Kino-Dokumentation Klimaforscher finden Al Gores Film korrekt

Mit seiner Kino-Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit" über die globale Erwärmung findet Al Gore sogar Gnade in den Augen kritischer Klimaforscher: Sie finden das populärwissenschaftliche Stück des ehemaligen US-Vizepräsidenten erstaunlich akkurat.


"Meine Frau ist eingeschlafen", sagte der Geowissenschaftler Jeff Severinghaus von der Scripps Institution. Er selbst hingegen sei vor lauter Aufregung auf der Vorderkante seines Kinosessels herumgerutscht. Daraus mag man ableiten, dass "An Inconvenient Truth",der Dokumentarfilm des ehemaligen demokratischen US-Vizepräsidenten Al Gore zum globalen Klimawandel, nicht ganz so actionlastig und spannend ist wie Roland Emmerichs Klimakatastrophen-Thriller "The Day After Tomorrow".

Filmplakat: "An Inconvenient Truth"

Filmplakat: "An Inconvenient Truth"

Dafür ist Gores Doku näher an der Realität. Überraschend nahe, fanden US-Klimaforscher. Die Nachrichtenagentur AP hatte 100 Wissenschaftler, die sich mit der Erdatmosphäre und den Veränderungen in ihr von Berufswegen beschäftigen, zu dem Film befragt. Auch ausgesprochene Klimawandel-Skeptiker seien darunter gewesen. Die meisten hatten "An Inconvenient Truth" nicht gesehen. Seit einem Monat läuft der Film in - wenigen - US-Kinos, wo er es bislang auf eine erkleckliche Zahl von rund einer Million Zuschauer gebracht hat.

Die 19 Forscher in der AP-Umfrage aber, die Gores Film gesehen oder das Begleitbuch gelesen hatten und auf die Fragen von AP antworteten, kamen zu einem überraschend eindeutigen Ergebnis. Die populärwissenschaftliche Dokumentation - voll gepfropft mit der Aussicht auf ein geflutetes New York City, ein überschwemmtes Florida, mehr und stärkere Hurrikane, schlimmere Trockenheiten und schmelzende Gletscher - habe eine wissenschaftlich seriöse Aussage.

"Er hat das wichtigste Material und stellt es richtig dar", sagte William Schlesinger, Dekan für Geowissenschaften an der Duke University. "Ich saß da und war begeistert, wie gründlich und akkurat es war", sagte Robert Corell, Vorsitzender der internationalen Arctic Impact Assesment Group. Detailfehler im Film seien "viel seltener und weniger gravierend als die Unzulänglichkeiten in der typischen Politikerrede zum Thema", sagte Michael MacCracken, Chef-Wissenschaftler des Climate Institute in Washington.

Lob für die Sorgfalt, Kritik am Detail

Besonders drei Punkte kritisierten die Wissenschaftler, die den Film kommentierten: Es sei unnötig, Bilder von New Orleans nach dem Hurrikan Kathrina zu zeigen. Für die verheerenden Folgen der globalen Erwärmung gebe es bessere und viel weniger umstrittene Beispiele, sagte der Meteorologe und Meeresforscher Brian Soden von der University of Miami. Andere sagten, Gore habe an einem Punkt des Film einen Eisbohrkern aus Grönland mit einem aus der Antarktis durcheinander gebracht. Der Kausalzusammenhang zwischen Kohlendioxid-Emissionen und dem globalen Temperaturanstieg werde zu einfach dargestellt, wurde ebenfalls kritisiert.

Tom Wigley, ein ehemaliger Forscher des National Center for Atmospheric Research, sagte hingegen, Gore sei noch zu optimistisch. Der Ex-Vizepräsident habe in dem Film suggeriert, dass vorhandene Technologien und die Macht umweltbewussten Verhaltens den Klimawandel abschwächen oder gar aufhalten könnten.

Die Chefs der US-Umweltschutzbehörde EPA und der Raumfahrtbehörde Nasa gaben an, den Film noch nicht gesehen zu haben. Der Wissenschaftsberater des US-Präsidenten hatte gesagt, die Dokumentation stehe auf seiner Liste. Amtsinhaber George W. Bush hingegen hatte angekündigt, er werde sich "Eine unangenehme Wahrheit" nicht ansehen.

stx/AP

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