Erderwärmung Was das wahre Problem der Klimapolitik ist

Der Sommer heizt die Klimadebatte an: Die einen sehen die hohen Temperaturen als Beweis einer fatalen Erderwärmung, die anderen verdammen Alarmismus, er stumpfe die Menschen eher ab. Beide Positionen sind falsch.

DPA

Ein Kommentar von


Wenn Deutschland wochenlang unter der Hitze ächzt, braucht man nicht lange zu warten, bis der Erste ruft: Das ist der Klimawandel! Auch Forscher haben in den vergangenen Wochen gewarnt, solche Hitzewellen könne es in Zukunft immer öfter geben, langfristig drohe sogar eine Heißzeit.

Aber es gibt auch Kritik an diesen Wortmeldungen: Soziologen meinen, dass solcher Alarmismus eher kontraproduktiv sei und die Menschen eher abstumpfe. Mein Kollege Axel Bojanowski konstatierte hier jüngst sogar eine gesellschaftliche Spaltung in der Klimadebatte - verursacht von den "Alarmisten" - die politische Lösungen erschwere.

Demnach wären voreingenommene Journalisten und lärmende Wissenschaftler daran schuld, dass wir Menschen in Apathie verfallen, weil sie uns immer lauter und panischer davor warnen, dass der Klimawandel aus dem Ruder läuft.

Doch diese These kann so kaum stimmen. Wie konnte der Klimavertrag von Paris überhaupt zustande kommen, wenn doch angeblich so viele Klimaforscher seit Ende der Achtzigerjahre untereinander total zerstritten sind und die besonders lauten unter ihnen nichts anderes tun, als den bald bevorstehenden Weltuntergang herbeizureden?

Haben die Klimadiplomaten der 195 Staaten sich etwa doch nicht vom "Alarmismus" sedieren lassen? Obwohl genau dies ja angeblich die Folge des Dauerfeuers aus Hiobsbotschaften sein soll?

Der Widerspruch

Noch etwas spricht gegen die Alarmismus-These: Umfragen zeigen, dass die Erderwärmung den Menschen alles andere als gleichgültig ist. Vor der Bundestagswahl im September 2017 gaben 71 Prozent der befragten Deutschen an, die Veränderung des Weltklimas mache ihnen persönlich besonders große Sorgen. Der Klimawandel war damit die größte Sorge überhaupt - vor Terroranschlägen, Kriminalität und Altersarmut.

Selbst in den in den USA, wo Klimafragen angeblich kaum eine Rolle spielen, gibt es längst ein hohes Bewusstsein für das Problem. Laut einer Untersuchung der Yale University von Anfang 2018 sind 70 Prozent der US-Amerikaner der Meinung, dass ein Klimawandel stattfindet - sieben Prozentpunkte mehr als drei Jahre zuvor. 58 Prozent glauben, der Klimawandel sei von Menschen verursacht.

Hätten die Alarmismus-Warner recht, müssten die Prozentzahlen eigentlich noch viel höher sein, würden nicht ständig Bedenkenträger wie der langjähre Nasa-Forscher James Hansen oder der Potsdamer Forscher Hans Joachim Schellnhuber die Menschen mit Katastrophenszenarien verunsichern.

Doch offenbar haben die Menschen rational durchaus verstanden, was Treibhausgase mit dem Klima anstellen und dass dies weitreichende Folgen für die kommenden Jahrzehnte und Jahrhunderte haben wird. Sicher, sie können das Kleingedruckte aus dem letzten IPCC-Weltklimabericht nicht rezitieren - aber das müssen sie auch nicht.

Dass die Menschheit bislang trotz dieses ausgeprägten Problembewusstseins nicht handelt, wie es nötig wäre, hat ganz andere Gründe.

Eine Ursache ist die mächtige Industrielobby. Die deutschen Autohersteller beispielsweise wehren sich bislang erfolgreich gegen wirksame CO2-Reduktionen bei ihren Autos. Auch die Betreiber von Kohlekraftwerken konnten radikale Einschnitte bisher verhindern - im Zweifel mit Unterstützung der Gewerkschaften.

Alles noch so weit weg

Und auch die meisten Politiker wollen ihren Wählern Klimaschutz nur dann zumuten, wenn er nicht wehtut. Im Zweifel ist die Wiederwahl in drei Jahren wichtiger als das Klima in vierzig oder achtzig Jahren.

Auch jeder einzelne Bürger könnte eine Menge tun, selbst wenn Politiker und Manager die Hände in den Schoß legen. Ökostrom, bewusste Entscheidungen bei Ernährung, Urlaubsreisen und Konsum - der ökologische Fußabdruck ist durchaus veränderbar.

Doch an dieser Stelle klafft oft eine Lücke zwischen Schein und Sein. Ein bekanntes Phänomen: Menschen wissen auch sehr genau, wie eine gesunde Ernährung aussieht - aber im Zweifel ist das Steak dann doch leckerer.

