Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kindchenschema bei Hunden: Hab mich lieb!

Fotostrecke: Hundeblick trifft Kindchenschema Fotos
DPA

Seit der Mensch den Wolf zu seinem besten Freund gemacht hat, sind lauter niedliche Rassen mit Hundeblick entstanden. Forscher haben nun entdeckt, welches Signal uns besonders beeindruckt - wohl schon seit Tausenden von Jahren.

Wer kein Herz für Haustiere hat, könnte es für hinterlistige Manipulation halten. Hunde und Katzen wickeln uns mit psychologischen Tricks um den Finger, um an Aufmerksamkeit und Streicheleinheiten zu gelangen. Betteln Katzen um Futter, dann hinterlegen sie ihr Schnurren mit ungewöhnlich hochfrequenten Tönen - und erinnern uns damit an das Schreien von hungrigen Kleinkindern. Also greift der Mensch zum Dosenöffner.

Wie wirkungsvoll auch Hunde derartige Signale aussenden, zeigt nun eine Studie britischer, deutscher und US-amerikanischer Wissenschaftler. Ein Schlüsselreiz liegt demnach im Hundeblick, genauer gesagt in einer hochgezogenen inneren Augenbraue. Tiere mit diesem Gesichtsausdruck beeindruckten Menschen deutlich stärker als Hunde, die ihre Augen nicht auf diese Weise größer erscheinen ließen. Veröffentlicht wurde die Studie im Online-Fachjournal "PLoS ONE".

Kindchenschema in Reinform

Für ihre Untersuchung wählten die Forscher kein Labor, sondern ein Tierheim - das perfekte Terrain, um die tatsächliche Selektion von Hunden durch Menschen zu untersuchen. Zunächst erfassten die Wissenschaftler das mimische Ausdrucksvermögen von 27 Hunden, vom schlichten Blinzeln bis zum Augenbrauentrick.

Dann notierten die Forscher die Zeit bis zur Vermittlung der Tiere und fanden einen deutlichen statistischen Zusammenhang: Je häufiger die Hunde ihre Augen weiteten, desto schneller fanden sie ein neues Zuhause. Keine andere Eigenschaft konnte die Vermittlung so gut vorhersagen wie die hochgezogene Braue. Sie steht für kindliche Hilfsbedürftigkeit und Traurigkeit - ein deutliches Signal, sich einem der Hunde intensiver zu widmen.

Selektionsmerkmal Augenbraue

Ganz ähnlich dürften es vor mehr als 19.000 Jahren ausgesehen haben, als der Wolf langsam, aber sicher zum besten Freund des Menschen wurde. "Die frühe Domestizierung von Wölfen gilt als ein komplexer evolutionärer Prozess", sagt Juliane Kaminski, eine der Studienautoren. Vordergründig aber hat die Domestizierung große Ähnlichkeit mit dem Tierheimversuch: Der Mensch entscheidet, welches Tier ihn begleiten soll. Und das Tier tut gut daran, diese Entscheidung positiv zu beeinflussen.

Aus ihren Ergebnissen schließen die Forscher: Die Mimik der Hunde könnte sich schon vor vielen Jahren an die Vorliebe des Menschen für das Kindchenschema angepasst haben. Das geschieht mitnichten willentlich, sondern als evolutionäre Selektion. Tiere mit den passenden Merkmalen haben es leichter im Leben und können mehr Nachkommen zeugen, wodurch sich diese Eigenschaften letztlich durchsetzen.

Die Folgen dieser Selektion sind auch heute noch sichtbar: Viele Hunde wirken - anders als Wölfe - auch ausgewachsen noch wie Welpen, insbesondere in ihren Gesichtszügen. Dieser Effekt tritt häufig bei der Domestizierung wilder Arten auf und wird auch als Neotenie bezeichnet. "Die kindliche Mimik macht einen Hund wohl nicht zu einem besseren Haustier", erläutert Kaminski. "Aber das Hochziehen der Braue wird noch immer bevorzugt."

