Vulkanausbruch auf Hawaii Lavabrocken, schwer wie ein Kühlschrank

Beim jüngsten Ausbruch des Kilauea ist erstmals ein Mensch ernsthaft verletzt worden. Der Mann saß auf seinem Balkon, als ein Stück Lava durch die Luft flog. Für andere geht das Leben mit Vulkan normal weiter.

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Am 3. Oktober war der Vulkan Kilauea auf Hawaiis Big Island ausgebrochen, nun ist erstmals seitdem jemand ernstlich verletzt worden. Am Sonntag saß ein Mann auf seinem Balkon, gab die Polizei Hawaiis bekannt, als ein großes Stück Lava durch die Luft flog, ihn traf und sein Bein zerschmetterte.

Vor solchen Lavabrocken, mahnte der Polizeisprecher, solle man sich in Acht nehmen. Denn die könnten "so schwer wie ein Kühlschrank" sein. Aber auch ein kleines Stück könne einen Menschen schon töten.

Solche Mahnungen sind Teil des ganz normalen Wahnsinns, wenn man in Gegenden lebt, in denen der Untergrund teils aus geschmolzenen Gesteinen besteht und sich spontan Spalten im Boden öffnen können, durch die Lava, giftige Gase und heiße Asche teils unter hohem Druck austreten können. So wie auf Hawaii seit Freitag wieder mit neuer Intensität.

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Kilauea-Ausbruch: Leben mit und trotz Vulkan

Zwei größere Eruptionen gab es seit Wochenmitte, mit explosivem Charakter. Zwei der 22 Spalten, aus denen aktuell Lava austritt, hätten sich vereint, hieß es am Samstagabend. Entsprechend größer sei der Lavafluss, der sich jetzt mit fast 300 Metern pro Stunde dem Meer entgegenwälze.

Auch das ist ein Anlass für aktuelle Warnungen: Ständig geben die Notfallhelfer im Augenblick bekannt, welche Gebiete man unbedingt meiden solle. Es ist fast so etwas wie eine Wettervorhersage der anderen Art, zugleich eindringlich und auf seltsame Weise unaufgeregt: Betroffen sind bisher nur ländliche Regionen.

Doch in einem Umkreis von mehr als 40 Kilometer um den Gipfel sorgt der Kilauea für zunehmendes Chaos. Eine kleine Gemeinde mit rund 40 Häusern und Stallungen ist nun durch Lavaströme vom Rest der Insel abgeschnitten, seit Freitag werden Menschen dort per Helikopter evakuiert. Keine Frage, dass dort nicht nur Besitz, sondern auch Lebensmittelpunkte und -träume verbrennen werden.

Aus neu aufbrechenden Spalten wird Lava teils bis zu 100 Meter hochgeschleudert. Ein ursprünglich kleiner Riss wuchs binnen zwei Tagen zu einem respektablen Nebenkrater heran. Und zwar in der Nähe seines Hauses, berichtet ein Evakuierter.

Lava frisst Straße

Wer sich selbst auf dem Weg aus den Gefahrenzonen mache, warnen die Behörden, solle den Highway 137 meiden. Denn dort entsteht gerade eine neue, definitiv unpassierbare Kreuzung: Der Lavastrom frisst sich durch die Straße. Sollte man unbedingt umfahren.

Knapp zwei Kilometer hat es der größte Lavafluss noch bis zum Meer, und auch das ist nicht ungefährlich. Wenn Lava auf Wasser treffe, mahnt die Hawaii County Civil Defense Agency, entstehe bekanntlich "Laze".

Das verniedlichende Kunstwort, das für Englischsprecher nach gemütlicher Faulenzerei klingt, beschreibt einen mit Druck aufschießenden Nebel aus Salzsäure und mit Glaspartikeln durchsetztem Wasserdampf. Weiter im Inland ist es selbst da sicherer, wo heiße Asche niederzugehen droht. Denn dagegen haben viele Haushalte sowieso Masken im Schrank, die Katastrophenschützer verteilen gerade Nachschub. Für den Dampf, der aus dem Boden steigt, braucht man allerdings Masken anderer Kaliber.

