Kenia Feinde der Elefanten

Sie galten schon fast als gerettet. Doch jetzt wird wieder Jagd auf Kenias Elefanten gemacht. Tierschützer sind verzweifelt. Allein in diesem Jahr wurden 14 Tiere im berühmten Amboseli-Nationalpark mit Speeren angegriffen. Vier starben bereits.

Von Thilo Thielke, Nairobi


Soila Sayialel ist eine couragierte Frau, die in ihrem harten, beruflichen Leben einiges erlebt hat. Kürzlich wurde sie vom Kenya Wildlife Service (KWS), der staatlichen kenianischen Tierschutzbehörde, zum Ehren-Wildhüter ernannt: eine Anerkennung für 20 Jahre, die sie nun bereits für die Elefantenfreunde vom "Amboseli Trust For Elephants" tätig ist, eine international hochgelobte Tierschützertruppe um die Amerikanerin Cynthia Moss.

Als die Kenianerin Soila Sayialel 1986 hier mit ihrer Arbeit begann, standen Kenias Elefanten vor dem Exitus. Durch das ganze, weite Land zogen schwerbewaffnete Banden von Wilderern und legten auf die Dickhäuter an, und nicht selten machten sie gemeinsame Sache mit Kumpanen in den staatlichen Behörden, die in diesen Massenmord tief verstrickt waren.

Es dauerte einige Jahre, bis dem Elefantensterben ein Ende gesetzt werden konnte, und sich die Population langsam wieder erholte. Umso schockierender liest sich deshalb die E-Mail, die die Elefantenschützerin Soila Sayialel kürzlich an Freunde und Kollegen verschickte, sie war sehr persönlich gehalten, und sie war ein einziger Alarmruf, ein verzweifelter Appell. "Wir brauchen eure Hilfe, wir können das alles nicht mehr ertragen", schrieb die Projektmanagerin des "Amboseli Elephant Research Project" (AERP), "es schmerzt, es verletzt, es ist traurig, und es ist schwer zu begreifen, wie die Zukunft der Amboseli-Elefanten aussehen soll."

Kenia fällt in die finstersten Zeiten der Wilderei zurück

Allein im Januar und Februar 2008, den beiden Monaten also, als die politischen und ethnischen Unruhen in Kenia ausbrachen, seien in der Amboseli-Region vierzehn Elefanten mit Speeren angegriffen worden, und von diesen vierzehn seien vier bereits tot. Was von vielen befürchtet worden war, ist also eingetreten. Der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung und das plötzlich durch ausbleibende Touristen fehlende Geld im Tierschutz hatten Kenia wieder zurückgeworfen in die finstersten Zeiten der Wilderei.

Amboseli, obgleich mit 392 Quadratkilometern Größe vergleichsweise klein, gehört neben Tsavo und Nakuru oder Meru zu den berühmtesten kenianischen Nationalparks. Er ist von der rund 240 Kilometer entfernten Hauptstadt Nairobi aus mit dem Auto in ungefähr vier Stunden bequem zu erreichen und grenzt direkt an Tansania. Wenn der Himmel nicht gerade wolkenverhangen ist, hat man von hier einen traumhaften Blick auf Afrikas höchsten Berg: den 5895 Meter hohen Kilimandscharo mit seinem ewigen Eis. Vor dem Kilimandscharo grasende Elefantenherden gehören wohl zu den berühmtesten afrikanischen Fotomotiven.

Das Amboseli-Tierschutzgebiet hat eine lange Geschichte. Einst gehörte der Park zum gewaltigen, 1899 von den britischen Kolonialisten geschaffenen "Southern Game Reserve", in welchem die Massai Mara, Amboseli und Tsavo-West vereinigt waren. 1948 wurde daraus das "Masai Amboseli Game Reserve", das 1961 unter die direkte Verwaltung durch die Massai, in deren Siedlungsgebiet es liegt, gestellt wurde. 1974 wurde Amboseli allerdings wieder unter staatliche Kontrolle gestellt. Die neue kenianische Regierung fürchtete wohl, die Massai könnten das Gebiet zu stark überweisen und dadurch Tiere und zahlungskräftige Touristen verprellen.

Kenias Wildlife für ein paar Wählerstimmen?

Ins Gerede kam der Amboseli Nationalpark jüngst, als die kenianische Regierung vor einigen Jahren erwog, sie den Massai zurückzugeben. Es war der verzweifelte Versuch von Präsident Mwai Kibaki gewesen, Stimmen für das Referendum um die neue Verfassung zu gewinnen: Sollten die Massai Amboseli als Geldquelle zurückbekommen, könnten sie für die umstrittene Verfassungsänderung stimmen. Doch Kibakis zynisches Kalkül, Kenias Wildlife für ein paar Wählerstimmen zu verkaufen, ging damals nicht auf.

