Kletter-Trick Spinnen spazieren mit Klebseide senkrecht

Raffinierte dünnste Härchen lassen Spinnen haften. Doch manchmal wird es selbst den Kletterkünstlern zu rutschig. Um nicht von der Wand zu fallen, nutzen sie einen geheimen Trick, den deutsche Forscher jetzt erst entdeckt haben: Klebseide aus den Fußspitzen.

Von Andreas Kohler


Der Comicheld Spiderman verschleuderte seine langen, klebrigen Fäden mit einer geschickten Bewegung des Handgelenks. Echte Spinnen produzieren das Material mit Drüsen am Hinterleib, dem es als hauchdünner Seidenfaden entweicht. Damit fangen sie Beute, schützen sich selbst vor Feinden und verpassen ihrer Brut einen wirksamen Schutzschild gegen die raue Umwelt. Das ist jedenfalls das zoologische Lehrbuchwissen über die Krabbeltierchen. Doch Untersuchungen einer Forschergruppe um Stanislaw Gorb am Stuttgarter Max-Planck-Institut für Metallforschung decken nun ganz neue Fähigkeiten der Arachniden und ihrer Seide auf.

Wie nur schaffen es die Tiere, auch an glatten Fläche und über Kopf zu krabbeln? Dieses Rätsel war bislang nur teilweise gelöst. Die Wissenschaftler waren bisher davon ausgegangen, dass die Tiere ihren Halt an senkrechten Flächen aus sogenannten Adhäsionskräften gewinnen: Das sind Kräfte, die zwischen den Molekülen zweier unterschiedlicher Stoffe entstehen können. Tatsächlich haben die Spinnen körperliche Eigenschaften, mit denen sie diese Kräfte gut nutzen können: Eine sehr starke Auffächerung der Haare an den Spinnenfüßen lässt eine so große Oberfläche entstehen, dass eine gewisse Haltkraft entsteht - daher spricht man auch von Hafthaaren. Zudem haben die Tiere winzige Klauen an den Beinen, mit denen sie sich auf rauem Untergrund festkrallen können.

Bei einer Zebra-Vogelspinne aus Costa Rica fiel den Stuttgarter Forschern in ihrem Labor allerdings auf: Beim Hochklettern an glatten Flächen halten die Tiere ihre Hafthaare möglichst weit von der Oberfläche entfernt - das scheint unsinnig, galt doch die geschickte Nutzung von Adhäsionskräfte als Kletter-Geheimnis der Arachniden. Doch genauere Untersuchungen ergaben, dass die Spinnen mit Hilfe ihrer Seide an glatten Flächen hochklettern. Die Drüsen am Hinterleib sind dazu jedoch nicht zu gebrauchen. Die Spinnen produzieren zusätzlich Seide an den Füßen - eine Überraschung für die Forscher.

Haftseide aus den Füßen

"So etwas haben wir noch nie gesehen", sagte Gorb zu SPIEGEL ONLINE. Zunächst dachten die Foscher, die winzigen Spuren, welche die Spinnenbeine auf der Glasplatte hinterließen, seien Reste eines Sekrets. Erst genauere mikroskopische Untersuchungen ergaben, dass es sich dabei um Dutzende winziger Fasern handelt, die höchstens ein Tausendstel Millimeter dick und 0,1 bis 2,5 Millimeter lang sind. In ihrem Bericht, der jetzt in der Wissenschaftszeitschrift "Nature" erschienen ist, berichtet die Forschergruppe, wie genau die Spinnen sich auf glattem Material fortbewegen: Zunächst berühren die Tiere die Oberfläche nur mit dem hinteren Teil ihrer Füße. Sobald sie aber anfangen zu rutschen, scheiden sie mit den Füßen Seide aus und bleiben so haften.

Für Gorb wirft die Entdeckung neue Fragen über die Entwicklung der Spinnentiere auf. Für ihn könnte diese spezielle Funktion der Spinnen-Füße die Hypothese stützen, dass diese Tiergruppe die Seide ursprünglich einmal für die Fortbewegung verwendete. Erst später hätten die Tiere dann angefangen, die Seide in speziellen Drüsen und zu verschiedenen Zwecken herzustellen. Bei anderen Spinnengattungen konnte der Kletter-Mechanismus bislang aber nicht beobachtet werden. Aufschlüsse über die Spinnen-Evolution könnte nun eine Genanalyse bringen, bei der die Forscher die Seide aus den Füßen mit der aus dem Hinterleib vergleichen wollen.

"Es kann sein, dass viele Spinnen die Fähigkeit, mit Hilfe von Seide aus den Füßen zu klettern, im Laufe der Evolution wieder verloren haben", so Gorb. Bei der untersuchten Spinnenart handelt es sich um eine aus der Gattung der Mygalomorpha - sehr urtümliche Arachniden, die zudem die größten bekannten Arten hervorbringen. Aus dieser Tatsache speist sich eine weitere Hypothese: Möglicherweise haben bestimmte Spinnen angefangen, Seide abzusondern, da sie zu schwer waren, um lediglich mit Hilfe der Adhäsionskräfte an glatten Flächen emporzusteigen - und das schon lange vor der ersten Glasscheibe.

Mit Material von AFP/ddp



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.