Ehrgeizige Klimaziele China will CO2-Ausstoß mehr als halbieren

Wie stark sich das Klima der Erde erwärmen wird, hängt vom CO2-Ausstoß in China ab. Das Land investiert mehr in alternative Energie als alle anderen Staaten. Die neuen Abgasziele werden trotzdem kaum zu erreichen sein.

Eine Analyse von

Stahlindustrie in Qian'an City in Nordchina: Warum sank der CO2-Ausstoß?
DPA/ Greenpeace

Stahlindustrie in Qian'an City in Nordchina: Warum sank der CO2-Ausstoß?


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


China bestimmt das Ausmaß der befürchteten weltweiten Erwärmung. Knapp ein Viertel der weltweiten Treibhausgas-Emissionen stammt aus dem Großstaat, Tendenz steigend: Die Hälfte der globalen Zunahme am CO2-Ausstoß im vergangenen Jahrzehnt kam aus chinesischen Schloten.

Indes: Jeder Bürger Chinas erzeugt nur etwa ein Viertel so viel CO2 wie ein US-Amerikaner, der Stromverbrauch jedes Haushalts in China liegt gar nur bei einem Achtel - obwohl China bald doppelt so viel CO2 in die Luft pustet wie die USA.

Das Großreich will Hunderte Millionen Menschen aus der Armut führen - dafür sollen Hunderte Kraftwerke gebaut werden. Die entscheidende Frage lautet: Auf welche Weise soll die Energie erzeugt werden für das erwartete Wachstum?

Neue Klimaziele

Jetzt hat China seine Klimaziele für die Uno-Tagung im Dezember in Paris bekannt gegeben, wo die Weltgemeinschaft sich auf Maßnahmen gegen den befürchteten Klimawandel einigen will. Gemessen an der Bedeutung für die globale Treibhausgasmenge sind es die entscheidenden Zahlen fürs Weltklima. Die wichtigsten Vorhaben Chinas sind demnach:

  • Die CO2-Emissionen des Landes sollen maximal bis 2030 steigen, danach sinken.
  • Bis zum Jahr 2030 soll auch die Industrie des Landes deutlich effektiver arbeiten: Für das gleiche Produktionsergebnis soll dann bis zu 65 Prozent weniger CO2 freigesetzt werden.
  • Dazu soll bis 2030 der Anteil nicht fossiler Energien um etwa 20 Prozent steigen.

Die Klimawende sei eingeleitet, frohlocken Umweltschützer bereits, weil der CO2-Ausstoß Chinas seit anderthalb Jahren leicht zurückgeht, obwohl die Wirtschaft des Landes weiter wächst. Doch noch rätseln Forscher über die Ursache: War es die abnehmende Stahlproduktion? War es der ungewöhnlich viele Regen, der Wasserkraftwerke zu Höchstleistungen trieb, wodurch weniger Kohleenergie notwendig war? Stimmen die Zahlen überhaupt?

Das spricht für eine erfolgreiche Energiewende in China:

Vor allem die Luftverschmutzung seiner Großstädte zwingt die chinesische Regierung zum Handeln; Millionen Menschen erkranken jedes Jahr an dem Feinstaub. Bereits 2013 startete China ein fast 300 Millionen Dollar teures Programm, um abgasintensive Kraftwerke und Industrien zu erneuern. Das Land investiert zudem mehr in alternative Energieformen als alle anderen Staaten; sein Budget dafür beträgt mehr als ein Viertel des globalen Etats. Zudem will China Dutzende neue Kernkraftwerke bauen, so dass bereits in fünf Jahren fünfmal mehr Strom aus Kernkraft erzeugt werden kann.

China hat im März beschlossen, die Kohleemissionen bis 2020 deutlich zu senken, die Energieproduktion durch Sonnenenergie gleichzeitig um ein Fünftel zu erhöhen. Zwei der größten Kohlekraftwerke des Landes wurden geschlossen, weitere alte Abgasschleudern sollen folgen. Die verarbeitende Industrie wurde angewiesen, binnen zehn Jahren ihren CO2-Ausstoß um 40 Prozent zu reduzieren.

Um Unternehmen ökonomische Reize für eine Energiewende zu bieten, hat China einen CO2-Emissionshandel aufgesetzt, der nächstes Jahr landesweit starten soll, nachdem er bereits regional getestet wurde. Wer in China CO2 ausstößt, muss künftig dafür zahlen.

Das spricht gegen eine erfolgreiche Energiewende in China:

Zwar steigert das Land seine Investitionen in erneuerbare Energien erheblich, doch unterm Strich bleiben die Investitionen in Kohle mit Abstand am höchsten. 2014 wurde etwa doppelt so viel Kraftwerksleistung auf Kohlebasis installiert wie aus Wind, Sonne, Wasser und Kernkraft zusammengenommen.

Noch stammen zwei Drittel von Chinas CO2-Emissionen aus Kohle - und das Verfallsdatum Hunderter Kohlekraftwerke des Landes liegt weiter als 50 Jahre in der Zukunft. Dass China die teuren Anlagen massenweise stilllegen könnte, erscheint zweifelhaft.

