Knochensplitter

Artensterben Kein Neustart nach dem Massentod

Dicynodon am Ende des Perm: Jede Menge Raum, aber trübe Aussichten Zur Großansicht
Marlene Donnelly/ Field Museum of Natural History

Dicynodon am Ende des Perm: Jede Menge Raum, aber trübe Aussichten

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Ein großes Artensterben schafft Raum für neues Leben - dachte man bisher. Jetzt aber zeigt eine Studie, dass es auch anders laufen kann. Eine beunruhigende Nachricht, denn immer mehr deutet darauf hin, dass die Erde gerade einen weiteren Massentod erlebt.

Nach Berechnungen des World Wide Fund For Nature (WWF) sterben zurzeit zwischen drei und 130 Arten aus - und zwar jeden Tag. Solche Schätzungen sind stark umstritten. Kaum wegzudiskutieren scheint aber, dass die Erde mitten in einem massiven Artensterben steckt.

Zuletzt ist das vor 65 Millionen Jahren geschehen, als der Einschlag eines Asteroiden wahrscheinlich das große Sterben der Dinosaurier auslöste. Zuvor hatte es bereits fünf Massentod-Ereignisse gegeben, bei denen jeweils mehr als die Hälfte des Lebens vernichtet wurde. Als Ursachen hat man pyroklastischen Vulkanismus im Verdacht, durch Kontinentalverschiebungen verursachte Klimaveränderungen, Gammablitze von Supernovae oder weitere Asteroiden-Einschläge.

Eine paläontologische Studie kommt nun zu einem beunruhigenden Ergebnis: Sie stellt in Frage, ob das Leben wirklich grundsätzlich die Kraft hat, sich nach Katastrophen neuen Bedingungen anzupassen. Zwar sei das meistens so, schreibt das internationale Team um Marcello Ruta von der Lincoln University im Fachblatt "Proceedings B" der britischen Royal Society. Aber ein "Gesetz" könne man daraus keineswegs ableiten. Das Vertrauen in die Regenerationsfähigkeit des Lebens ist demnach übertrieben: Was passiert, wenn ein Artensterben die Karten neu mischt, ist unberechenbar.

Dass das meist anders gesehen wird, ist nicht verwunderlich. Wie schnell bei einer Veränderung der Lebensbedingungen neue Arten entstehen können, erkannte schon Charles Darwin anhand der nach ihm benannten Finken, die ihm die Beweise für seine Evolutionstheorie lieferten. Und auch in Fossilien stecken zahlreiche Beweise für die Annahme, dass nach einer Katastrophe neue Arten entstehen und die Populationen sich erholen.

Keine Garantie für einen neuen Anfang

Doch vor rund 250 Millionen Jahren, an der Schwelle zwischen Perm und Trias, lief das für eine der vermeintlich stärksten Tiergruppen anders, berichten nun Ruta und seine Kollegen. Das Perm war die Hochzeit der sogenannten Synapsida - Reptilien, die als Vorfahren der Säuger gesehen werden. Die säugetierähnlichsten unter unter ihnen waren die Therapsida, und die größte Gruppe unter ihnen wiederum die Anomodontia. Sie waren die häufigsten und artreichsten Pflanzenfresser des Perm.

Die Giganten unter ihnen waren wahrscheinlich vier Meter lang und brachten mehrere Tonnen auf die Waage, die kleinsten maßen nur 30 Zentimeter. Es gab Anomodontia, die wohl in Herden weidend durch das Perm zogen und solche, die ähnlich wie Nilpferde halb aquatisch lebten. Manche tummelten sich in den Ästen der Bäume, andere hausten wie Dachse in Erdbauten.

Das beschreibt eine Vielfalt der Arten und Lebensweisen, wie sie heute nur von Säugetieren erreicht wird. Anomodontia gab es in allen denkbaren Varianten, mit zeitweilig höchst unterschiedlichen Merkmalen. Das seltsame daran ist nur, dass diese Vielfalt in ihrer Geschichte nicht zu-, sondern ab einem bestimmten Punkt einfach abgenommen hat.