Tierschutzorganisationen wie die "East African Wildlife Society", die "Born Free Foundation" oder der "David Sheldrick Wildlife Trust" protestierten heftig, gegen die Pläne der Regierung. Sie befürchteten, die Massai würden Amboseli wieder als Weideland nutzen (was in einem Nationalpark verboten ist) und damit die Elefanten in andere Gebiete treiben, wo sie Konflikte mit den Bauern provozieren würden.

Denn berühmt war Amboseli immer schon vor allem für seine Elefantenherden, die von Wasserloch zu Wasserloch durch das satte Grün des Parks ziehen. Noch immer sollen über 1500 Elefanten im Amboseli-Ökosystem leben. Der kleine Park selbst macht allerdings weniger als zehn Prozent dieses vier- bis fünftausend Quadratkilometer großen Ökosystems aus: Elefanten legen gewöhnlich weite Wege zurück, ziehen zum Fressen von Tansania in den Amboseli-Nationalpark herüber und wieder zurück. Keine Zäune halten sie auf, denn anders als in dem meisten Ländern des südlichen Afrikas sind in Kenia die Nationalparks nicht eingefriedet. Ein Paradies, wenn die Probleme mit der Wilderei nicht wären.

Dabei sind die Probleme mit den Elefanten vielfältig. Während der schlimmsten Jahre der Wilderei zogen sich viele Elefanten in unzugängliche Gebiet zurück, wo sie den Gemetzeln ausweichen konnten. In den ehemaligen Lebensräumen der Elefanten siedelten nun Menschen und bauten Mais oder Getreide an. Seit die kenianische Regierung mit Hilfe des damaligen KWS-Direktors Richard Leakey aber zu Beginn der neunziger Jahre das Morden halbwegs stoppen konnte, kehren immer mehr Elefanten aus ihren Verstecken zurück und treffen nun in zunehmendem Maße auf Bauern, die auf den alten Elefantenrouten nun Felder angelegt haben.

Immer stärken drängen Massai in die Nationalparks

Auch die Umgebung des Amboseli-Nationalparks wird immer dichter bebaut. So berichtet die Tierschutzorganisation "Wildlife Direct", die einst von Richard Leakey ins Leben gerufen wurde: "Das Ökosystem gerät unter heftigen Druck durch Aufteilung des Lands, das den Park umgibt - dieses wird in steigendem Maß von privaten Geschäftsleuten aufgekauft, die dort Landwirtschaft betreiben oder edle Lodges für Touristen errichten. Einheimische Politiker und Massai-Krieger, die Jobs benötigen, unterstützen diese Tendenz."

Man kann es verstehen: Eine Bevölkerung, die immer mehr verelendet und von den Tourismus-Einnahmen, die überwiegend in die Taschen korrupter Politiker fließen, so gut wie nicht profitiert, schaut sehnsüchtig hinüber auf das fruchtbare Land, in welchem Kenias Wildtiere grasen. Immer stärker drängen deshalb Massai mit ihren Herden in die Nationalparks, wo das Gras hoch steht und die Wasserlöcher teilweise sogar künstlich angelegt sind. Sie sehen die wohlhabenden Reisenden mit ihren Louis-Vuitton-Täschchen und den teuren Fotoapparaten. Sie sehen, wie sie selber darben, wie die Preise für Lebensmittel in immer absurdere Höhen steigen, und sie sollen tatenlos zusehen, wie ihnen die Löwen die Rinder reißen und die Elefanten den Mais zertrampeln.

Der Tierschutz in Kenia könnte hervorragend funktionieren, wenn die betroffene Bevölkerung an den vielen Safari-Touristen mitverdienen würde. Doch oft werden selbst Kenianer, die ganz konkret unter den Wildtieren leiden, nicht entschädigt. So soll im vergangenen Jahr eine Frau in der Nähe des Amboseli-Parks von einem Elefanten getötet worden sein, ihre Angehörigen bekamen keinen einzigen Kenia-Schilling vom KWS zu sehen.

Möglicherweise sind es enttäuschte Massai, die derzeit Jagd auf Amboselis Elefanten machen. "Die Community will mehr Aufmerksamkeit vom Kenya Wildlife Service", sagt Soila Sayialel. Doch Kenias Elefanten haben derzeit viele Feinde. "Die Gründe für die Speerangriffe auf Elefanten sind vielfältig", schreiben die Aktivisten von "Wildlife Direct", "sie reichen von Rache, politischem Protest, dem eigenen Schutz oder dem Schutz der Ernte, Kriminalität bis zur Elfenbeinwilderei."



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