Um überhaupt sein Ziel zu erreichen, bis 2020 ein Fünftel der Energie ohne Kohle, Öl und Gas zu erzeugen, müsste China bei weiterem Wirtschaftswachstum mehr Kapazitäten für neue Energie schaffen, als die USA insgesamt im Jahr erzeugen - ein gigantisches Vorhaben.

Das macht die Prognose besonders unsicher:

Chinas CO2-Ausstoß lässt sich nur schwer nachvollziehen, immer wieder wurden Angaben stark korrigiert. Ende der Neunzigerjahre etwa hieß es zunächst, Kohlekraftwerke würden ein Fünftel weniger CO2 erzeugen - es war ein Irrtum. Auch Zahlen der vergangenen fünf Jahre mussten nachträglich deutlich nach oben korrigiert werden.

Erschwert werden die Rechnungen durch Hunderte kleiner Kohleminen, die häufig illegal betrieben werden. Wie vertrauenswürdig erscheint also die angebliche Abnahme des Treibhausgasausstoßes seit Anfang 2014, fragen sich Forscher.

Das droht trotz erfolgreicher Energiewende in China:

Gelänge es China, seine CO2-Emissionen 2030 gipfeln zu lassen, wäre nach Berechnungen von Klimaforschern allein damit 40 Prozent des verbleibenden Budgets verbraucht, dass die Weltgemeinschaft ausstoßen dürfte, um die Erwärmung nicht über zwei Grad zu treiben.

Neben China plant das fast ebenso einwohnerreiche Land Indien einen markanten Wirtschaftsaufschwung - mit Kohleenergie: Sein CO2-Ausstoß ist bislang nur ein Viertel so groß wie Chinas, die Bevölkerung bei Weitem ärmer. Indiens Regierung hat die Bekämpfung der Armut zum wichtigsten Ziel erklärt, und billige Energie habe dabei Priorität.

Zusammengefasst: China hat angekündigt, seine CO2-Emissionen im Jahr 2030 gipfeln zu lassen. Das Land versucht, den Abgasausstoß mit diversen Methoden einzudämmen, es investiert mehr in alternative Energieformen als alle anderen Staaten. Gleichwohl wurde 2014 etwa doppelt so viel Kohlekraftwerkskapazität neu installiert wie aus Wind, Sonne, Wasser und Kernkraft zusammengenommen - die Energiewende wird schwierig.

So steht es um den Welt-Klimavertrag

Mehr zum Thema


Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 99 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Leugnerwatch 30.06.2015
1. chinesische Klimaskeptiker
Ob die chinesischen Klimaskeptiker jetzt auch mit dem Grönland-Argument kommen? Wäre mal interessant zu erfahren.
berlin-steffen 30.06.2015
2. dat würd nüscht,
wir haben uns etwas verhoben. Aber wir machen weiter, ja, weiter so wie bisher. Erst kommen wir, dann nichts und dann irgendwann die anderen Lebewesen und ide Umwelt. Ist leider so, trotz Umweltkanzlerin.
Wanderfalke7 30.06.2015
3. erfreulich
Hallo ich finde es erfreulich, das sich nun auch China ernsthaft an der Reduzierung von CO2 beteiligt. Auch wenn die Ziele nur selbstverpflichtend sind und nicht Teil eines weltweiten Klimavertrages, so ist es doch ein guter Anfang. Gerade auf die Großmächte USA, China, EU und Japan kommt es an. Sie müssen mit guten Beistspiel verangehen und ein Vorbild für alle anderen Staaten sein. Die Entwicklung ist ermutigend. Herzliche Grüße!
professorA 30.06.2015
4.
Setzen, sechs, Herr Bojanowski. Zum Beispiel gehört es zur seriösen Berichterstattung, nicht mit Prozenten und "Halbierungen" etc zu operieren, sondern absolute Zahlen zu nennen, und, falls man die nicht kennt, Streubreiten zu nennen. Dass die Luftverschutzung nichts mit CO2 zu tun hat, müssten Sie eigentlich wissen, es sei denn, Sie lesen immer nur Spiegel, SZ, FR Zeit etc. Das Thema mit CO2 und der Klimakonferenz zu vermischen, ist wieder mal ein Stück Stimmungsmache. Wenn China einen nicht-fossilen Anteil von 20% an der Stromerzeugung anstrebt, dann hat das sehr wenig mit Wind und Sonne zu tun (denn die sind in China genauso volatil und für eine sichere Versorgung unbrauchbar), aber sehr viel mit dem geplanten und bereits laufenden Bau von KKW. Allein die Tatsache, dass dies in Ihrer "Analyse" nicht einmal erwähnt wird, sagt schon alles - eben SPON-Qualität.
ant-ipod 30.06.2015
5. Wäre ja zu schön um wahr zu sein...
... und Herr Gabriel bekommt nicht einmal eine Klimaabgabe für alte Kohlemeiler hin... Bei Anderen Reformen einfordern und selbst nur Wohltaten unters Volk bringen (Mütterrente, Frührente, Herdprämie) - Gestaltungskraft made in Germany...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.