheinung, fidel aus der Kastration entlassener Ferkel, anzunehmen, daß die Tiere beim Entfernen ihrer Hoden keinen Schmerz empfänden, entspricht simpler Attitüde, sich die Welt paßgerecht zurechtzurücken. Schweine haben an den entsprechenden Stellen ebensolche neuralen Sensoren wie der Mensch, und werden kaum etwas Anderes empfinden, als wenn unsereines die Prozedur widerführe. Daß die Tiere auch gleich noch nach dem Schnitt längst wieder vergessen hätten, was ihnen widerfahren ist: Für solche Interpretation muß man nicht nur ahnungslos, sondern schon vorsätzlich ignorant sein. Gern wohl auch berufsmäßig. Ganz so wie Humanmediziner bis vor über 100 Jahren, welche Kleinkinder ohne Betäubung operierten, weil für sie feststand, daß sich in dem Alter noch kein Nervensystem ausgebildet hätte.
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