Man könnte meinen, die Warnungen vor einem folgenschweren Klimawandel funktionieren nur zur Hälfte: Sie erreichen zwar ganz offensichtlich unsere Ratio - führen aber nicht zu tiefgreifenden und unmittelbaren Änderungen unserer Gewohnheiten. Das mag nicht überraschen, reden wir hier doch über unser Verhalten in allen Lebensbereichen - vom Denken zum Tun ist es ein weiter Weg.

Und der kann durch "Alarmismus" tatsächlich kürzer werden - er ist im Umweltschutz ein durchaus erfolgreiches Konzept. Beispiel: Glyphosat. Die ständige Erwähnung eines angeblichen Krebsrisikos und die Hinweise auf ein mögliches Insekten- und Vogelsterben haben dazu geführt, dass die meisten Deutschen das Pestizid ablehnen. Das ist zwar fragwürdig, da es keine wissenschaftlichen Belege für ein solches Risiko gibt. Aber es zeigt, dass Alarmismus durchaus effektiv ist.

Immer schön konservativ bleiben

Einer der angeblich schlimmsten Alarmisten in Sachen Klimaschutz ist Hans Joachim Schellnhuber, Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Im SPIEGEL-Gespräch verteidigte er seine Warnungen ausdrücklich - und mit einem Schuss Alarmismus: "Gerade weil ich als Experte weiß, dass wir nur noch wenig Zeit haben, um eine globale Tragödie abzuwenden, muss ich die Stimme erheben."

Wenn Forscher über Worst-Case-Szenarien der Klimazukunft sprechen und nicht nur über jene, bei denen wir gerade noch mal mit einem blauen Auge davonkommen, dann verhalten sie sich nicht anders als seriöse Manager. Diese bewerten Risiken in Bilanzen nämlich konservativ - das heißt, sie gehen eher vom schlechtmöglichsten Ausgang etwa eines Rechtsstreits aus, um nicht unvorbereitet in die roten Zahlen zu rutschen.

Genauso sollten wir es in der Klimapolitik halten: Niemand weiß genau, wie folgenschwer der Klimawandel wirklich sein wird. Doch anstatt lang und breit über die Unsicherheiten der Simulationen zu debattieren, müssen wir vorsorgen. Wegen des Risikos, das für die Menschheit besteht.

Was aber ist von dem extrem heißen, trockenen Sommer zu halten, der Deutschland in den vergangenen Wochen so beschäftigt hat? Ein Beleg für den Klimawandel ist er selbstverständlich nicht. Der Sommer fällt in die Kategorie Wetter. Zum Klima wird Wetter erst, wenn man die Daten vieler Jahre zusammenfasst.

Wenn die hohen Temperaturen dem einen oder anderen aber bewusst gemacht haben, wie sich der Klimawandel in Zukunft anfühlen könnte, dann ist das weder Panikmache noch Alarmismus. Sondern eine nachvollziehbare Empfindung. Die durchaus einen Effekt haben kann: hin zu einem umweltbewussteren Leben.

Video: Klimawandel - Ist die Welt noch zu retten?