Tatsächlich sind die Hauptgefahr bei einem solchen Ausbruch keineswegs die heißen Lavaströme, sondern die giftigen Gase, die aus plötzlich auftretenden Rissen und Spalten zischen können.

Business as usual, wenn man mit Vulkanen lebt

Geradezu bizarr mutet in diesem Stakkato von Weltuntergangsmeldungen und -warnungen an, dass die Bezirksregierung von Big Island zugleich daran erinnert, dass nicht nur der Flugverkehr von den Aktivitäten des Kilauea bisher nicht betroffen sei, sondern auch der Tourismus. Vom Ausbruch betroffen sei schließlich ein vergleichsweise kleines Gebiet abseits der Urlaubs-Metropolen.

Die Aktivitäten an den Stränden gehen in der Tat völlig normal weiter. Weniger normal wirken die schicken Selfies, die Touristen auf Golfplätzen vor dem Hintergrund aufsteigender Aschewolken von sich knipsen (siehe Fotostrecke).

Willkommen im ganz normalen Wahnsinn einer Region, die zu den vulkanisch aktivsten der Welt zählt. Alle Inseln Hawaiis sind vulkanischen Ursprungs, die Vulkane der Inselgruppe sind die größten der Welt. Die meisten davon sind erloschen, doch die Aktiven gehören eben auch zu den aktivsten Vulkanen der Welt.

Was verursacht den Ausbruch?

Geologen erklären sich das so, dass die Hawaii-Inselgruppe wohl entstand, als sich die pazifische Kontinentalplatte im Laufe ihrer Wanderbewegung langsam über einen stationären, ganz besonders heißen vulkanischen "Hotspot" schob.

Den kann man sich wie eine stets mit frischem, heißen Magma gefüllte Kammer vorstellen, deren Druck sich durch Risse in der Kontinentalplatte immer wieder nach oben entlädt: Jeweils direkt über diesem Hotspot kommt es zu Vulkanausbrüchen, Lava fließt, Inseln entstehen. In ein paar Dutzend Millionen Jahren, da sind sich die Erdkundler sicher, werden auch die Vulkane von Big Island nicht mehr über dem Hotspot liegen und erlöschen. So wie die auf Nachbarinseln, die den Feuerzauber schon hinter sich haben.

Was weniger langfristige Vorhersagen angeht, haben die Experten weniger sichere Aussagen zu bieten. So treffsicher die Vulkanologen auf Hawaii vor konkreten Ausbruchsfolgen warnen können, so wenig wissen sie, wie lang der potenziell tödliche Spuk noch anhält.

Einen vergleichbar großen Ausbruch des Kilauea gab es zuletzt 1955. Jetzt, glauben die Vulkanologen, mische sich frisches, extrem dünnflüssiges Magma mit dem übriggeblieben, geschmolzenen Gestein von 1955 und bilde ein explosives Gemisch mit unterschiedlichen Temperaturzonen und Viskositäten. Entsprechend heftig fielen die Ausbrüche aus, entsprechend schnell fließe die dünnflüssige Lava.

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Kilauea-Ausbruch: Leben mit und trotz Vulkan

"Und ob das nun erst der Anfang eines großen Ausbruchs ist, oder ob er seinem Ende entgegen geht, wissen wir nicht", sagt der Vulkanologe Tom Shea von der Universität Hawaii. Man beobachte, ergänzt die Vulkanologin Wendy Stovall, um die Vorhersageinstrumente zu verbessern, "so dass wir zu etwas besseren Warnungen kommen".

Prinzipiell können sich Eruptionen, die sich aus gut gefüllten, großen Magmakammern speisen, über erhebliche Zeiträume erstrecken. Die Weltrekorde setzten hier Vulkane lang vergangener Zeiten.

