Kieferlose Wirbeltiere Gruselkabinett der Evolution

Der Kiefer gibt dem Gesicht seine Kontur. Doch nicht alle Lebewesen haben einen, Wirbeltiere immerhin seit mehr als 400 Millionen Jahren. Nun haben Forscher das Rätsel gelöst, wie der Kiefer entstand.

Vincent Dupret

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Ein Kiefer ist praktisch, aber es geht prinzipiell auch ohne. Frühe Wirbeltiere hatten keinen, und wenn das so geblieben wäre, säße unsere Nase heute wohl hoch zwischen den Augen. In der Mitte ein einziges großes Nasenloch, drum herum eine große Lippe. Nicht schön, aber durchaus funktional - je nachdem, wie und wovon man sich ernährt.

Zu unserem Glück haben sich in der Evolution der Wirbeltiere die Kiefer durchgesetzt, das oben beschriebene Gruselkabinett blieb uns erspart. Wie der Kiefer entstand, haben schwedische und französische Evolutionsbiologen um Per Ahlberg nun untersucht. Im Fachmagazin "Nature" veröffentlichten sie ihre Erkenntnisse.

Also: Warum sehen wir aus, wie wir aussehen? Die Evolution des Gesichtes führt Wissenschaftler durch die Zeit zurück - zu den Panzerfischen. Mit Hochleistungsröntgen untersuchten sie Romundina, einen ihrer frühesten Vertreter.

Panzerfische standen im Devon, das man auch als "Zeitalter der Fische" bezeichnet, ganz oben in der Nahrungskette. Das Festland bevölkerten damals nur Pflanzen. Rund 415 Millionen Jahre ist das her. Und Romundina, einst in der Region des heute arktischen Kanada unterwegs, ist nur noch ein Fossil, gelagert im französischen Nationalmuseum in Paris.

"Mischung aus primitiven und modernen Zügen"

Lebewesen mit Kiefern stammen von Vorfahren ohne ab. Im Prozess der Kieferausbildung veränderte sich der Aufbau der Schädel, Knochen durchliefen Nutzungsveränderungen. Dabei wurde das Gesicht regelrecht von innen nach außen gekehrt, schreiben die Autoren. Das Gehirn verlängerte sich nach vorn, die Nasensäcke rückten nach unten. Die getrennten Nasenlöcher, wie auch der Mensch sie hat, entstanden, weil sich Gewebe in der Mitte des Gesichts zwischen den Atemkanälen traf. Das ist bei Romundina schon der Fall.

Der Kopf des Untersuchungstieres ist nur zwei Zentimeter groß. Er hat zwei getrennte Nasenlöcher, doch sie sitzen, wie es bei Wirbeltieren ohne Kiefer der Fall war, noch hinter der Oberlippe. Studienmitautor Vincent Dupret sagt: "Dieser Schädel zeigt eine Mischung aus primitiven und modernen Gesichtszügen." Und das macht Romundina so wertvoll für die Wissenschaft: Sie zeige einen Zwischenschritt der Evolution des Gesichts, einen Missing Link, wie Fachleute sagen.

Heute gibt es nur noch zwei Wirbeltiere ohne Kiefer, schreiben die Autoren: Neunaugen und Schleimaale. Ihnen gegenüber stehen mehr als 50.000 Arten mit Kiefer.



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insgesamt 5 Beiträge
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hendiadyoin 13.02.2014
1. Grusel und Monster
Diese Vokabeln passen nicht zu den wissenschaftlichen Befunden, sondern gehören in die Märchenwelt. Es handelt sich bei diesem Fisch um eine sehr spezialisierte Art die vermutlich gerade wegen ihrer Kieferlosigkeit erfolgreich war und sicherlich nicht gruseliger als das größte bekannte Monster – der Mensch. Im Wissenschaftsteil von SPON haben solche Begriffe nichts zu suchen, vielleicht sollte die Autorin zur Sparte Panorama wechseln?!
Layer_8 13.02.2014
2. Danke
Zitat von sysopVincent DupretDer Kiefer gibt dem Gesicht seine Kontur. Doch nicht alle Lebewesen haben einen, Wirbeltiere immerhin seit mehr als 400 Millionen Jahren. Nun haben Forscher das Rätsel gelöst, wie der Kiefer entstand. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/kieferlose-wirbeltiere-gruselkabinett-der-evolution-a-952801.html
"Die getrennten Nasenlöcher, wie auch der Mensch sie hat, entstanden, weil sich Gewebe in der Mitte des Gesichts zwischen den Atemkanälen traf." Jetzt weiß ich endlich, warum wir zwei Nasenlöcher haben. Am Stereo-riechen kanns ja nicht liegen. Schöner Artikel
Yersinia 13.02.2014
3. Artenzahl
Im letzten Absatz klingt es so, als gäbe nur zwei kiefelose Arten: das Neunauge und den Schleimaal. Tatsächlich gibt es insgesamt ca. 100 Arten Neunaugen und Schleimaale. Das sind zwar immer noch deutlich weniger als 50.000, aber mehr als zwei sind es schon. Wenn man dann noch die ganzen kieferlosen "Nicht-Wirbeltiere" dazu zählt, sind die kieferlosen sicher deutlich in der Mehrzahl. Und sie sind sehr gut an ihre kieferlose Existenz angepasst und kommen prima zurecht.
lubinca 13.02.2014
4. Un-glaub-lich
"Lebewesen mit Kiefern stammen von Vorfahren ohne ab." Ach was? "Nun haben Forscher das Rätsel gelöst, wie der Kiefer entstand." Das ist schon deshalb Unfug, weil das schon lange bekannt war. Es geht hier weder um ein Rätsel noch darum "wie der Kiefer entstand", sondern nur um Details der Evolutionsgeschichte. "Dabei wurde das Gesicht regelrecht von innen nach außen gekehrt, schreiben die Autoren." ... Wie wohl etwa jeder andere Biologe in den letzten bald 150 Jahren. ""Dieser Schädel zeigt eine Mischung aus primitiven und modernen Gesichtszügen." Und das macht Romundina so wertvoll für die Wissenschaft" Und genau das ist der Punkt des Nature-Artikels, sonst gar nichts. Die peinliche Überschrift "Gruselkabinett der Evolution" passt nahtlos zum Inhalt. Warum macht Ihr die "Wissenschaftssparte" nicht endlich dicht oder stellt einfach mal ein paar Redakteure ein, die sich zumindest am Rande mit der Materie auskennen? Irgendwie scheinen die Artikel dieser Rubrik von Jahr zu Jahr immer unqualifizierter zu werden.
mat_yes 13.02.2014
5. Schönheit
ist ein subjektiver Eindruck. Wären die Menschen Kieferlos, würden wir uns trotzdem schön finden. Dafür aber Kiefertragende hässlich. Wissenschaftlich ist solch ein Artikel aus meiner Sicht nicht. Wissenschaftler bewerten nicht in dieser Form sondern beschreiben sachlich.
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