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**Kiki** 16.08.2018
1. "effektiv", soso.
---Zitat--- Die ständige Erwähnung eines angeblichen Krebsrisikos und die Hinweise auf ein mögliches Insekten- und Vogelsterben haben dazu geführt, dass die meisten Deutschen das Pestizid ablehnen. Das ist zwar fragwürdig, da es keine wissenschaftlichen Belege für ein solches Risiko gibt. Aber es zeigt, dass Alarmismus durchaus effektiv ist. ---Zitatende--- Welchen Effekt hat der Alarmismus in diesem Fall konkret auf das Verhalten der "meisten Deutschen"? Kaufen sie anders ein als vorher? Das müßte sich doch eigentlich feststellen lassen. Und ich gehe jede Wette ein: Der Effekt ist nicht meßbar. Aber Alarmismus als politisches Stilmittel - und dieses Stilmittel wird ja nicht nur in der Klimadebatte angewandt - hat einen allgemeineren Effekt, er läßt die Leute tatsächlich abstumpfen. Niemand kann nämlich über einen längeren Zeitraum hinweg ständig im Panikmodus herumlaufen und seine Panik dabei womöglich gleich auf ein Dutzend Baustellen gleichzeitig verteilen. Deshalb ist es erstens NICHT effektiv (Umfrageergebnisse sind irrelevant, nur die Veränderung beim tatsächlichen Verhalten zählt) und zweitens saugefährlich. Denn irgendwann kommt der Moment, in dem es wirklich wichtig wäre, die Leute dazu zu bringen, alarmiert zu sein, und dann kann es passieren, daß sie bloß müde mit den Achseln zucken.
j.ogniewski 16.08.2018
2. Das Problem ist doch...
Daß niemand bei sich selbst anfangen möchte, und daher die meisten auf andere zeigen, am liebstens einfach Autos zum Sündenbock machen. Dabei stellen ja z.B. Flug-Reisen inzwischen ein grösseres Problem dat, aber anstatt die zu regulieren werden neue Flughäfen gebaut und ältere ausgebaut, mit Steuergeldern natürlich, und der ganze Flugverkehr noch stark subventioniert. Dabei hat jemand, der gerne in den Urlaub fliegt, auch nicht mehr Recht, Schadstoffe zu verursachen, als jemand mit Auto-Interesse. Um nur zwei Beispiele zu nennen - andere wären Fleisch, Haustiere, Unterhaltungselektronik, Kleidung... Und so lange wir mit unterschiedlichen Maßstäben messen, Schadstoffe danach beurteilen, wie sie erzeugt werden, wird sich daran auch nichts ändern. Solange werden alle Ausnahmen für sich selbst fordern und versuchen, das Ganze auf andere abzuschieben. Was wir bräuchten, wäre ein Neustart in der Umweltpolitik - einheitliche, transparente Maßnahmen gegen alle Schadstoff-Verursacher. Ausnahmen sollten allenfalls darauf beruhen, wie wichtig etwas wirklich ist, und nicht auf Popularität. Aber leider traut sich da ja keiner ran - selbst die sog. Umweltparteien (in Europa) sprechen aus purem Populismus lieber davon mehr auf Autos zu legen, anstatt endlich auch mal andere zur Verantwortung zu ziehen.
ruhepuls 16.08.2018
3. Großes Problem - individuelle Lösungen?
Der Punkt ist doch, dass wir zwar ein Problem erkennen, aber gleichzeitig wissen, dass wir selbst es nicht lösen können. Wenn ich mein Auto verkaufe, dann ändert sich am Klima erst mal gar nichts, aber ich brauche deutlich mehr Zeit für meine Erledigungen. Das lässt sich sinngemäß auf viele Bereiche übertragen. Fakt ist, unsere ganze Lebensweise ist umweltschädlich. Wir sind zu viele und verbrauchen zu viele Ressourcen. Nur, was macht man mit der Erkenntnis? Irgendwelche Alibi-Aktionen mögen das eigene Gewissen beruhigen, ändern aber am langen Ende nichts.
michael.dittmar 16.08.2018
4. Risiko Analyse
Der Artikel versucht es allen recht zu machen, aber lässt die Kernfrage offen. Der einzige Lichtblick ist die Aussage: ``dann verhalten sie sich nicht anders als seriöse Manager. Diese bewerten Risiken in Bilanzen nämlich konservativ - das heißt, sie gehen eher vom schlechtmöglichsten Ausgang etwa eines Rechtsstreits aus, um nicht unvorbereitet in die roten Zahlen zu rutschen." Was das mit Managern zu tun hat ist unklar eine wissenschaftliche haltbare Aussage waere eher: die 450 ppm Co2 in der Atmosphaere (wir sind jetzt bei rund 410 ppm und plus 2 ppm pro Jahr) entspricht eben nicht +2 Grad sondern + 2 Grad mit einer Unsicherheit von +-1.5 Grad bzw mit einer Wahrscheinlichkeit von 5% etwa dass es auch plus 6 Grad werden koennen. Welcher vernünftige Mensch wuerde sich in ein Flugzeug setzen wenn die Chance eines Crash 5% ist? und ja weil wir Menschen angeblich ``Niemand kann nämlich über einen längeren Zeitraum hinweg ständig im Panikmodus herumlaufen" scheint nicht zu stimmen, wenn ich an die Terrorismus Panik denke die unglaublich gerade von den gleichen Leuten angeheizt wird die auch nur die kleinsten Massnahmen zur Reduktion der Co2 Emission als Panikreaktion bezeichnen. Es ist an der Zeit (nein es ist eigentlich schon nach Mitternacht!) die Dinge beim Namen zu nennen ..!!!
cindy2009 16.08.2018
5. @ruhepuls
"---- ruhepuls heute, 16:33 Uhr 3. Großes Problem - individuelle Lösungen? Der Punkt ist doch, dass wir zwar ein Problem erkennen, aber gleichzeitig wissen, dass wir selbst es nicht lösen können. Wenn ich mein Auto verkaufe, dann ändert sich am Klima erst mal gar nichts, aber ich brauche deutlich mehr Zeit für meine Erledigungen. Das lässt sich sinngemäß auf viele Bereiche übertragen. Fakt ist, unsere ganze Lebensweise ist umweltschädlich. Wir sind zu viele und verbrauchen zu viele Ressourcen. Nur, was macht man mit der Erkenntnis? Irgendwelche Alibi-Aktionen mögen das eigene Gewissen beruhigen, ändern aber am langen Ende nichts.-----" Wenn nur Sie das Auto nicht nutzen, oder gar nicht kaufen und das sonst niemand macht, ändert sich nichts. Wenn das viele machen ändert sich etwas. Und das kann, gerade, wenn es aus Deutschland kommt, richtungsweisend für andere Länder sein.
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