Vor mehr als 66 Millionen Jahren bedeckten Vulkane das Gebiet des sogenannten Dekkan-Trapps in Nordindien mit einer mehrere Kilometer dicken Lava- und Basaltschicht - auf einer Fläche von 1,5 Millionen Quadratkilometern. Heute ist davon noch etwa ein Drittel übrig: eine bis zu 2000 Meter dicke Lavaschicht, deren Ausdehnung der kombinierten Fläche der Bundesrepublik Deutschland, Österreichs, der Niederlande und Belgiens entspricht.

Unfassbare Dimensionen? Keineswegs: Dreieinhalbmal älter, dicker und größer war einst der sibirische Trapp, der vor 250 Millionen Jahren binnen einer Million Jahren auf sieben Millionen Quadratkilometern bis zu 6500 Meter Lava auftürmte. Als das passierte, starben geschätzt 90 Prozent aller Lebewesen auf diesem Planeten - das bisher größte Massensterben der Erdgeschichte.

Dagegen ist Hawaiis Kilauea kaum mehr als Feuerwerk, was die Sache für die Menschen vor Ort aber nicht weniger bedrohlich macht. Immerhin hat man auf Hawaii Übung darin, der Gefahr des Erdfeuers auszuweichen. Etwas anderes bleibt ja auch nicht: Den Menschen macht diese Urgewalt zum reinen Zuschauer.

mit Material von AP und Reuters



insgesamt 2 Beiträge
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spiegel@fspost.org 20.05.2018
1. 3. Oktober
Im Artikel steht, dass der Ausbruch am 3. Oktober began. An sich began er 1983 und seitdem ist er mehr oder minder aktiv mit neuen Ausbruechen und Lavestroemen. Die derzeit aktive Phase began am 3. Mai. Der 3. Oktober passt da irgendwie garnicht.
thtbln 23.05.2018
2. Aktuelle Episode des Ausbruchs
Statt des 3. Oktober ist im Artikel wohl der 3. Mai 2018 gemeint, da an diesem Tag die ersten Spalteneruptionen in Leilani Estates begannen. Für den 3. und 4. Oktober 2017 wurden vom Hawaiian Volcano Observatory nur Aktivitäten der Episode 61 gemeldet (https://volcanoes.usgs.gov/vhp/archive_search.html). Der Ausbruch seit 1983 wird meist in Episoden unterteilt (vgl. https://volcanoes.usgs.gov/volcanoes/kilauea/geo_hist_1983.html), die aktuelle Episode hat wohl noch keine Nummer erhalten. Eine vorläufige Chronologie (https://volcanoes.usgs.gov/vsc/file_mngr/file-179/Chronology of events 2018.pdf) beginnt bereits am 17. April 2018 mit einem Druckaufbau des Magmasystems unter dem Pu‘u ‘Ō‘ō und einem hohen Stand des Lavasees im Boden des Halemaʻumaʻu-Kraters auf dem Gipfel des Kīlauea am 24. April. In der Berichterstattung wird oft nicht deutlich, daß der Kīlauea oft an verschiedenen Stellen aktiv ist: z.Zt. im sog. Overlook-Krater (der sich innerhalb des Halemaʻumaʻu-Kraters befindet, welcher wiederum ein Krater innerhalb der Kaldera auf dem Gipfel ist), im Pu‘u ‘Ō‘ō (in der oberen östlichen Bruchzone) sowie mit den Spalten und Lavaströmen in der unteren östlichen Bruchzone (Lower East Rift Zone - LERZ). In der deutschen und englischen Wikipedia sind aktuelle Ereignisse (mit Nachweis der Quellen) in folgenden Artikeln zu finden: Puʻu ʻŌʻō: Spaltenausbruch in Leilani Estates 2018 (https://de.wikipedia.org/wiki/Puʻu_ʻŌʻō#Spaltenausbruch_in_Leilani_Estates_2018) 2018 lower Puna eruption (https://en.wikipedia.org/wiki/2018_lower_Puna_eruption)
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