Ein Neustart sieht anders aus: Nach der Katastrophe Ende des Perm (rote Linie) steigt zwar die Zahl der Anomodontia-Arten (orange) wieder, die Vielfalt der Formen nimmt jedoch weiter ab (grüne Punkte) Zur Großansicht
Suminia, Diane Scott and Robert Reisz (University of Toronto/ Compsodon, Lystrosaurus and Kannemeyeria/ Kenneth Angielczyk/ Field Museum of Natural History, Chicago

Ein Neustart sieht anders aus: Nach der Katastrophe Ende des Perm (rote Linie) steigt zwar die Zahl der Anomodontia-Arten (orange) wieder, die Vielfalt der Formen nimmt jedoch weiter ab (grüne Punkte)

Schon nach dem frühen Perm war die Vielfalt kontinuierlich zurückgegangen. Mit Konkurrenz und Verdrängung hatte das offenbar nichts zu tun. Dieser Trend, zeigt die Studie von Ruta und seinen Kollegen, hielt aber auch nach dem katastrophalen Massensterben am Ende des Perm an - obwohl einige Arten der Anomodontia dieses überlebten. Raum genug für eine erneute Entfaltung wäre nun also dagewesen: Geschätzte 70 Prozent der Lebewesen an Land hatte die mysteriöse Katastrophe hinweggefegt, dazu etwa 95 Prozent aller Spezies in den Meeren. Es war das größte Massenaussterben der Erdgeschichte.

Zeitweilig fehlten den Anomodontia nun sogar die großen Fressfeinde, doch sie erholten sich trotzdem nicht. Zwar nahm die Zahl ihrer Arten wieder zu, aber die waren sich immer ähnlicher. Bei steigender Populations- und Artenzahl schwand die Vielfalt innerhalb der Gruppe. Am Ende der Trias, am Übergang zum Jura, waren sie komplett verschwunden.

Prähistorischer Fall mit aktueller Moral

Was den Tieren überhaupt nicht gelang: Sie konnten durch die Besetzung neuer ökologischer Nischen keine neuen Merkmale ausprägen. Anomodontia blieben bei den alten Bauplänen ihrer Arten, die übrig geblieben waren. Spezies scheinen also zu nicht zu jedem Zeitpunkt ihrer Existenz in der Lage zu sein, zum Ausgangspunkt für neue Vielfalt zu werden, nur weil sich neue Bedingungen ergeben.

Als Ursache vermuten Ruta und seine Mitautoren bei den Anomodontia einen genetischen Flaschenhals durch das Aussterben vieler Arten und den massiven Rückgang der Populationen am Ende des Perm. Der habe sich bei diesen Tieren als nachteilig für Artbildung und Anpassung erwiesen.

Für die Forscher haben diese Ergebnisse eine Art Moral. "Die Ergebnisse unterstreichen, dass die Erholung von Massenaussterbe-Ereignissen unvorhersehbar sein kann", sagt Michael Benton von der britischen Bristol University, einer der Autoren der Studie. Dieses Ergebnis habe "wichtige Implikationen" für das Massensterben, dass zurzeit weltweit durch menschliche Aktivität verursacht wird. "Wir können nicht einfach davon ausgehen, dass sich das Leben von solchen Störungen wieder erholt."

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inyofa 14.08.2013
strixaluco 14.08.2013
Vincent1982 14.08.2013
Layer_8 14.08.2013
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Zum Autor
  • Frank Patalong ist seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE, bis 2011 als Leiter des Ressorts Netzwelt. Fossilien seiner Arbeit finden sich aber auch in den Archiven der Wissenschaft, Kultur, Politik und anderer Ressorts, denen er heute als Autor zuarbeitet. An der Paläontologie fasziniert ihn, wie sie über den Umweg der Popkultur Interesse an wissenschaftlichen Themen weckt und wach hält.
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