che

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
a_beidel 17.01.2014
also bitte.. erstens ist eine "studie", die in EINEM tierheim durchgeführt wurde, natürlich wie alle anderen studien zu behandeln: man sollte sie müde belächeln. des weiteren: sollte da auch nur ein fünkchen wahrheit dran sein, dann bezeichnet das bitte nicht als "kindchenschema" - menschliche babys sind so ziemlich die hässlichste, nervigste und am wenigsten zu bemitleidende art von klein"tieren" - das letzte, an das ich denken möchte, wenn mich mein hund treuherzig anschaut, ist ein kreischendes, faltiges menschenbaby.
2.
The.Dreadful.Bard. 17.01.2014
Da es sich um Signal handelt, das uns besonders beeindruckt, kennen wir es doch offenbar schon lange. Sonst wäre es wohl kaum ein "Signal".
3. Exploration
wauz, 17.01.2014
Immer wieder gibt es Diskussionen über die Qualität von Studien. Dazu muss man aber wissen, dass es Studien zu unterschiedlichen Zwecken gibt. Diese Studie gehört in die Kategorie "explorativ". Da wird ein noch nicht ausreichend untersuchtes Forschungsfeld erstmalig untersucht. Die Ergebnisse sind dann Hypothesen, die an Hand weiterer Studien und Daten überprüft werden können und müssen. leider sind viele Journalisten nicht ausreichend in der Lage, dies so auch darzustellen. An Hand der Angaben im Artikel kann man über die handwerkliche Machart der Studie nichts sagen. Sie hört sich originell an und es ist erst mal kein Fehler, dass diese Studie mit einer kleinen Studiengruppe durchgeführt wurde. Irgendwelche Prozentzahlen wären wohl nicht belastbar, aber eine Aussage wie: "Hunde mit einer bestimmten Mimik werden schneller vermittelt" ist akzeptabel. Kindchenschema an sich ist übrigens nichts neues. Und zu erwähnen wäre auch noch eine bestimmte universelle Mimik des Menschen, der Augengruß. dabei ziehen Menschen im Anblick eines ihnen bekannten anderen Menschen, den sie als friedlich einschätzen, kurz die Augenbrauen hoch. Menschen, die diese Geste bewusst einsetzen können, sind gute Verkäufer. Der Augengruß funktioniert meiner Meinung auch von Mensch zu Hund, wobei ich nicht sagen kann, ob das zum natürlichen Repertoire des Hundes gehört oder erlernt ist. Man könnte das an vielleicht Wölfen testen.
4. @a_beidel
optionalerKanzler 17.01.2014
Der Begriff Kindchenschema ist vollkommen korrekt - Oberstufenbiologie. Allgemein bezeichnet es ein Äußeres bei vielen Arten, das süß und hilflos wirkt und dazu anregt, das Junge zu beschützen. Charakteristisch sind die großen Augen (im Vergleich zur Kopfgröße). So habe ich es auf jeden Fall in Erinnerung ;)
5. Kindchen-Schema?
GregorHuettner 17.01.2014
ich halte statt des vermuteten "Kindchen-Syndroms" wohl eher die niedrigen Instinkte der hundeverliebten Menschen fuer die hervorgebrachte Symphatie ausschlaggebend. Einem Huendchen als "Herrchen" oder als "Frauchen" als Dressurmeister/in uebergeordnet zu sein, hat wohl eher zur Domestizierung des Hundes beigetragen als der beruehmte "Dackelblick"
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Verhaltensforschung: Der Wolf als Spiegel des Menschen

Fotostrecke
Ur-Raubtier: Belgier finden gemeinsamen Vorfahr von Katzen und Hunden
Hintergrund
Klicken Sie auf die Stichworte, um mehr zu erfahren...
Evolution
Die Veränderung des Erbguts und damit des Phänotyps von Individuen von Generation zu Generation.
Population
Eine Gruppe von Organismen einer Art oder auch verschiedener Arten (Mischpopulation) an einer bestimmten Örtlichkeit.
Phänotyp
Das Erscheinungsbild eines Individuums ist die Gesamtheit der durch die Erbanlagen (Genotyp) und die Einflüsse der Umwelt sich ausprägenden Merkmale eines Lebewesens.
genetische Variabilität
Die einzelnen Individuen einer Art besitzen genetische Unterschiede.
natürliche Selektion
Das Erbgut von Individuen einer Art wird nicht mit gleicher Wahrscheinlichkeit weiter gegeben. Manche Individuen einer Population vermehren sich stärker als andere - je nachdem wie überlebenstüchtig sie in einer bestimmten Umwelt sind. Selektionsfaktoren der Umwelt üben eine natürliche Selektion aus.
sexuelle Selektion
Ein Individuum bevorzugt bei seiner Partnerwahl bestimmte Merkmale. Dadurch haben nicht alle potentiellen Sexualpartner die gleichen Chancen zur Fortpflanzung, es findet somit eine Selektion statt. Die Erbanlagen, die die Merkmale hervorbringen, die fr die Partnerwahl entscheidend waren, werden dadurch weiter gegeben.
künstliche Selektion
Vom Mensch gewünschte Eigenschaften werden durch Selektion und Zucht einzelner Individuen gezielt vermehrt.
genetische Drift
Auch Gendrift genannt. Vorgang bei der Evolution, der zu einer Veränderung im Genbestand kleiner Teilpopulationen gegenüber der Ausgangspopulation führt. Je kleiner eine Population ist, umso leichter kann der Zufall eine vom allgemeinen Durchschnitt abweichende Kombination von Genen zusammenführen. Gelangen beispielsweise nur wenige Individuen einer Art in ein isoliertes Gebiet (Insel, abgeschnittenes Gebirgstal), so können sich nun von ihrem Selektionswert unabhängige Mutationen aufgrund des Zufalls durchsetzen oder verlorengehen. Dies kann zu Formen führen, die in einzelnen Merkmalen nicht angepasst sind (beispielsweise auffällige Färbung, die sie als Beutetiere mehr gefährdet). Der Wirkungsgrad der Gendrift kann durch die mathematische Statistik erfasst werden.


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: